Kino ohne Nabelschnur: Ein Augenzeugenbericht aus Oberhausen 2013

Von der Dringlichkeit des Kinos in Zeiten seiner Entgrenzung: Drei Kinomomente und ein Filmerlebnis bei den 59. Kurzfilmtagen Oberhausen.

Oberhausener Kurzfilmtage Bericht 01

Filmfestivals sind stets Kontextproduzenten. Sie schaffen Verbindungen, fragiler Natur, fast immer. In Oberhausen gibt es aber mehr als einen Zusammenhang, diese „Farbe“ oder jenes „Thema“, nach denen Festivaldirektoren immer gefragt werden, mehr als ein Nebeneinander, das sich befruchtet oder auch nicht. Es gibt einen programmatischen Unterbau, der die Filme nicht verbindet, sondern erst einen Zugang zu ihnen schafft. Es ist die bewusste Wechselwirkung vom Kinosaal als Dispositiv, den Filmen als Materie und dem Zuschauer als (re)aktivem Rezipienten.

Drei Kinomomente

1. Luther Price

Oberhausener Kurzfilmtage Berlicht 02

Vor mir bilden die Köpfe und Mützen der anderen Festivalbesucher den Rahmen für einen kleinen Ausschnitt, einen Tunnel, durch den ich hindurch eine intime Liaison mit der Clownsmaske eingehen kann, die im Zentrum des Bildes erscheint. In einer Mitternachtsvorstellung, quasi zur Einstimmung in die Geburtstagsparty von Kurator und Festivallegende Olaf Moeller, zeigt eine andere sagenumwobene Figur einen Film. Projiziert wohlgemerkt, denn der Bildwerfer steht mitten im Raum, die Zuschauer scharen sich respektvoll um den Apparat und den Amerikaner, der seit den 80er Jahren mit Super-8- und 16mm-Material experimentiert. Das Zelluloid läuft hindurch, der manische Blick des Clowns führt hinein ins Objektiv und somit in diesen heruntergekommenen Raum im nordöstlichen Bahnhofsflügel. Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren ist Luther Price in Europa zu Gast, die Spannung der seltenen Gelegenheit, seine Found-Footage-Arbeiten zu erleben, überträgt sich auf das sonst entspannte Festival. Das erklärt womöglich auch den installativen Kontext, den spontan wirkenden Galerie-Raum mit den Industrie-simulierenden Neonleuchten an den unverputzten Wänden. Die mehrfach angekündigte Geheimvorstellung entspricht eher den Gesetzen einer Großstadt-Kunstszene samt halbstrikter Türpolitik. Und obwohl in Oberhausen aktuell immer die Rede vom Kino ist und dessen Ende, funktioniert dieser Augenblick nicht als eine Kritik an der Migration des künstlerischen Films in die Kunst. Obwohl ich mich immer wieder verrenken muss, um den Blickkontakt zur Leinwand zu halten, kann ich nicht wegschauen. Der Bann der Bilder ist lebendig. Als wäre es ein Fiebertraum gewesen, bin ich außer Stande zu berichten, was ich da genau gesehen habe. Die hypnotische Wirkung des Clowns hält an.

2. Helga Fanderl

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Auch für die in Paris lebende Regisseurin bayerischer Herkunft ist die Materialität ihrer Filme Kern der Arbeit. Die Super-16mm-Blowups ihrer Super-8-Arbeiten sind das beste Beispiel für das Kinoerlebnis als ein Versinken, wie Festivalleiter Lars Henrik Gass es beschreibt (siehe Interview über das Kino und die Migrationen). Fanderl arbeitet ausschließlich mit Tricks in der Kamera selbst, schneidet ihre Filme also noch während der Aufnahme und schafft dabei anmutige Impressionen von verschiedensten Räumen, urbanen Settings und auch Tieren, wie in ihrer womöglich einprägsamsten Arbeit, in der ein Leopard im Kreis läuft: Immer wieder Ellipsen, für ein paar Frames bleibt die Leinwand schwarz, dann geht der Kreislauf, das Leben weiter, auf der Netzhaut prägt sich das nachhängende Bild ein. Wenn Fanderl nach der Vorstellung von der Entstehungsgeschichte erzählt, von ihren monatelangen Besuchen im Pariser „Jardin des Plantes“, bis sie die Bilder beim richtigen Licht und der gewünschten Bewegung einfangen konnte, malt man sich die Regisseurin als Kleinen Prinzen aus, der den Leoparden zähmt. Die Ergebnisse indes, die kurzen, teilweise nur wenige Minuten langen Filme, haben gleichzeitig eine bescheidene Intensität und eine würdevolle Reife, die das Versinken, ein gar meditatives, jedenfalls transitorisches Erlebnis erlauben, ohne dass man sich je ausgeliefert fühlte. Willkommen im Kino.

