Kinogeschichte in Fetzen

Neue Bücher von Charles Berbarian und Blutch erzählen von Filmen, die es nirgendwo mehr gibt außer im Frankensteingewand der Erinnerung. Dass das ausgerechnet in Comicform passiert, ist kein Zufall.

Letztes Wort zum Kino Cover

Victor Burgins The Remembered Film gehört zu den schönsten, aber sicher auch sonderbarsten Büchern, die je über das Kino geschrieben wurden. Es ist eine Liebeserklärung an einen bunten Bilder-Scherbenhaufen, den man normalerweise Film nennt – und den Burgin mithilfe von Kapitalismuskritik, Traumdeutung und Semiologie zusammenfegt. Am Anfang steht da die These, dass der klassische Begriff vom Film als von A bis Z geschaute, mehr oder minder kunstvoll gestaltete, circa eineinhalbstündige, meist erzählend voranschreitende Bilderfolge ein ziemlicher Sonderfall in unserer medial ausgefütterten Gegenwart ist. Wie viele Filme stückelt man sich nicht en passant durch schlichtes Augenoffenhalten zusammen, konsumiert sie als Ahnung und Spekulation – als Banner auf Filmkritikseiten, Promo-Clips in U-Bahnhöfen, Teaser-Werbung vor dem YouTube-Video und in der Nacherzählung von Bekannten. Filme, vor allem die großen, die dicken, die teuren, existieren von Anfang an in der kollektiven Cloud kapitalistischer Alltagskonsumtion. Darum muss man sie, so die ironische Spitze Burgins, vielleicht auch gar nicht mehr anschauen, um sie gesehen zu haben.

Destillierapparat Gedächtnis

Letztes Wort zum Kino  1

Aber solche Verstümmeleien sind mitnichten nur dem Kapitalismus eigen. Unser Gedächtnis macht etwas ganz ähnliches. Bewahren wir von einst geschauten Filmen nicht oft nur ein Bild wie ein Thumbnail auf, Imago eines vergangenen Erlebnisses, das als Platzhalter des Vergessenen dient? Doch dieses Bild glüht vor in ihm verschlossenen Bedeutungen. Das Gedächtnis löst Filme auf, lässt sie gerinnen, staucht ihre Zeit zusammen, bricht die Montageketten der Narration auf wie Enzyme Kohlenhydratketten, bis am Ende das entsteht, was der Teilzeit-Fotograf Burgin den „erinnerten Film“ nennt: Ein von Freud’scher Traumarbeit bis zur Unkenntlichkeit verdichteter Rebus aus halb erinnerten, halb geahnten Bildstücken, vergleichbar mit einem „schnell arpeggierten musikalischen Akkord, dessen einzelne Noten zwar nacheinander angeschlagen werden, aber gleichzeitig miteinander vibrieren.“ „Sequenz-Bild“ nennt Burgin dieses zombifizierte Überleben des Films in Traum und Erinnerung. Wie in einer magischen Schatulle sind darin Geschichten, Gefühle und Gedanken verschlossen. Ein bisschen führt die Erinnerung den Film also auf seine materielle Basis, das Standbild, zurück.

Letztes Wort zum Kino  2

Wenn ich mich recht entsinne, erwähnt Burgin in seinem schmalen Band niemals Comics. Das verwundert nicht, aber es wäre interessant gewesen, seine Gedanken zu ihrem gespannten, von vielen Missverständnissen getragenen Verhältnis zum Film zu lesen. Comic-Adaptionen scheitern nicht selten daran, dass der Film herablassend die Eigenheiten der Bücher ignoriert und sie zu besseren Storyboards degradiert – und dabei verkennt, dass Comicpanels keine Freezeframes sind, nicht nach Bewegung streben, sondern Bewegung auf verwirrende Weise in sich sammeln und halten können. Ergo die oft posenhafte Statik von Comicadaptionen (gut zu beobachten in Watchmen, Zack Snyder, 2009). Umgekehrt haben Comics immer wieder mit filmischen Erzählmustern geflirtet, seitenweise Panels wie Zelluloidstreifen ausgebreitet und dabei nicht selten die Storyökonomie geheuchelter Bewegtheit geopfert  – ganz wunderbar wird das in Yoshihiro Tatsumis Manga-Memoir A Drifting Life (2008) auseinander genommen.

