Knapp neben dem Leben: Die Filme von Rudolf Thome

Notizen über ein Werk und sein Verschwinden.

Berlin Chamissoplatz

In Rote Sonne (1970) verliebt sich Marquard Bohm in Uschi Obermeier. Die sollte ihn eigentlich umbringen, das sind die Regeln ihrer militanten Wohngemeinschaft, der Bruch der Regel treibt das Drama an und seinem blutigen Ende entgegen. In Das rote Zimmer (2010) verliebt sich Peter Knaack gleichzeitig in Katharina Lorenz und Seynep Saleh. Das bringt zwar Komplikationen, umgebracht wird aber niemand. Ein Liebesvertrag regelt die Einzelheiten, die Regeln werden angepasst, das Drama fällt aus. Der Regisseur beider Filme heißt Rudolf Thome.

Zwischen beiden Filmen, Thomes zweitem und dem bisher letzten, liegen zwei Dutzend weitere und 40 Jahre. Was liegt noch dazwischen? Aus dem Regisseur, der einst einen der wenigen genuinen deutschen Kultfilme gedreht hat, ist ein Außenseiter geworden, der nur noch für einen ständig kleiner werdenden Kreis eingeschworener Liebhaber zu drehen scheint. Noch einmal – oder, aus der Perspektive einer jüngeren Generation: zum ersten Mal – die Thome-Filme, alle Thome-Filme zu sehen, das ist heute umso richtiger und umso schöner. Schließlich gibt es im deutschen Kino kaum ein anderes Werk, das ähnlich umfangreich wäre, und erst recht kaum einen anderen ähnlich persönlichen, dichten Werkzusammenhang.

Das Mikroscop

Was heute ein Thome-Film ist, bildet sich in den ersten zwei Jahrzehnten der Karriere langsam heraus, ist aber spätestens 1986 ganz und gar da. Seit Das Mikroskop spielen die Filme in ihrem eigenen Universum. Es gibt ein Thome-Stammensemble (das allerdings erstaunlich anschlussfähig ist, siehe die Hannelore-Elsner-Serie Mitte der 00er-Jahre), es gibt Thome-Figuren, -Motive, -Orte, -Situationen, -Milieus. Sieht man von Modischem ab, von Kleidern, Frisuren, Autos, Kommunikationstechnik, könnte Das Mikroskop auch 2010 gedreht worden sein und Das rote Zimmer 1986.

Made in Germany and USA

Zeitlos sind die Filme trotzdem nie, sie lassen die Welt und ihre Veränderungen am Rand, an der textuellen Peripherie mitlaufen, in Fernsehsendungen, Zeitungsschlagzeilen, Nebenhandlungen (der Terrorplot in Rauchzeichen, 2006) oder durch Entwicklungen und Parallelisierungen innerhalb des Werks: In Just Married (1998) ärgert sich ein Banker darüber, dass seine Kollegen nicht in den neuen Potsdamer Platz im Zentrum Berlins investieren wollen. In zehn Jahren, prophezeit er, werde da das Leben pulsieren. Das Thome-Kino braucht dann nicht einmal diese zehn Jahre, bereits 2004, in Frau fährt, Mann schläft, dem großartigen Mittelstück der Zeitreisetrilogie, ist es in der neuen Mitte der Hauptstadt angekommen. Es geht dabei nicht um Reflexion von urbanen Entwicklungen, sondern schlicht und einfach um eine Zeitgenossenschaft von Welt und Kino. Rudolf Thome hat nie einen Historienfilm gedreht, seine Filme spielen in den Städten, in denen er lebt, oder in den Ländern, in denen er Urlaub macht; in den Clubs, die Thome-Figuren aufsuchen, läuft die angesagte Musik der jeweiligen Gegenwart. Thomes Filme sind oft ironisch, aber deswegen nicht distanziert, schon gar nicht vom Leben ihres Schöpfers; in den Filmen der späten 1990er und frühen 00er-Jahre kann man den beiden jüngsten Kindern Thomes beim Aufwachsen zusehen. Ungefiltert dringt ab den 1980er Jahren die Begeisterung des Regisseurs für Computer und digitale Technik in den Thome-Film ein; schon in System ohne Schatten von 1983 geht es um elektronischen Bankraub und die experimentelle Musik Laurie Andersons, der vorläufige Endpunkt dieser Linie ist der sehr schöne Venus Talking (2001), der fast so etwas entwirft wie ein Register digitaler Bilder, der Möglichkeiten ihrer Verwendung, durchaus auch ihrer moralischen Dimensionen. Vielleicht gibt es heute auch einfach, vor allem in den Printmedien, nicht mehr viele Möglichkeiten, angemessen über ein derartiges Kino zu schreiben. Vielleicht müsste man nicht so sehr über diese als mit und neben diesen Filmen schreiben, genau wie sie ihrerseits nicht so sehr Filme über das Leben (die Liebe, die Ehe) sind, sondern eher Filme mit Leben, Filme manchmal auch knapp neben dem Leben.

