Kino trotz allem?!

Man liest darüber, man hört davon: Den deutschen Kinos geht es schlecht. Aber lässt man den Blick schweifen, sieht alles nicht so düster aus. Zwei Ausflüge in deutsche Kleinstädte zeigen renitente Kinomodelle.

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Wer beim Film starten will, um über das Kino nachzudenken, wird schon seit Längerem verlässlich enttäuscht. „Heute beginnen wir uns nach den Kinos selbst umzusehen und stellen fest, dass wir, die Stunden und Tage dort zugebracht haben, allmählich heimatlos werden: Die Filme scheinen die Kinos immer weniger zu benötigen“[1], so klagte die deutsche Kinowissenschaftlerin Anne Paech schon 1989. Die Filme haben die Säle längst verlassen, haben sie sich selbst überlassen.

Zu bereitwillig wanderten filmische Bilder von den Projektorspulen und den Leinwänden ab, in die Röhren alter Fernsehgeräte, auf Magnetbänder, Flatscreens, Handydisplays, Raufasertapeten.[2] „Das explodierte Kino“ nennt der italienische Filmwissenschaftler Francesco Casetti diese verzwickte Situation und meint damit beides: die drohende (Selbst-) Zerstörung des Kinos einerseits und die Verteilung seiner Partikel auf allerlei kleine und kleinste Abspielgelegenheiten andererseits. Seine Anpassungsfähigkeit sichert dem Film das Überleben. Aber was ist mit den Kinos? Wenn ein Kino schließt, ist es etwas anderes, als wenn ein DVD-Player den Geist aufgibt: Es ist das Ende eine Mikrogeschichte sozialer Begegnungen, ausgewählter Spielpläne, kulturbeflissener Diskussionen oder kulturloser Vergnügungen. Auf diese Tatsache antwortet die vor einigen Jahren aufgekommene New Cinema History mit dem Aufruf, nicht mehr nach dem Ort für Filme, sondern nach dem Ort als solchem zu fragen. Und dann, vielleicht, nach den richtigen Filmen für den Ort.

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Denn es gibt mindestens eine Dimension des Kinoerlebnisses, die alle privatisierten Varianten des Filmschauens niemals werden ersetzen können:[3] den Gang aus dem Haus, der Wechsel von der privaten in die öffentliche Sphäre, die entstehende Interimsgemeinschaft der Fremden gegenüber den Bildern; das schafft man daheim eben nicht. „Öffentliche Intimität“, könnte man das nennen, so wie die Kinowissenschaftlerin Heide Schlüpmann ein Buch von 2003 betitelte.

Verschärft tritt die Gefahr des Verschwindens soziokultureller Institutionen da auf, wo ihre Zahl von vornherein begrenzt ist: in kleineren Gemeinden (worunter hier einmal Gemeinden um 20.000 Einwohner gefasst werden sollen), abseits der in Sachen Freizeitvergnügungen etwas dickhäutigeren urbanen Zentren. Auf dem Land heißt ein Kino weniger meistens gar kein Kino mehr. Dieser Fakt bleibt, auch wenn man der alten Litanei vom Tod des Kinos skeptisch gegenübersteht, wenn man wie Lukas Foerster in der letzten Ausgabe des Magazins Cargo – ein sehr wichtiger Einwand – auf die wesentlich optimistischer stimmende Situation außerhalb Deutschlands oder auf alternative, spezialisierte und unregelmäßig stattfindende Spartenpraktiken wie etwa den Hofbauer-Kongress verweist.

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In Kleinstädten gibt es nun einmal weniger Publikum und damit weniger geschmäcklerische Ausdifferenzierung. Aus einem kleinen Kuchen lassen sich weniger Stücke schneiden, wenn man alle satt machen will. Für gewagte Programmentscheidungen bleibt wenig Spielraum, wenn es darum geht, überhaupt einen Kinodauerbetrieb jenseits der Multiplexe am Laufen zu halten. Ästhetischer Dünkel, wie ihn die Filmkritik gegenüber gefälligen Arthouse-Streifen (z.B. Ziemlich beste Freunde, 2012, The King’s Speech, 2010) gerne auffährt, muss sich hier von ganz realen Erwägungen der Überlebenssicherung korrigieren lassen. Das heißt nicht, dass man keine Experimente wagen darf. Aber sie sollten eingepasst sein in ein gemischten Interessen zuarbeitendes Programm. Ansonsten ist ein durchgängiger Kinobetrieb schwer aufrechtzuerhalten, weil Miete, Unterhalt und Personal ja auch dauernd bezahlt werden wollen.

Die ästhetisch puritanische Alternative hierzu hat Wim Wenders in seinem Im Lauf der Zeit dokumentiert, der schon 1976 das ländliche Kinosterben behandelte: Da lässt eine alte Kinobetreiberin irgendwo im Lüneburger Land ihre Projektoren einmotten. Angesichts der „ausbeuterischen“ aktuellen Filmkultur ist es ihr noch lieber, gar kein Kino am Ort zu haben, als eines, das Schund zeigt. Diese Position ist so radikal wie verständlich, und vielleicht ist sie sogar ehrbar. Aber sie ist eben auch exklusiv, und tendenziell feige.

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Mit diesen Vorüberlegungen im Rücken sollen im Folgenden zwei Kinos (in Hemsbach, Baden-Württemberg und Burg, Sachsen-Anhalt) vorgestellt werden; zwei Modelle, wie Kino in Kleinstädten dem Mythos der sterbenden Filmkultur zum Trotz weiterleben kann oder sogar gerade deshalb einer neuen Blütezeit entgegengeht. Der Moment für eine Bestandsaufnahme scheint günstig, hat doch die bald abgeschlossene digitale Umrüstung nicht nur einen technischen, sondern einen nahezu existenziellen Reboot der Kinos eingeleitet. Die teure und stark subventionierte Digitalisierung kleinerer Programmkinos hat, wie jedes Mal, wenn viel Geld im Spiel ist, eine politische wie kulturelle Diskussion dazu losgetreten, was wir unter Kino verstehen, ob wir es weiterhin wollen und wie wir es uns bewahren können.

Teil 1: Brennessel oder Kommerzielles Kino in der Kleinstadt

Teil 2: Burg Theater oder Kommunales Kino in der Kleinstadt

[1] Anna Paech (1989): Von der Filmgeschichte vergessen: Die Geschichte des Kinos. In: Knut Hickethier (Hg.): Filmgeschichte schreiben. Ansätze, Entwürfe und Methoden. Berlin: Edition Sigma, S. 41.

[2] „Der Kinosaal ist zum Ausnahmefall geworden. Wir sehen Filme beim Reisen, im Wartesaal, im Haus, beim Flanieren auf der Straße. Wir gehen nicht mehr so sehr ins Kino als dass wir ihm vielmehr begegnen. Die existenziellen Blasen, in die wir uns einschließen, um einen Film zu sehen, sind ein Anzeichen dafür, dass der Ort des Filmsehens immer prekärer wird. “ Francesco Casetti (2010): Die Explosion des Kinos. In: montage AV, 19 (1) 2010. S. 30. www.montage-av.de/pdf/191_2010/191_2010_Casetti_Die-Explosion-des-Kinos.pdf (letzter Aufruf: 08.08.2014).

[3] Die noch junge Public-Viewing-Kultur ist hier allerdings ein beachtenswerter Grenzfall.

 

Dieser Text wurde gefördert durch die MFG Filmförderung Baden-Württemberg. Im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Preises erhält der Autor für das Jahr 2014 ein Stipendium zum Verfassen von Filmkritiken.

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