Locarno 2012: Gesichter führen aufs Glatteis

Wenn Experimentierlust belohnt wird.

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Früher bin ich in fremden Orten gerne allein auf Grundlage von Plakaten ins Kino gegangen. Ein Vergnügen voll Zuversicht: Ein Herantasten an den Film, über den ich noch fast nichts weiß, der sich in alle Richtungen entwickeln könnte, der jeden Augenblick sich auch als das genaue Gegenteil entpuppen könnte, nicht nur der ans Plakat geknüpften Erwartungen, sondern auch der Konventionen, die wir mit dem Kino ganz selbstverständlich verbinden. Ich liefere mich gerne aus. Und lebe mit den Konsequenzen. Abenteuer Kino. Das ist der sicherlich größte Reiz, den ich auch auf Filmfestivals empfinde. Wer schon einmal im Kino gesessen hat, ohne zu wissen, dass ein Film ausschließlich aus Weiß- und Schwarzbildern besteht, und sich fragend zur Vorführkabine umdrehte, um zu bemerken, dass im Saal kein anderer Zuschauer verunsichert war durch die anhaltende Ton- und Bildlosigkeit, der wird verstehen, was ich meine.

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So orientierungslos wie damals in der Vorstellung von Guy Debords Hurlements en faveur de Sade (1952) im Pariser MK2 Hautefeuille habe ich mich seither nie wieder gefühlt. Aber ich mache mir einen Spaß daraus, mit zweifelhaften, bruchstückhaften, eigenwillig zusammengetragenen Informationen ins Kino zu gehen. Ein Bild, ein Titel, ein Name, ein Ort. Für ein paar Stunden lege ich mein Sehschicksal gerne in die Hände der Kuratoren, einer Reihe oder eines Kinosaals. Bei Festivals in kleinen Orten wie Locarno kann man sein Programm zum Beispiel danach zusammenstellen, wie die Vorführbedingungen ausschauen: ob Mehrzweckhalle mit Gartenstühlen (harten oder weichen), ob Open Air mit Regengefahr, ob ehemaliges Kino oder Theater mit schiefer Leinwand und gepolsterten Sesseln. Ob überfülltes Screening oder dreiviertel leer. Ein bisschen schummele ich natürlich schon, weil ich mir das Programm zumindest durchgucke, um nichts Vielversprechendes zu verpassen. Worum es aber geht, das vergesse ich meistens schon, während ich es lese.

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Wenn kein mir bekannter Regisseur die Auswahl diktiert, dann sind es manchmal die Gesichter, die einem im Trailer oder auf Standfotos entgegenblicken, die einen Film verheißen, den es so vielleicht nur im eigenen Kopf gibt. Mobile Home ist so ein Fall, und ich bin mir auch zwei Tage später nicht sicher, ob der Regisseur François Pirot nicht genau mit diesen von den beiden Hauptdarstellern vermittelten Seherwartungen spielt: Guillaume Gouix war neulich in Cannes mit Beyond the Walls (Hors les murs) an einer schwulen Liebesgeschichte beteiligt, und Arthur Dupont hat nicht nur ein faszinierend facettenreiches Gesicht, sondern spielte auch vor ein paar Jahren in Jedem seine Nacht (Chacun sa nuit, 2006) einen schwulen Jungen (wie ich gerade nachlese). Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass Pirot mit diesen vergangenen Rollen bewusst umgeht, es darauf angelegt hat, mich aufs Glatteis zu führen. Und das gefällt mir ziemlich gut. IMDb verrät mir seine Mitwirkung an zwei Drehbüchern von Joachim Lafosse (Privatunterricht, Élève libre, 2008 und Nue propriété, 2006). Das verwundert mich dann doch etwas. Denn Mobile Home fehlt die Dichte, die Spannung, er nährt sich nicht von Konflikten, nein, flüchtet vor ihnen. Auf stilistischer Ebene ist es ein zu vernachlässigendes Debüt, weil es eher ungenaue Bilder und Perspektiven wählt, eine schwammige Atmosphäre etabliert von Aufbruchslust und Drifter-Dasein zweier nicht mehr ganz junger Männer. Erste Fehlentscheidungen haben sie bereits hinter sich, jetzt wollen sie konformistische Lebensentwürfe hinter sich lassen und entwerfen gemeinsam den Plan, durch die Welt zu reisen und vor sich hin zu leben.