In den 1960er Jahren, als sowieso alle in München waren, war der junge Rudolf Thome von Anfang an mittendrin. Jahre bevor Fassbinder und Wenders ihre ersten Kurzfilme drehten, fanden sich Thome, Klaus Lemke und Max Zihlmann für erste Filmprojekte. Wer sonst noch zur heute legendären Münchner Gruppe gehört hat, ist nicht so einfach eruierbar. Zu den ersten Förderern zählte das Ehepaar Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, mit denen die Thome-Gruppe auf den ersten Blick zwar wenig, auf den zweiten aber die Bewunderung für alte amerikanische und neue französisches Filme einerseits, das Desinteresse am Themenkino der Oberhausen-Gruppe um Alexander Kluge andererseits teilte. Eine der sonderbarsten Anekdoten aus dieser Zeit betrifft die Entstehung von Thomes bekanntestem und erfolgreichstem Kurzfilm Jane erschießt John, weil er sie mit Ann betrügt (1968). Der wurde fast ohne Budget gedreht, auf überschüssigem Filmmaterial aus den Drehs von Lemkes zweitem Spielfilm Negresco**** – Eine tödliche Affäre  und von Straub-Huillets frühem Meisterwerk Die Chronik der Anna Magdalena Bach (beide 1968). Thomes improvisiert-poppige Nouvelle-Vague-Paraphrase als Rückseite des minimalistisch-spröden Bach-Films zu sehen: Das eröffnet die deutsche Filmgeschichte noch einmal ganz neu. Straub bestand damals darauf, Jane erschießt John ... als Vorfilm zum eigenen Werk zu zeigen. Vielleicht gibt es genau das heute nicht mehr: den Glauben daran, dass das Kino ein Ganzes ist oder zumindest sein soll. Heute ist Thome in Berlin, Lemke mal in München, mal in Hamburg, Straub in Paris, und der Alltagsbetrieb des Gegenwartskinos schert sich um keinen der drei.

