Kino des Unreinen – Retrospektive Don Siegel

Vom Studioregisseur zum New-Hollywoood-Auteur: Mit einer Werkschau von 15 Filmen nähert sich das Arsenal vom 10. Juli bis zum 30. August dem Regisseur Don Siegel.

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Was für eine Karriere: Als Don Siegel 1933 von den Warner Brothers Studios angestellt wurde (zunächst lautete seine Tätigkeitsbeschreibung „assistant film librarian“, in den Folgejahren arbeitete er hauptsächlich im Editing Department, fertigte Montagesequenzen für Klassiker wie They Drive By Night oder Now, Voyager), hatte sich die Filmindustrie gerade erst mit dem Tonfilm arrangiert und war dabei, ein hochgradig arbeitsteiliges Produktionssystem zu etablieren, für das Thomas Schatz den Begriff „genius of the system“ geprägt hat: Filme entstanden im klassischen Hollywoodkino zwar nicht „am Fließband“, aber doch im weitgehend regelgesteuerten Zusammenspiel diverser spezialisierter, in sich vergleichsweise stabiler Arbeitsgruppen – durch die sich der ebenso talentierte wie ehrgeizige Siegel so lange hocharbeitete, bis er 1945 zum ersten Mal als Spezialkraft im Bereich Regie engagiert wurde. Und für seinen Kurzfilm Star in the Night gleich einen Oscar gewann. Als er fast fünf Jahrzehnte später seine letzte Regiearbeit Jinxed! (1982) abdrehte, war das klassische Studiosystem längst zusammengebrochen, aus den Regisseuren waren auteurs geworden, und der auteur Don Siegel zu einer – zeitweise ziemlich hoch gehandelten – Marke. 1972 schloss er einen Vertrag mit Universal ab, der festschrieb, dass in seinen Filmen sein eigener Name über dem Titelschriftzug eingeblendet wird. Konsequenterweise trug später auch seine Autobiografie den schlichten, selbstbewussten Titel A Siegel Film.

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15 Langfilme und damit knapp die Hälfte des Regie-Gesamtwerks zeigt das Arsenal jetzt in einer Werkschau, alle als 35mm-Kopien. Darunter finden sich auch weniger bekannte Frühwerke wie The Verdict und Crime in the Street, aber der Schwerpunkt der Auswahl liegt auf der zweiten Karrierehälfte, auf den Filmen der 1960er und 1970er Jahre. Schon das zeigt eine Besonderheit des Filmemachers Siegels an: Er entstammt zwar dem „alten Hollywood“ der vertikal integrierten Studios, einige seiner stärksten Filme drehte er jedoch als ein Zeitgenosse jenes New Hollywood, das gemeinhin als die wichtigste Erneuerungsbewegung des amerikanischen Kinos im 20. Jahrhundert betrachtet wird – und mit dem sich viele andere Regisseure der Generation Siegels nicht arrangieren konnten oder wollten.

Reaktionär oder nihilistisch?

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Aber ist Siegel deshalb selbst ein New-Hollywood-Regisseur? Tatsächlich scheint sein Status ambivalent. Bis heute gilt er vielen als ein begnadeter Genrehandwerker alter Schule, der eine lange Reihe weitgehend unpersönlicher Filme fertigte und sich dabei gelegentlich gefährlichen politischen Positionen andiente. Sein bekanntester Film Dirty Harry (1971) wurde seinerzeit vor allem in den USA als Inbegriff eines reaktionären Kinos attackiert, das die sozialen Errungenschaften der 1960er Jahre mit unbarmherziger Härte verurteile und mindestens implizit faschistisch argumentiere. Judith M. Kass wies allerdings schon 1975 in ihrer erstaunlichen Studie zum Regisseur darauf hin, dass die Sache komplizierter ist: „Siegel [...] shows his disappointment with the world through these protagonists – not as a depressive, but as a virile force“. So gesehen ist selbst Harry Calahan, die von Clint Eastwood mit einer unnachahmlichen Mischung aus Lässigkeit und Härte verkörperte Hauptfigur von Dirty Harry, keine bloße Wunscherfüllungsfantasie hilfloser weißer Wutbürger, sondern ein ambivalentes, seinerseits hilfloses Medium der Skepsis. Nicht umsonst wirft Calahan im äußerst nihilistischen Finale des Films seine Polizeimarke in eine dreckige Pfütze.

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Dirty Harry ist einer jener Filme, die der Welt, in die sie hineingeworfen werden, einfach keine Ruhe mehr lässt. Insofern natürlich ein Film, den man sich wieder und wieder anschauen kann. Man sollte aber nicht den Fehler begehen, Siegel auf diesen einen Film oder auch nur auf eine Handvoll weiterer Meisterwerke zu reduzieren (Kandidaten: Der große Coup (Charley Varrick, 1973), ein staubtrockenes heist movie mit einem unwahrscheinlichen, aber am Ende komplett einleuchtenden Hauptdarsteller Walter Matthau; die bösartige, psychosexuelle Fantasie Betrogen (The Beguiled, 1971), Siegels Lieblingsarbeit im eigenen Oeuvre und mit ziemlicher Sicherheit der außergewöhnlichste Film, in dem Clint Eastwood je vor der Kamera stand; Der Tod eines Killers (The Killers, 1964), ein äußerst nihilistischer Neo-Noir, der die Schattenwelten der klassischen schwarzen Serie durch gleißendes Sonnenlicht ersetzt und dadurch nur umso finsterer wirkt). Denn wie Ekkehard Knörer es formulierte: „Das wahre Kino ist immer auch ein Kino des Unreinen, des Hybriden, des B-Movie, in dem das Klischee und der Blödsinn auf Momente der Größe stoßen, die es ohne ihre etwas schmuddelige Umgebung gar nicht gäbe. Dafür liebt man die Filme von Don Siegel.“

Das Programm zur Filmreihe gibt es hier

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