3. Laure Prouvost

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Das Zurücklehnen im Kinosessel macht Laure Prouvost einem bewusst schwer. In einem anderen Zusammenhang wäre die 35-Jährige unausstehlich, mit französischem Akzent und einem strahlenden Lächeln präsentiert sie ihre Konzeptkunst, mehr eine Performance als eine klassische Filmvorführung, sie steht da vorne, als hätte sie die Kraft zum Bäumeausreißen, und blickt doch bescheiden auf den Boden, blonde Haarsträhnen im Gesicht, als könne sie ihr Glück kaum fassen, da zu sein. Ihre Filme sind mal einnehmend, mal anmaßend überwältigend. Immer wieder stehen da Texttafeln mit direkter Ansprache. „Noch sieben Minuten, bevor du den Saal verlassen musst, wenn du nicht mitmachst.“ Und sie verteilt Himbeeren im Saal. Die Drohung der Interaktivität trägt Früchte. Mein Unwohlsein weckt meine Neugierde. Dennoch war der absurde Film über den Großvater, einen gescheiterten Künstler, der allerlei Kunstobjekte zum Mobiliar degradiert hat, um ein Vielfaches aufschlussreicher. Die Künstlerin und ihre Zukunft, eine subjektive Kamera, die unaufhaltsam nach Antworten sucht, und ein scheinbar unersättlicher Drang zum Fabulieren gehen eine Liaison ein. Dessen Kind ist das Kino, man will es nicht missen. Die Nabelschnur ist längst geschnitten, der Schmerz über die Trennung, das Hineingeworfensein in die Welt verlangt nach Träumen, selbst wenn sie Albträumen ähneln.

Ein Filmerlebnis:

Ein Gespenst geht um in Europa

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Vom Kommunismus will die Filmproduktion nichts wissen: So könnte ein Fazit von Julian Radlmaiers Film lauten, wenn am Schluss eine junge Filmcrew auf die personifizierte Ideologie in Form eines russischen Poeten einschlägt. Aber erstens lässt sich der Film nicht durchdringen, und zweitens durchdringt der Kommunismus den Film. Die „suprematistische Komödie“, als die Ein Gespenst geht um in Europa in den ersten Minuten vor sich selbst warnend ankündigt, ist ein Monolith wie das vielleicht bekannteste Bild dieser mit dem Futurismus verwandten Stilrichtung: Das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch. Nur freilich hat sie Fasern und auch von weitem eine sichtbare Struktur. Gegenstandslos wie der Suprematismus in seinem Extrem, sprich reine Abstraktion, reiner Affekt, das wäre mal was im aktuellen Kino und dann noch aus Deutschland. Man täte also sicherlich gut daran, Ein Gespenst genau auf dieser Ebene zu betrachten, die Untertitel der größtenteils auf russisch vorgetragenen Gedichte von Wladimir Majakowski zu übersehen und auf die Bilder und Töne zu achten. So ließe sich zum Beispiel Berlin aus tatsächlich neuer Perspektive entdecken. Und ein Fluss der Eindrücke erfahren, die von der heutigen Entfremdung einer jungen Generation zeugen, deren Arbeit weder Sinn noch Zweck hat. Dann muss man aber doch wieder lesen, Zwischentitel drängen sich blinkend ins Bild, wie es nicht mal im Geiste der aktuellen typographischen Retrowelle modisch ist. Radlmeier, der an der DFFB in Berlin studiert, ist eigen. Ein Gespenst ist der Beweis dafür, wie dringend das Erzählen heute noch sein kann. Und nein: das hat nichts mit Botschaften und behaupteter gesellschaftlicher Relevanz zu tun, Radlmeier zeigt wie die Kunst das Leben, die Ideologie den Alltag durchdringt. Nichts weniger als das.

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