Locarno 2012: Kurzkritiken (2)

Liebe in den USA: Vage Fantasien von eigenwilligen Mädchen in Ruby Sparks und lesbische Monster in Jack and Diane.

Ruby Sparks 06

Ruby Sparks ist ein Schriftsteller-Film, eine Romanze und ein Hollywood-Beitrag mit ein wenig Independent-Flair in der Figurenzeichnung. Das neue Werk der Little Miss Sunshine-Regisseure, basierend auf dem Drehbuch der Darstellerin Zoe Kazan, möchte die Imaginationskraft feiern. Es ist ein fantastischer Stoff, denn Autor-Wunderkind Calvin (Paul Dano) überwindet seine lange Schreibblockade durch die Erfindung von Ruby Sparks, seinem Traummädchen (oder genauer: einem Mädchen, das seinen Hund Scotty mag, wie er ist) – und dann steht sie plötzlich vor ihm. Kazan hat aber auch einen Film geschrieben, der die Grenzen der Vorstellungskraft in den Blick nimmt: Denn obwohl alles, was Calvin über Ruby in seine Schreibmaschine tippt, Wirklichkeit wird, können sie einfach nicht miteinander glücklich werden. Nebenbei steckt Ruby Sparks auch die Grenzen des Independent-Kinos ab und positioniert sich selbst eindeutig im Mainstream. Der eigenbrötlerische Schriftsteller wünscht sich eine komplexe Frau, eine mit sogenannten quirks, von denen im Independentsektor immer die Rede ist, wenn Figuren als originell durchgehen sollen. Doch alles bleibt offen, es lebe die Projektion! Ruby hat nämlich gar keine Eigenheiten, jedenfalls keine auffälligen. Sie ist Künstlerin, zeichnet, versteht sich mit allen, ist offen für jeden Schabernack, kocht gut und gerne. Das Seltsamste an ihr ist womöglich, dass sie F. Scott Fitzgerald nicht kennt. Kazans Drehbuch sorgt dafür, dass nichts zu konkret wird, dass sich immer alle wiederfinden können in den Figuren. Von wegen Independent. Und Calvin, dessen Perspektive der Film einnimmt, bleibt auch zu jeder Zeit ungenaue Künstler-Persona. Worin sich eigentlich sein Genie ausdrückt, das ihm allseits attestiert wird, muss offen bleiben. Wahrscheinlich ist das ein allgemeines Problem: Erfolgsgeschichten funktionieren besser abstrakt denn konkret. So bleibt diese jedenfalls austauschbar. Davon bleibt unberührt, dass Ruby Sparks in der Behauptung vom Anderssein es durchaus vermag, eine sympathische Fantasie für Einzelgänger zu spinnen. Wer sich darin wiederfindet, ist nicht allein.

Jack and Diane 04

Bradley Rust Gray hat 2009 mit The Exploding Girl eine intime Liebesgeschichte mit Zoe Kazan in der Hauptrolle erzählt. Es war ein weniger plot-, eher atmosphärisch getriebenes Werk, das eindrückliche Momentaufnahmen junger Liebe fokussierte. Nun ist er mit einem grundsätzlich verwandten Film, Jack and Diane, im Wettbewerb von Locarno. Adäquat schreiben kann man über ihn nicht, ohne eine zentrale Wendung vorwegzunehmen: die unbedingte Liebe zwischen den beiden Mädchen (butch Jack und femme Diane) führt zu mysteriös-romantischen Horror-Szenen. Die Liebe in mir ist das Monster? Oder werd’ ich zum Monster, wenn mich die Liebe überkommt? Jack and Diane ist zunächst ein vom atemberaubenden Spiel Juno Temples getragenes Drama, eine dicht erzählte Passion in Großaufnahmen. Hier spielt sich trotz der Überhöhung alles im Konkreten ab, im New York der Gegenwart, irgendwo zwischen Nostalgie und Optimismus. Eine Parallele ließe sich zur New French Extremity ziehen, wo Liebe, Exzess, Körperlichkeit und Gewalt eine verstörende und betörende Allianz eingehen. Vor allem hat Gray einen leicht retrospektiven Blick auf die Jugend, der diese in aller Drastik ernst nimmt, den Samen der Endlichkeit der Liebe aber bereits gesät sieht. Das Monster in dir, das deine Partnerin verschlingen will, ist kein ausschließliches Phänomen der Jugend, aber hier verstehen wir es, hier ist es sanktioniert. Es beginnt ganz harmlos mit einem Nasenbluten, dem Nasenbluten als Symptom der Liebe. Wird das Monster gebändigt? Ende offen.

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