L.A. Rebellion

Vom 24.9 bis zum 8.10. widmet sich das Wiener Filmmuseum zwischen brüchigem Sozialrealismus und kruden Genre-Exzessen einem unabhängigen schwarzen Kino, dem ein Ehrenplatz in der Filmgeschichte gebührt.

Welcome Home Brother Charles

In seinem für die Black-Power-Bewegung sehr einflussreichen Buch Seele auf Eis analysiert Eldridge Cleaver auf durchaus umstrittene Weise die Unterdrückung der Afroamerikaner. Rassismus ist für den Schriftsteller und Aktivisten in erster Linie eine Erniedrigung unter Geschlechtsgenossen. Dem verweichlichten und dekadenten weißen Mann ging es in Cleavers Augen vor allem um die Kastration der Schwarzen. Der krude Blaxploitationfilm Welcome Home Brother Charles wirkt wie eine direkte Umsetzung dieser Theorie. So will ein bösartiger und frustrierter weißer Polizist in einer Szene einen schwarzen Drogendealer entmannen, weil dieser mit seiner Frau geschlafen hat. Als der Dealer dann unschuldig wegen Mordes hinter Gittern landet, folgt eine übersinnliche Wendung, mit der das Unrecht korrigiert wird. Nachdem der Held aus dem Gefängnis kommt, rächt er sich mit dem, was seinen Peinigern am meisten Angst macht: der bedrohlichen Sexualität des schwarzen Mannes.

Killer of Sheep

Jamaa Fanakas Film von 1975 ist Teil einer Wiener Retrospektive, die sich ab heute dem Kino der L.A.-Rebellion-Bewegung widmet. Gemeint ist damit eine lose Gruppe von Filmemachern, die sich ab Mitte der 1960er Jahre im Umkreis der UCLA Film School zusammengefunden hat. Ihr Ziel bestand vor allem darin, ein schwarzes Amerika zu zeigen, das im zeitgenössischen Kino praktisch nicht existierte. „L.A. Rebellion“ ist der Auftakt einer von den critic.de-Autoren Lukas Foerster und Hannes Brühwiler kuratierten zyklischen Reihe, die anhand verschiedener Kollektive einen neuen Blick auf die Filmgeschichte wirft. Und obwohl die stilistischen und politischen Gemeinsamkeiten der Filme im Vordergrund stehen, wird auch ihren Eigenheiten Tribut gezollt. Fanakas wahnwitzig wirrem Genre-Reißer kommt im Programm eine Sonderstellung zu. Es ist ein Zugeständnis ans Populäre, Vulgäre und Alberne, während sich der politische Aktivismus in den Filmen von Charles Burnett, Billy Woodberry und Haile Gerima meist in einem poetischen Sozialrealismus niederschlägt. Was die unterschiedlichen Positionen dann wieder vereint, sind die dokumentarisch anmutenden Miniaturen, die am Rande einer meist eher losen Handlung gezeichnet werden und neben alltäglichen Szenen vor allem einen ungefilterten Blick auf den Alltag, aber auch die reiche Tanz- und Musiktraditionen der Afroamerikaner bieten.

Bush Mama 1

Billy Woodberrys Bless Their Little Hearts (1984), der ungeschminkt vom Alltag einer Familie am unteren Rand der Gesellschaftshierarchie erzählt, wirkt wie ein nüchternes Gegenstück zu Welcome Home Brother Charles. Zwischen der Unmittelbarkeit improvisiert wirkender Szenen und einem Realismus, der nur durch das Schwarzweiß der Bilder gebrochen wird, erzählt der Film ebenfalls von einer Krise der Männlichkeit. Die zu langen Fingernägel seines Sohnes reichen Vater Charlie aus, um ihn als Weichei und Mädchen zu erniedrigen. Dabei ist das grausame Ritual gut gemeint: Das Kind soll lernen, dass ihm im Leben nichts geschenkt wird. Charlie weiß das am besten. Weil er seit Langem keine Arbeit findet und zunehmend im Selbstmitleid zerfließt, fühlt er sich nur wie ein halber Mann. Um sich zumindest sexuelle Bestätigung zu holen, gefährdet er auch noch seine Ehe.

The Blood of Jesus

Die Filme von Fanaka und Woodberry interessieren sich zwar vor allem für die männlichen Figuren, doch kennt das Kino der L.A. Rebellion in seiner vielschichtigen Darstellung von gesellschaftlichem Druck und struktureller Gewalt durchaus auch die Leiden der Frauen. In Bush Mama (1979) erzählt Haile Gerima etwa, wie die unbekümmerte junge Heldin ein politisches Bewusstsein entwickelt und den Widerstandskampf am eigenen Körper beginnt. Die Perücke, mit der sie sich zuvor einem weißen Schönheitsideal angenähert hat, reißt sie sich in der Schlusseinstellung demonstrativ vom Kopf. Die Entschlossenheit, mit der sich der Film weigert, die systematische Unterdrückung einer Minderheit weiter hinzunehmen, raubt einem auch heute noch den Atem. Einen Fokus auf Filmemacherinnen legt die Reihe mit einem Kurzfilmprogramm, in dem unter anderem Regiearbeiten von Julie Dash und Barbara McCullough zu sehen sind. Als historische Klammer werden außerdem der frühe schwarze Film The Blood of Jesus (1941) und die neueste erweiterte Fassung von Thom Andersens Los Angeles Plays Itself (2003/2013) gezeigt.

Zuletzt eine erfreuliche Nachricht für alle, die gerade nicht in Wien sind: Im November wird die fast durchweg auf Film gezeigte Reihe in leicht abgespeckter Form auch in Berlin präsentiert.

Das gesamte Programm gibt es hier 

Kommentare zu „L.A. Rebellion“


Silke Roesler-Keilholz

Ein spannendes Thema! Mehr dazu gibt es auch in dem Beitrag "A Moment of Radical Thought. Zum kritischen urbanen Kino der L.A.-Rebellion" von Laura Frahm zu lesen. Erschienen ist der Artikel in Zeitschrift Augenblick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft; hier Ausgabe 59, "Virtuelle Topographien. Los Angeles multimedial" von Sascha Keilholz und Silke Roesler-Keilholz.






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