Locarno 2014: Sehtagebuch (I)

Die Tränen Nordkoreas, Großaufnahmen bei Matías Piñeiro und ein unbeholfener Poet: Notizen zum Festival.

Songs from the North (Regie: Yoo Soon-mi; Südkorea 2014)

Songs from the North  01

Die Tränen verstehen, die die Nordkoreaner über den Tod ihres Führers vergießen. Überhaupt: die unglaubliche Emotionalität dieses Volkes. Ein kleiner Junge erzählt, wie sein Vater sein Land verraten habe und seine Mutter verstarb, als sie von der großen Ehre erfuhr, dass er, Verrätersohn, einen öffentlichen Auftritt bei einer offiziellen Veranstaltung erhalten würde. Nun ist der „Marschall“ für ihn Vater und Mutter zugleich. Der Junge schreit dies mit immer wieder wegbrechender Stimme ins Mikro und heult dabei. Sein kleiner Vortrag mündet in eine gemeinsame Choreographie von etwa zwei Dutzend Kindern auf der großen Showbühne, während im Publikum hunderte erwachsene Männer weinen. Es besteht kein Zweifel daran, dass dies eine Propaganda-Inszenierung ist. Und doch können diese Bilder vielleicht mehr erzählen, mehr verraten, wenn sie anders als nur didaktisch angefasst werden. Wenn sie überhaupt einmal angesehen werden. Wenn ihr emotionaler Gehalt nicht voreilig weggefegt wird vom westlichen Zweifel. Songs from the North versucht sich an einer solchen anderen Sicht. Die in den USA lebende Südkoreanerin Yoo Soon-mi blickt eher mit Neugier als mit Verwunderung auf ihre Landsleute im abgetrennten Teil ihrer Heimat. Sie nähert sich ihnen über eine Collage von eigenen Aufnahmen und Archivmaterial der Demokratischen Volksrepublik. Zum Höhepunkt ihrer essayistischen Zusammenführung der Perspektiven fragt sie, wie man eine alternative Geschichte von Nordkorea erzählen könne. Vielleicht, sagt sie, sollte man damit beginnen, eine alternative Geschichte der USA zu erzählen. Ich würde diesen Film gerne sehen. Yoo Soon-mi hat dazu schonmal einen Prolog gedreht.

 

Princess of France (La princesa de Francia; Regie: Matías Piñeiro; Argentinien 2014)

La Princesa de Francia 07

Als könnte nur die Großaufnahme von der Liebe erzählen, von dieser Anspannung, mit der der Verlust von Orientierung einhergeht. Ein Bein streicht ein anderes, eine Hand greift in den Nacken, ein Kuss auf die Wange, und der Typ von gerade eben ist vergessen. Es ist eine Konstellation, wie sie Hong Sang-soo gerne erzählt. Alle Bezugspunkte sind unmittelbar, die Figuren haben ihre konkrete Funktion und doch kann alles ausgetauscht und beim Reboot anders aufgerollt werden.  Piñeiro inszeniert die Formbarkeit und Flexibilität amouröser Beziehungen. Als Komödie, bei der niemandem zum Lachen zu Mute ist. Für ein Drama ist Princess of France viel zu verspielt, zu ungebunden, zu enigmatisch und fröhlich in der Sinnsuche. Oder ist der Film nicht doch ein Drama? Victor und die Frauen. Sie stecken sich Karten zu und tauschen Bücher aus, flanieren durch ein geschlossenes Museum, als gehörte ihnen die Welt. Außer der Kunst und der Liebe gibt es nichts. Aber war da nicht ein Fußballspiel ganz am Anfang, beim Blick aus dem Fenster? Princess of France wirkt wie ein Insider-Joke, der komischerweise auch noch für den Outsider reizvoll ist.  Piñeiro baut in seinen distanzierenden Hypersensibilismus Fluchtlinien ein, zum Theater von Shakespeare vor allem, aber auch zur argentinischen Gesellschaft. Natürlich setzt er dabei auf die verblüffende Treffsicherheit von zugleich vollkommen allgemeinen und doch allzu eigen wirkenden Beziehungsdynamiken. Er wäre ein guter Horoskopschreiber.

