Kleine Filmgeschichte des Körperkults

Rezension zu Reclams Lexikon Filmgenres: Sportfilm

Ideologische Fluchtlinien von Leni Riefenstahl bis in die Gegenwart: Der 15. Band der Reclam-Genre-Lexika widmet sich dem Sportfilm und lotet dessen Bandbreite und Entwicklung exemplarisch aus.

Reclam Filmgenres Sportfilm

Nach dem altbewährten Konzept der Reihe beginnt das Buch mit einem motivanalytischen und -historischen Aufriss. Es folgen Besprechungen von rund 60 Einzelfilmen unterschiedlicher, wenn auch (wie meistens) größtenteils amerikanischer Herkunft, der klaren Dominanz des Genres im US-Kino geschuldet. Entsprechend widmen sich die meisten modernen Beispiele den einschlägigen Sportarten Baseball, Football oder Basketball.

Inzwischen vom Kanon-Prinzip der ausschließlichen Auflistung vermeintlich wichtigster Filme etwas entfernter – da hat sich das Konzept der Reihe dem oft schwierigen Umgang mit dem Korpus angepasst –, umfasst die Zusammenstellung zwar keine wahren Außenseiter, bringt aber einige wenig präsente und zu Unrecht der Obskurität anheimgefallene Vertreter wieder zur Kenntnis, etwa Lindsay Andersons Lockender Lorbeer (This Sporting Life, 1963) oder Robert Aldrichs Die härteste Meile / Die Kampfmaschine (The Longest Yard, 1974). Auch stehen viele Einträge als Stellvertreter für ein ganzes Subgenre, müsste dem Sport-Film-noir etwa, repräsentiert durch Robert Wise’ Ring frei für Stoker Thompson  (The Set-Up, 1949), schließlich eine eigene historische Linie zugewiesen werden. Man hätte ein paar andere unumgängliche Beispiele wie Jules Dassins Die Ratte von Soho (Night and the City (1950), Wise’ Die Hölle ist in mir (Somebody Up There Likes Me; 1956) oder Kubricks Der Tiger von New York (Killer’s Kiss; 1955) aber dann zumindest im Text erwähnen sollen.

Interessant – vor allem an der Entwicklung des Boxerfilms – und zentraler Forschungsgegenstand ist der Wandel der Ideologien über die Jahrzehnte. Eingang gefunden haben unter demselben Blickwinkel auch eine Reihe von Dokumentarfilmen, deren ideologisch meistbeladene sicher bis heute sämtliche Olympiadefilme sind. Genrezugehörigkeit, das ist immer eine Frage der Kriterien und kontinuierlicher Gegenstand oft müßiger Diskussion; die Einleitung etwa nennt den Körperkult als wichtigen Teil des Genres, erklärt aber natürlich die Ausgrenzung etwa eines Films wie Junior Bonner (1972) zugunsten mehrerer Rennfahrerfilme nicht. Auch schade, dass John Hustons Flucht oder Sieg (Escape or Victory; 1981), obwohl als misslungen eingestuft, Zoltan Fabris thematisch vergleichbarem, ungleich renommierterem Zwei Halbzeiten in der Hölle (Két félido a pokolban, 1961) vorgezogen wurde, was aber vermutlich schlicht an der Zugänglichkeit der Kopien liegt, da die Autoren offenbar alles auf lieferbaren DVDs gesehen haben. Trotz alledem ist der Band ein fundiertes und solides Kompendium und eine präzise Untersuchung einer bedenklichen Gattung, deren soziopolitischer Einfluss auf uns, auf Schönheits- und Gesundheitsideale, das wird erschreckend deutlich, seit Leni Riefenstahl nur noch stetig zugenommen hat.

Kai Marcel Sicks, Markus Stauff (Hg.): Filmgenres: Sportfilm

Stuttgart: Reclam Verlag 2010. 304 Seiten. EUR 7,80

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