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Dass daraus nichts werden wird, ist schnell klar. Wie sich aber die Beziehung und das Selbstverhältnis der beiden entwickeln wird, das bleibt in der Schwebe. Kleine wiederholte Berührungen, vorsichtige Blicke, gemeinsame Pläne. Für Frauen scheint sich Julien (Gouix) nicht zu interessieren. Sein verschmitztes Lächeln, seine Präsenz, seine Scheu, seine Klarheit, seine Standfestigkeit. Allein er gibt dem Film eine Komplexität, die sowohl das Drehbuch als auch die Inszenierung vermissen lassen. Dass am Schluss dann doch alles anders kommt, sich in heterosexuellem Wohlgefallen auflöst und die Straße dem abenteuersuchenden lonesome Cowboy gehört, das ist dann wiederum nicht verkehrt. Die Träume sind alle bereits vorher geplatzt.

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Ein kurzes Horrordrama hat Antoine Barraud nach Locarno mitgebracht. Seine besten Szenen hat The Sinkholes (Les gouffres) in der zweiten Hälfte von gerade mal einer guten Stunde Laufzeit, wenn sich das Drama immer mehr in einen fantastischen Horrorfilm wandelt, um kurz vor Schluss dann noch eine Kehrtwende zu vollziehen, die gleichzeitig verunsichernd, vergnüglich und verzaubernd wirkt. Gesichter und ihr Anklang nehmen dabei eine zentrale Rolle ein. Ich möchte so wenig wie möglich über den Film verraten, in der Hoffnung, dass ihn noch viele für sich selbst werden entdecken können. Und The Sinkholes ist ohnehin ein fragiles, unvollkommenes Werk. Als solches profitiert es ungemein von der festivaleigenen tranceähnlichen Seherfahrung, die sich nach ein paar Tagen Dauerbeschallung einstellt. Barraud hat nämlich mit geringsten Mitteln einen Film über eine spektakuläre Forschungsexpedition gedreht, von der wir allerdings fast nichts zu sehen bekommen. Und doch stellt sich nach einer anfänglichen Verwunderung über fehlende Establishing Shots, über die ständige Enge der Perspektiven, nach und nach die Notwendigkeit dafür heraus. Kurz vor Schluss spielt die Protagonistin und Forscherehefrau France (Nathalie Boutefeu) in einer  Opernadaption von Puccinis Turandot. Die Kamera fokussiert nur sie. Es ist selten, dass Film-im-Film-Szenen eine derartig vielschichtige Intensität entwickeln. Wir sehen France, zwischen zwei Nervenzusammenbrüchen, im doppelten Kampf: dem ihrer Figur und ihrem eigenen, unmöglich scheint es für sie, den unablässigen Regieanweisungen aus dem Off zu folgen. The show must go on – oder auch nicht: Es gibt Momente im Leben, da verrät das Gesicht alles, und wir können einfach nicht mehr spielen. Wir wollen erkannt werden und den anderen erkennen. Wenn das nicht mehr gelingt, dann ist das schon ausreichend Stoff für einen Horrorfilm.

Kommentare zu „Locarno 2012: Gesichter führen aufs Glatteis“


Martin

"Les Gouffres": Grandrieux meets "The Descent"
Grusel erzeugen aus bloßen Unschärfen von Körpern
Schöner Arthouse-Horror
Nur ein Stativ hätte dem Film gelegentlich gut getan
Und m.E. auch das Weglassen der letzten zehn Minuten (wobei du die ja anscheinend mochtest)


Frédéric

Interessant, an Grandrieux musste ich gar nicht denken, weil doch so viel trotz Unschärfen klar und deutlich ist. Kann natürlich sein, dass der Film im Kino anders wirkt, denn auch die Handkamera hat mich nicht gestört.
Stimmt, mir hat der Schluss gut gefallen, ich verstehe zwar, dass das Ende gewissermaßen unnötig mit der vorher langsam aufgebauten Atmosphäre bricht, aber mich hat eben diese eine Einstellung des Spiels im Spiel begeistert. Und ja, auch ganz der letzte Satz, selbst wenn das vielleicht etwas "cheap" erscheinen kann.






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