 

A Young Poet (Un jeune poète; Regie: Damien Manivel; Frankreich 2014)

Un jeune poete 01

Eine trotzige Ambivalenz strömt aus diesem Film und seinen starren Einstellungen eines südfranzösischen Mittelmeerortes. Ich kann mich nicht entscheiden, wie ich zu dem jungen Dichter Rémi stehe. Seine schlaksige Präsenz, seine bemühte Offenheit, seine offensiv unbeholfene Sprachpoesie. Selbst wenn er sich eines Wörterbuchs bedient, um sein Gedicht zu bereichern, trifft er bloß auf ausgelutschte Adjektive. Ich hoffe sehr, mir erklärt niemand, wie dieser Film gemeint ist. Rémi trifft auf ein Mädchen, sie macht Fotos von ihm, interessiert sich aber eigentlich nicht für ihn. Es ist zum Fremdschämen, wie er sie dennoch umgarnt. Es ist kaum auszuhalten, wie er ihr ein Gedicht singt, sich dabei verheddert, stimmlich und begrifflich danebengreift. Sie ist peinlich berührt. Ihre Freundlichkeit kann er nur missverstehen, wie er überhaupt nur von sich aus auf andere guckt, nie unvoreingenommen beobachtet, immer nur sieht, was er sehen will oder glaubt sehen zu müssen. Während ich beginne, mich auf unangenehme Weise über den Protagonisten zu erheben, da passiert etwas. Nicht den Dichter gewinne ich lieb, aber die Perspektive auf ihn. Denn sie erhebt sich gerade nicht über ihn. Sie stellt ihn nicht aus, wie ich erst dachte. Sie guckt ihn sich an, lässt ihn sein, lässt ihn gewähren. Lässt ihn sich verheddern. Lässt ihn jung sein und sich erst noch suchen. Für den Film muss der Jugendliche nicht schon erwachsen sein. Er darf unbeholfen und schlaksig und hoffnungslos romantisch sein. Vielleicht ist er nicht einmal talentiert und bald schon kein Dichter mehr. Aber für den Zeitraum des Films hat er alle Freiheiten.

 

Hold Your Breath Like a Lover (Regie: Kohei Igarashi; Japan 2014)

Hold Your Breath Like a Lover 01

Dieser Moment, in dem man verweilt, obwohl schon alles getan und gesagt ist. Die Energie reicht nicht mehr zum Aufbruch, oder ist es der süße Sog des Hier und Jetzt? Es schmeckt irgendwie, als sei es zu spät und zu früh zugleich, ein Zwischendrin, ein Zwischengang, aus dem herauszukommen ein Ziel verlangen würde, einen äußeren Motor, weil der innere nicht mehr will. Weil der immer gezwungen ist zum Antrieb und auch mal Urlaub will. Unentschiedenheit fördert Unwillen. Manchmal genügt zum Widerstand genau das. Sich seiner Funktion entziehen. Einen Hund suchen, weil jemand einen Hund gesehen hat und ihn jetzt keiner mehr sieht. Das Setting von Hold Your Breath Like a Lover changiert zwischen der verhinderten Einsamkeit eines gemeinsam auf der Arbeit verbrachten Feiertags und der Postapokalypse. Das heruntergewirtschaftete, nutzlos wirkende Fabrikgelände, umgeben von Wald, scheinbar ohne Anschluss an eine Welt da draußen, von der die Figuren anfangs noch sprechen, doch an die sie schon bald immer weniger denken. Igarashis Diplomfilm spielt in der nahen Zukunft des Jahres 2017, am Silvester-Vorabend. Die Olympischen Spiele von Tokio stehen vor der Tür. Einstweilen suchen die Dämonen der japanischen Wirklichkeit – oder ist es die Vergangenheit? – die Fabrik heim. Angst und Desillusion haben sich bereits so sehr gefestigt, dass jeder Ausbruch, auch ins Fantastische, nur mehr als Chance begriffen werden darf. Die Protagonisten heißen die Dämonen willkommen, aber sie sind allein mit dieser Haltung, einen Anschluss nach draußen finden sie nicht. Für den Augenblick. Drei Jahre hat die Realität, um die Fiktion einzuholen.

Kommentare zu „Locarno 2014: Sehtagebuch (I)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.