rote sonne

Es folgten dann ab 1969 in kurzer Folge vier Langfilme in München, alle nach Drehbüchern Zihlmanns. Wie Rote Sonne sind auch Detektive (1969), Supergirl – Das Mädchen von den Sternen (1971) und Fremde Stadt (1972) Genrevariationen auf den Spuren Hawks’ einerseits, Godards andererseits. In Fremde Stadt ordnet Thome eine Handvoll Figuren um die Beute eines Bankraubs, aber der Geldkoffer hat von Anfang an nicht die fatale Anziehungskraft, wie er sie in so vielen anderen Filmen vorher hatte, er bringt auch kein Unglück, am Ende wird die Beute geteilt. Die selbstfinanzierte Low-Budget-Produktion war in finanzieller Hinsicht eine Katastrophe und trieb den tief verschuldeten Thome nach Berlin. Dort entstanden Mitte der 1970er zwei sehr billig produzierte, fast vollständig improvisierte Spielfilme. Teilweise autobiografische Beziehungsarbeit im linksalternativen Westberlin, fixierte 16mm-Kamera, davor scheinbar endlose Gespräche, in denen kein Punkt gemacht wird, sondern in denen zwei Menschen Versuche unternehmen, sich erst einmal selbst zu finden und die Grundlagen der gemeinsamen Kommunikation festzulegen. Die Filme werden von den Umständen der Biografie und des Budgetplans angetrieben, nicht von einem Drehbuch. In Made in Germany und USA (1974) ist die Hauptfigur plötzlich und ohne Vorwarnung in New York; Karin Thome, die sich kurz darauf vom Regisseur scheiden ließ und deren ungeheure Nonchalance in diesem fast vergessenen Film zu entdecken eine große Freude ist, reist ihm dann hinterher. Der Film zerfällt immer mehr in Amerika-Impressionen und endet in den düsteren Gassen New Orleans’ mit einer der schönsten und bizarrsten Szenen des Thome-Kinos. In Tagebuch (1975) übernimmt Thome zum ersten und einzigen Mal die Hauptrolle in einem seiner Filme, und er spielt sich selbst, oder ein nur wenig fiktionalisiertes alternatives Selbst mit einer berührenden Ehrlichkeit, kehrt die eigene Pedanterie, die eigenen Obsessionen bedingungslos nach außen. Bis auf die semiautobiografischen Filme Philippe Garrels gibt es wenig Vergleichbares in der Filmgeschichte.

Weit weg sind Made in Germany und USA und Tagebuch, weit weg ist erst recht Beschreibung einer Insel, ein im weiteren Sinne – auch wenn der Regisseur selbst mit dieser Beschreibung nicht einverstanden war und ist – dokumentarisch inspirierter dreistündiger Film, den Thome 1978/79 gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin Cynthia Beatt verwirklichte, von Rote Sonne. Nicht zuletzt von dessen Versprechen eines Kinos, das gleichzeitig populär und durch und durch zeitgenössisch ist. Aber obwohl er in dieser Phase seine Filme mit sehr viel weniger Geld realisierte als heute, war Thome doch noch auf eine Weise präsent, wie er es 2011 nicht mehr ist. Wenn man die im Herbst 2010 erschienene Monografie „Formen der Liebe“ zum Werk des Regisseurs liest, oder erst recht, wenn man den Thome-Band ausgräbt, den die Freunde der deutschen Kinemathek 1983 herausgegeben hatten, erkennt man, dass die breite, vielstimmige Thome-Rezeption nicht mit Rote Sonne geendet hat. Noch bis tief in die 1980er blieb der Regisseur ein wichtiger Fixpunkt in den Debatten im Feuilleton und den damaligen Filmzeitschriften. Der Diskurs hat aufgehört, seine Orte verloren, das Thome-Kino ging und geht weiter. Vielleicht hat es auf seine eigene Isolation reagiert. Dem prekären Status der Filme in der Verleihlandschaft entspräche dann die Tendenz zur Selbstverinselung der Thome-Protagonisten. Man zieht sich zurück, mal auf tatsächliche Inseln (Rauchzeichen), mal in die Provinz, in die Wiesen (schon in Tarot, 1986, danach immer wieder bis hin zum aktuellen Film Das rote Zimmer). Meistens geht es aber in solchen Bewegungen aus der Großstadt (fast immer: aus Berlin) heraus doch eher um eine durchaus produktive Form der Selbstvergewisserung beziehungsweise -neuerfindung, nicht um eine tatsächliche und endgültige Abschottung oder auch nur um einen resignierten Rückzug.