Die ausgebreitete Zeit des Comics

Letztes Wort zum Kino  3

Natürlich gibt es starke Affinitäten zwischen Comic und Film. Beide gestalten ausdrucksvoll aufeinander bezogene Bilder (im Plural). Aber eine besonders tragfähige Brücke, so scheint mir, läuft über die Erinnerung. Denn ist nicht im stillgestellten, von allerlei Fäden der Erzählung und der Kunstgeschichte durchwebten gleichzeitigen Neben- und Nacheinander der Bildergeschichten genau die Idee des mnemonisch komprimierten Films angedeutet, die Burgin umtreibt? „Sequential Art“, so nannte der große Comicerneuerer Will Eisner sein Metier einmal. Die von Burgin beschriebene widersprüchliche Verfassung des Sequenz-Bildes klingt da an. Das Sowohl-als-auch aus Abfolge und Gleichzeitigkeit breitet der Comic über die Seite aus, arrangiert Panels, die sich im Akt des Lesens zu einer zeitlich erlebten Erzählung verfügen. Ein Panel wird vom anderen nie ganz ausgelöscht, während der Filmschnitt die vorangegangene Einstellung ein für allemal verdrängt. Vergangenheit und Zukunft sind im Comic immer da – für ein anschauliches Beispiel siehe Richard McGuires bahnbrechenden Sechseiten-Brainfuck „Here“ (von dem es eine epische Neuauflage gibt und sogar eine putzige, aber eben auch ziemlich sinnlose Filmadaption).

Cinerama Cover

Ein guter Comic erzählt daher auch über seine Seitengestaltung, über Farbcodes, grafisches Layout, darüber, ob der Gutter streng gezogen ist oder die Bilder ineinander „bleeden“. Man vergleiche nur einmal ganzseitige Sunday-Strips à la Krazy Kat (George Herriman) mit Neil Gaimans fließenden Arrangements, Alan Moores strengem 3x3-Layout oder Chris Wares filigranen Erzählarchitekturen, um die enormen ästhetischen Vermögen des Comics zu erahnen. Allesamt Autoren, die mit der stillgestellten Zeitlichkeit des Comics, ihrer Komik, Tragik, auch dem ihr innewohnenden Grauen spielen. Und so schreibt nur die wandernde Aufmerksamkeit des Lesenden ein zitterndes „Jetzt“ in die Story. Vielleicht hilft das die Schwemme meist autobiografischer „Comic Memoirs“ der letzen Jahre zu erklären. Es könnte am Medium liegen.

Fummeln im Zwielicht der Leinwand

Zwei vor Kurzem ins Deutsche übersetzte Bücher französischer Autoren bieten eine gute Gelegenheit, die Nähe zwischen Kino und Comic qua Gedächtnisarbeit zu untersuchen. Zum einen ist da Ein letztes Wort zum Kino von Blutch. Christian Hincker, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, gehört zu den Großen des zeitgenössischen Bande dessiné. Mit seinen meist schwarz-weißen, oft grob schraffierten, wuchtigen Panels (man schaue sich die wilde, allzu-menschlich-unmenschliche Ödnis seiner tollen Satyricon-Adaption Peplum an) kann man ihn zu einer Gruppe furchtloser, dunkel-ironischer Humanisten des europäischen Comics zählen, die auch Manu Larcenet (Blast) und Lorenzo Mattotti (Stigmata) umfasst.

Cinerama  1

In Ein letztes Wort zum Kino zeigt sich Blutch zugleich erbarmungslos wie komisch, wenn es darum geht, die Niederungen menschlicher (besser gesagt: männlicher) Obsessionen auszuloten bis in die letzte Peinlichkeit – vor allem sexueller Art. Eine Reihe von Alter Egos eines impotenten, griesgrämigen, leicht hyperventilierenden Protagonisten verirren sich da in oft traumartigen, narrativ sehr lose gestrickten Vexierspielen aus Kinofiguren, Schauspielergesichtern und Frauenkörpern. Der recht forsch daherkommende Titel ist Programm. Blutch hat einen Abgesang aufs Kino gezeichnet, bei dem die Erinnerung an wildes (Cinématheque-)Glotzen der Jugend auch eine Reminiszenz an lang vergangene Zeiten sexueller Promiskuität und kreativer Schaffenskraft ist. Im Dunkel des Kinos wurde gefummelt und gevögelt, während sich ins erhitzte männliche Hirn die Fressen von Burt Lancaster, William Holden und Orson Welles hineinbrannten. Und die suchen den Alten jetzt heim. Blutch erzählt davon, wie sich Filme säuregleich in unsere Psyche ätzen können. Oder konnten, denn das Kino, von dem er erzählt, ist tot.

Zitatelabyrinth für Eingeweihte

Blutch zeigt Gedächtnis als Zitategenerator. Seine meist monochromatisch eingefärbten Seiten sind voll mit Anspielungen und Verweisen auf den klassischen Cinéphilen-Kanon mit europäischem Autorenkino und amerikanischen Studioschinken. Aber auch Literatur und die bildenden Künste werden zitiert, zum Beispiel Balthus’ rätselhafte Perversionen. Die großformatigen Panels wirken oft ganz bewusst chaotisch, setzen Hinter- und Vordergrund schwach gegeneinander ab, was die Orientierung gekonnt erschwert.

