Lappland und das Kino der Sami – Nordische Filmtage Lübeck 2011

Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck konzentrierte sich 2011 eine Retrospektive auf Filme aus Lappland. Von dem im Titel angekündigten Kino der Sami konnte dabei allerdings keine Rede sein. 

Jaegarna

Der Titel der Retrospektive, „Lappland und das Kino der Sami“, die sich bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck einem weitgehend unerforschten Feld widmete, ist irreführend. Denn man kann es sich schon denken: Die indigene Bevölkerung jenes sich über den Norden von Schweden, Norwegen, Finnland und Russland erstreckenden Gebiets, die für ihre Naturverbundenheit und Erhaltung langer Traditionen bekannt ist, hat wohl kaum eine Filmkultur hervorgebracht, mit der sich eine Retrospektive füllen lässt. Im Mittelpunkt stand dann auch weniger das Kino der Sami als die von Fjorden und Bergen durchzogene Postkartenkulisse als Schauplatz zahlreicher Filme.

Bezeichnend dafür war der schwedische Krimi Die Jäger (Jägarna, 1996) mit dem als Ermittler Kurt Wallander bekannten Rolf Lassgård in der Hauptrolle. Lappland bildet hier in erster Linie einen dekorativen Hintergrund, und die Sami tauchen ohnehin nur kurz als Statisten auf. Wirkliche Lust auf eine Reise in den Norden Schwedens bekommt man nach dem Film allerdings nicht. Hier sieht alles ein wenig nach skandinavischem Texas aus, und die Einwohner bestehen aus versoffenen, in Flanellhemden gehüllten Rassisten. Die Jäger ist ein konventioneller Genrefilm, der mit seinem düsteren Realismus bezeichnend für die Vielzahl an schwedischen Fernsehkrimis ist. Neben einer aktuellen Fortsetzung seines Films, der ebenfalls in Lübeck zu sehen war, hat Regisseur Kjell Sundvall dann auch mehrere Beiträge der Kommissar Beck-Reihe inszeniert.

Space Invasion of Lapland

Noch weitaus unverblümter als Die Jäger verwendet die amerikanisch-schwedische Koproduktion Space Invasion of Lapland (Rymdinvasion i Lappland, 1959) die Landschaft als eigentliche Attraktion. Der amerikanische Fernsehregisseur Virgil W. Vogel drehte ein waschechtes B-Movie in der Tradition von Gefahr aus dem Weltall (It Came from Outer Space, 1953), indem ein Raumschiff inklusive überdimensionalem Weltraum-Yeti auf der Erde landet. In einer streckenweise durchaus unterhaltsamen Mischung aus Liebeskomödie und King Kong setzt Vogel nicht nur auf die sexuellen Reize seiner Hauptdarstellerin, sondern auch auf die Schönheit der lappischen Berge. Ob bei einem Skiausflug oder der Reise in einem Flugzeug, irgendein Anlass für ausgiebige Landschaftsaufnahmen findet sich immer.

Die Erde ist ein suendhaftes Lied  2

Während die Sami in Space Invasion of Lapland vor allem auf Klischees wie Ski, Rentiere und die charakteristische Tracht reduziert werden, bemühen sich andere Filme um eine authentischere Darstellung. The Earth is a Sinful Song (Maa on syntinen laulu, 1974), der auf dem gleichnamigen Roman des norwegischen Schriftstellers Timo Mukka basiert, ist in einer degenerierten Provinzwelt nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt. Hier wird gesoffen, gevögelt, geprügelt und gegen Ende dann auch immer mehr gestorben. Zwar finden sich die Sami nur unter den Nebenfiguren, die Alltagsbeobachtungen – wie etwa längere Szenen zeigen, in denen Rentiere zusammengetrieben und später geschlachtet werden – sind aber weitgehend dokumentarisch. Der Film dreht sich um die naive Bauerntochter Martta, die sich auf wechselnde sexuelle Bekanntschaften einlässt, in Wahrheit aber in den samischen Viehhirten Oula verliebt ist. Als Martta schwanger wird, bahnt sich eine Tragödie an.

Der Finne Rauni Mollberg hat in vielerlei Hinsicht einen bemerkenswerten Film gemacht. Allein die Darsteller entziehen sich mit ihren ungewöhnlichen Physiognomien jedem tradierten Schönheitsideal und entwickeln doch gerade dadurch eine ganz eigene, herbe Faszination. Martta ist etwa verhältnismäßig dick, ihr Angebeteter hat eine Prinz-Eisenherz-Frisur und verfaulte Zähne. Dramaturgisch ist The Earth is a Sinful Song auf seltsame Weise zerstreut. Obwohl Martta zweifellos die Heldin ist, schweift der Film immer wieder zu Nebenfiguren ab, die eher ein Porträt der Dorfgemeinschaft liefern als einer Handlungsökonomie zu dienen. Dabei treffen sich spröde, fast dokumentarische Beobachtungen mit starken Stilisierungen. In der Mitte des Film kommt es etwa zu einem seltsamen Gottesdienst, bei dem ein Teil der Zuhörer in religiöse Ekstase verfällt, während sich der Rest wollüstig aneinander vergeht.