Venus Talking

„Überleben in den Niederlagen“ heißt ein interessanter Text des Regisseurs – der noch bis in die 1980er neben seinen eigenen Arbeiten fürs Kino regelmäßig Filmkritiken in Tageszeitungen und Stadtmagazinen veröffentlichte – über seine frühen Jahre. Ein Gescheiterter war Thome allerdings schon damals, im Gegensatz zu einigen Weggefährten, nicht – und er ist es auch heute nicht. Mehr als zwei, drei Jahre liegen selten zwischen den einzelnen Filmen, eine Kontinuität, mit der höchstens noch sein allerdings unter deutlich prekäreren Bedingungen arbeitender ehemaliger Mitstreiter Klaus Lemke – ein weiterer großer Außenseiter des deutschen Kinos – mithalten kann.

Vielleicht der eindrücklichste aller Thome-Filme ist Berlin Chamissoplatz (1980). Es gibt schöne Texte zu dem Film, aus der damaligen Zeit von Hans-Christoph Blumenberg, rückblickend von der Gegenwart aus von Rüdiger Tomczak. Wenn Berlin Chamissoplatz im Laufe dieses Jahres endlich erstmals auf DVD erscheinen wird, wird hoffentlich ein breiteres Publikum feststellen oder wiederentdecken können, dass er seine Zeit und seinen Ort auf ähnliche Weise zu fassen bekommen und gleichzeitig befragt hat, wie vorher Rote Sonne das München der späten 1960er. In den ersten Filmen, die Thome in Berlin drehte, ging es zwar auch schon um die Stadt als solche, aber nicht auf dieselbe Weise wie in Berlin Chamissoplatz, wo gleich die erste Einstellung in einem Schwenk über die Dächer Kreuzbergs die Textur, die Bausubstanz zur Musik einer zeitgenössischen Punkband in Szene setzt. Später kämpfen Hausbesetzer gegen Grundstückspekulanten, doch die Liebesgeschichte, die schnell beginnt, spielt sich gerade nicht im klassischen Sinne vor diesem Hintergrund ab, sie hebt sich und den Film in ihrer sanften Dynamik aus ihm heraus und führt schließlich nach Italien. Berlin Chamissoplatz ist auch der erste Thome-Film mit Hanns Zischler, dem zweiten großen Fixpunkt im Werk neben Marquard Bohm.

Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan

Die Filmografie ist hier noch nicht einmal zur Hälfte durch. Aus all den vielen Filmen, die danach noch folgen, sei hier nur einer herausgegriffen, nicht, weil die anderen keine Erwähnung wert wären, sondern ganz im Gegenteil, weil sie nach einem anderen, eigenen Text verlangen, vielleicht am ehesten nach einer Poetologie im engeren Sinne, nach einer Auflistung und genauen Untersuchung der variiert wiederkehrenden Situationen und Figuren. Von den fünf Filmen, die Thome mit Hannelore Elsner gedreht hat, wirkt Du hast gesagt, dass du mich liebst (2006), der ebenfalls im Laufe des Jahres einen überfälligen DVD-Release erhalten wird, am intimsten. Nicht zuletzt aufgrund eines Voice-over-Kommentars, den die Hauptdarstellerin selbst über die ruhigen, souveränen Bilder spricht. Der Film beschreibt, wie sich eine alternde Frau in einen auch nicht mehr ganz jungen Mann (Johannes Herrschmann, vielleicht der zentrale Schauspieler der zweiten Werkshälfte) verliebt, der daraufhin einen Bestseller über ihre Beziehung verfasst. Am Ende dieser scheinbar simplen Geschichte, die das Verhältnis von Liebe und Kunstproduktion reflektiert, beginnt ein Baum zu sprechen, einfach so, genau wie in Das Geheimnis (1995) irgendwann einfach so Marquard Bohm vor der Tür steht und sich als Jesus Christus vorstellt, und genau wie in Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan (1998) einfach so ein Zeitreisender auftaucht und sich in der Brandenburger Provinz häuslich einrichtet.

Kommentare zu „Knapp neben dem Leben: Die Filme von Rudolf Thome“


Willi Winzig

Ja, und die Liebe! Thome ist ein Filmemacher, der an die Möglichkeit von Liebe glaubt. Das macht seine Filme so liebens-wert.






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