Cinerama  2

Blutchs Comic ist ein Dschungel der Verweise für Eingeweihte. Ich muss zugeben, dass ich trotz Filmgeschichtsstudium so einiges nicht kannte und darüber hie und da das Interesse an Ein letztes Wort zum Kino verlor. Blutchs hermetische Traumminiaturen behandeln solches Nichtwissen oftmals geringschätzend, öffnen die Psyche der Comicfiguren (wie Burgin das zum Beispiel grandios tut) nicht nach außen. Wer die Bezüge nicht erkennt, hat weniger Spaß. Das ärgert mich. So sehr ich viele der erwähnten Filme und Schauspieler liebe – ich fühle mich diesem Kanon, der immer noch oftmals den Bezugsrahmen fürs informierte Filmgespräch bildet, nicht zwangsläufig verpflichtet. So traurig es ist, wenn diese Filme im kollektiven Gedächtnis verblassen – das Kino geht damit noch nicht unter.

Zugegeben, ganz so simpel ist Blutchs dichtes, durchaus faszinierendes Erzählexperiment nicht. Auf den vielleicht besten, weil am wenigsten überladenen Seiten findet er dafür auch eine tolle Metapher. Ein offensichtlich an Godard orientierter Schrat mit Zigarre und Trenchcoat angelt da in einem industriellen Kühlwasserbecken. Wieder und wieder zieht er exotische Fische aus der Brühe, die aber sofort wie im Zeitraffer verwesen und zu Staub zerfallen. Auch in der Fabrik namens Kino gibt es Schönes, aber es stinkt schnell und ist vergänglich. Die Comicfigur ist bald gelangweilt und zieht ab, aber Godard angelt stoisch weiter.

Im Bett mit Edwige Fenech

Cinerama  3

Legt man Charles Berberians ungleich leichtfüßigeres, trashaffines Cinerama neben Blutchs bildungsbürgerliches Letztes Wort …, fällt einem dessen totaler Eurozentrismus ziemlich unangenehm auf. Da gibt es nur westliches Kunstschaffen, das man bitte zu kennen hat. Berberian – armenischer Abstammung, geboren in Bagdad, aufgewachsen im Libanon, wohnhaft in Paris – macht so ziemlich das Gegenteil. Er nimmt uns an der Hand bei einem sehr persönlichen Rundgang durch randständiges, zur Hälfte nicht-westliches Filmemachen. Seine Sehbiografie umspannt dabei billige türkische Blockbuster-Rip-Offs mit national-chauvinistischer Schlagseite und ägyptische Singschmonzetten mit Farid el Atrache ebenso wie eher seichte französische 80er-Jahre-Romanzen mit Christopher Lambert und Catherine Deneuve.

Berbarian geht also davon aus, dass man seine Quellen nicht kennt – und bringt sie uns daher durch kleine Vignetten seiner Erinnerungen nahe, mit einem kindlichen und einem jugendlichen Alter Ego als Reiseführern. Dabei mischt auch er die Welten, Filmerzählung und Kindeswahrnehmung stürzen ineinander, etwa wenn der kleine Charles plötzlich eine Sexszene mit der italienischen Softporno-Queen Edwige Fenech stört oder sich der ältere Charles auf der Suche nach seiner Mutter im Soap-Opera-Kosmos von Dallas verirrt. Auch das kann Comic natürlich gut: die Ebenen mischen wie Spielkarten, gezeichnete Menschen durch gezeichnete Welten wandern lassen. Kaum verwunderlich, dass der Comic das popkulturelle Meta-Medium schlechthin ist.

Berbarians Stil ist cartoonhaft entschlackt und ganz bewusst naiv, der Ton ist locker und von großer Sympathie für popkulturelle Ramschware getragen (wo ja auch Comic-Strips lange eingeordnet wurden). Das ist sympathisch, aber macht aus Cinerama auch eine manchmal etwas unerhebliche Angelegenheit – man vermisst, nun ja, ein paar Ego-Agonien à la Blutch. Letztlich aber ist Cinerama vor allem anderen ins Geschichtenerzählen vernarrt. Berberian zeichnet die Plots der Featured Films mit großer Lust nach, inklusive aller Erinnerungslücken und durchsetzt mit augenzwinkernden Kommentaren zu ihren Absonderlichkeiten. Es sind eben die Filme seiner Jugend, und damit auch auf ewig Teil von ihm. For better or worse. Wir können uns, ließe sich zusammenfassen, nicht aussuchen, mit welchen Filmen wir aufwachsen, welche Filme kleben bleiben – und was unser Gedächtnis mit ihnen anstellt. Aber zum Glück bleibt etwas übrig.

Kommentare zu „Kinogeschichte in Fetzen“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.