Pathfinder

Sehr viel stärker in der Kultur der Sami sind dagegen die Filme von Nils Gaup, der selbst samischer Abstammung ist, verwurzelt. Während Pathfinder (Ofelas, 1987) auf einem samischen Mythos basiert, greift Die Rebellion von Kautokeino (Kautokeino-opprøret, 2008) auf ein historisches Ereignis aus dem 19. Jahrhundert zurück, bei dem sich die indigene Bevölkerung gegen die gewaltsame Christianisierung der Daros (Nicht-Sami) auflehnt. Obwohl diese Arbeiten viel Sensibilität für die Kultur der Sami zeigen, sind es letztlich doch sehr einfach gestrickte, mit ethnischem Kitsch aufgeladene Abenteuerfilme.

Laila  die Tochter des Nordens

Weiter zurück in die Filmgeschichte wagte man sich dagegen mit dem epischen Melodram Laila, die Tochter des Nordens (Laila, 1929) von George Schnéevoigt. Der Stummfilm erzählt von einer Dreiecksgeschichte und der Überwindung kultureller Grenzen, oder zumindest beinahe. Laila ist eine Daro, wird nach dem Tod ihrer Eltern aber von einer Sami-Familie aufgezogen. Kompliziert wird es, als sich Laila gegen die vereinbarte Hochzeit mit ihrem Adoptivbruder sträubt und lieber mit dem tatsächlichen Cousin durchbrennen möchte. Die kulturellen Unterschiede werden in slapstickhaften Szenen dargestellt: Der Daro versucht sich etwa erfolglos am Einfangen eines Rentiers, während Laila vom ausschlagenden Pegel einer Kuckucksuhr hypnotisiert wird.

Die Nordkalotte

Bis auf die beiden Beiträge von Nils Gaup teilen alle Filmen den Blick von außen, den sie auf eine fremde Kultur werfen. Wie aufschlussreich jedoch auch der fremde Blick sein kann, zeigte unter anderem der deutsche Dokumentarfilmer Peter Nestler, der in den 1960er Jahren nach Schweden auswanderte. Sein fürs Fernsehen entstandener Film Die Nordkalotte (1991) ist gerade deshalb äußerst gelungen, weil er sich Lappland auf verschiedenen Ebenen nähert. Lediglich etwas gewöhnungsbedürftig ist der von Nestler selbst eingesprochene Voice-over, der in brummendem Bass nicht nur die Bilder kommentiert, sondern auch die Interviews übersetzt. Nestler zeigt in einem Essay-Film die Rudimente der Sami-Kultur, erzählt davon, wie Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg über die Berge geführt wurden, und zeigt immer wieder, wie die Industrialisierung die Natur und damit den Lebensraum der Sami zerstört. In einer besonders beeindruckenden Szene sieht man, wie der giftige Rauch nach einer Explosion in einer Eisenerzgrube langsam in die angrenzende Stadt zieht.

Noch deutlicher widmet sich dieser Entwicklung der Schwede Stefan Jarl. Er selbst sagt, seine Filme seien eher für den Bauch als für den Kopf. Seinen in Lübeck gezeigten Kurzfilm Land der Samen (Samernas land, 1994) bezeichnet er mit einem Augenzwinkern sogar als Propagandafilm. Jarl stellt stark konstrastierende Bilder einander gegenüber und zeigt etwa, dass Jagd nicht gleich Jagd ist. Auf der einen Seite Lebensnotwendigkeit für die indigene Bevölkerung, auf der anderen dekadentes Freizeitvergnügen prominenter Politiker.

Die Bedrohung

Doch so unmissverständlich Jarl seine ökologische Botschaft auch vermittelt, die Filme wirken nicht aufdringlich didaktisch. Über die Gedankenwelt und die Werte der Sami gaben Jarls Filme in der Retrospektive am meisten Aufschluss. Allein wegen der Liebe zum Detail, mit der er sich in Jåvna – Ein Rentierzüchter im Jahr 2000 (Jåvna, renskötare år 2000, 1991) den verschiedenen Methoden zum Kupieren von Rentierohren widmet, sollte man sich den Film ansehen.

In Die Bedrohung (Hotet/Uhkkadus, 1987) zeigt Jarl dagegen die Auswirkungen des Reaktorunfalls in Tschernobyl auf das Leben der Sami. Der Wind trug seinerzeit eine Menge radioaktiver Strahlen bis in den finnischen Bereich Lapplands. Jarl zeichnet die Folgen der Zerstörung als mythische Tragödie nach, nicht zuletzt durch den dramatisierenden Einsatz von Musik. Eine mehrmals wiederkehrende Einstellung zeigt, wie ein Helikopter vor unheilvoll verdunkeltem Himmel Massen an notgeschlachteten Rentieren abtransportiert. In den Filmen von Jarl und Nestler ist Lappland keine Postkartenkulisse mehr. Zu lange hat der Mensch hier gewütet. Geblieben ist ein Untergangsszenario. 

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