Kino der Kunst 2013: Auf den Plot-Point warten, bis sich der Vorhang schließt

Filme von bildenden Künstlern traten bei der ersten Ausgabe des neuen Münchener Festivals gegeneinander an – im Kino, nicht im Museum.

KDK Transoxiana Dreams

Mit Hollywood will Kunst nichts zu tun haben. Ein Klischee, das ausgedient hat? Bildende Künstler bedienen sich heute gerne mal in der Zauberkiste des Mainstream-Kinos. Oder machen gleich Spielfilme, die im Kino laufen, wie Shirin Neshat oder Steve McQueen. An diese Entwicklung knüpfte das neue Festival Kino der Kunst bei seiner ersten Ausgabe in München an. 57 Beiträge von Künstlern aus der ganzen Welt, vor allem Kurzfilme, schafften es in den Wettbewerb und damit auf die große Leinwand. Bei der Auswahl habe er sich auf narrative Innovationen konzentriert, erklärte Festivaldirektor und Wettbewerbskurator Heinz Peter Schwerfel, und auf Filme, die Geschichten erzählen. Von 2002 bis 2009 hatte er in Köln die KunstFilmBiennale geleitet, in München will er für Filme bildender Künstler nun langfristig eine neue Plattform schaffen. In die Jury berief Schwerfel die Schauspielerin Amira Casar, Museumsdirektorin Defne Ayas, Fotokünstlerin Cindy Sherman und den britischen Film- und Videokünstler Isaac Julien, zu dessen Werk das Festival eine Retrospektive zeigte.

KDK I m not the enemy

Im Arri-Kino und in zwei Kinosälen der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen wetteiferten etablierte Künstler wie Omer Fast, Yael Bartana oder Bjørn Melhus mit vielen unbekannten Kollegen, fürstlich finanzierte Filme mit No-Budget-Produktionen. Die Beiträge und ihre Qualität waren extrem unterschiedlich. Gemeinsam hatten sie lediglich den Lebenslauf ihrer Bewerber, der eine künstlerische Laufbahn aufweisen musste – Kunsthochschule also, und zumindest erste Ausstellungen. Sie alle erzählten also Geschichten. Doch der Wettbewerb machte deutlich: Die Stärke des Künstlerfilms liegt nach wie vor im Formalen. Die Filmemacher arbeiteten mit Loops und Found Footage, eigneten sich traditionelle Formate an, um sie zu persiflieren, integrierten andere künstlerische Medien wie Malerei oder Tanz in filmische Arbeiten, animierten und verorteten sich frei im weiten Feld zwischen dem Dokumentarischen und der Fiktion.

KDK Hand-Me-Downs

Der Berliner Bjørn Melhus etwa setzte sich in I’m Not The Enemy, inspiriert vom Veteranenfilm im Hollywoodkino, mit posttraumatischen Belastungsstörungen deutscher Kriegsheimkehrer auseinander. Dafür appropriierte und loopte er Dialogfetzen aus diversen Filmen und verkörperte in verschiedenen Aufmachungen den Heimkehrer und dessen Familienmitglieder. 2011 hatte er mit dieser Arbeit schon den Deutschen Kurzfilmpreis gewonnen. Die Künstlerin Yto Barrada erzählte in Hand-Me-Downs kurze Episoden aus ihrer – vielleicht fiktiven – Kindheit in Marokko und Frankreich und unterlegte die Geschichten mit jahrzehntealtem Archivmaterial, das anonyme Familien in Alltagssituationen zeigt. In The Snorks: A Concert For Creatures, Ergebnis eines künstlerischen Crossover-Projekts, das Musik mit naturwissenschaftlicher Forschung vereint, ließ der Franzose Loris Gréaud den Filmemacher David Lynch und die britische Schauspielerin Charlotte Rampling auftreten – und lieferte dem Festival so Anschauungsmaterial für die Nähe von Kino und Kunst.

Wirklich experimentelle Formen, etwa abstrakte Arbeiten, schloss das Festival von Anfang an aus. Schade, denn vielleicht hätten sich gerade in diesem Feld die innovativsten narrativen Ansätze gefunden. Als zeitbasiertes Medium kann Film schließlich kaum nicht erzählen, könnte man in Anlehnung an Paul Watzlawicks viel zitiertes Axiom „Man kann nicht nicht kommunizieren“ behaupten. Montage sei an sich erzählend, hätten Pioniere wie Sergej Eisenstein oder D.W. Griffith wahrscheinlich angemerkt.

KDK The Parade of Rituals and Stereotypes

Den einzigen ausverkauften Kinoabend bescherte dem Festival dann ausgerechnet ein Film, der nicht herkömmlicher hätte erzählt sein können. Doch das machte ihn keineswegs schlecht. Cindy Sherman präsentierte in einer Sondervorstellung den einzigen Film, den sie je gedreht hat. In Office Killer von 1997, einer Hommage an B-Movies, den Film noir und Shermans Lieblingsgenre, den Horrorfilm, entdeckt ein graues Mäuschen seine mörderische Seite, bringt im Büro in Splatter-Manier nach und nach ihre Kollegen um die Ecke, darunter ihre von Barbara Sukowa gespielte Chefin, und vereint die Leichen bei einer gruseligen Party in ihrer Wohnung. Mit oft grotesken Selbstinszenierungen untersucht Sherman seit den 1970er Jahren Rollenbilder und Identitäten. Kino und Fernsehen hätten sie wesentlich mehr inspiriert als bildende Kunst, sagte sie beim Pressegespräch, was doch naheliegend sei, schließlich habe man schon als Kind zu diesen Medien täglich Zugang, und nicht zu alten Meistern der Malerei.

KDK The Silk Silence of the Wild Cotton Candy

Greifbarer als die Frage nach der Form der Arbeiten war die nach der Art der Präsentation und Rezeption. Ein Kinosaal bringt die Erwartung einer konsistenten Erzählweise mit sich, das ist gelernt. Werke von bildenden Künstlern werden selten im Kino gezeigt. Viele der Wettbewerbsbeiträge wurden zuvor in Ausstellungsräumen präsentiert, waren zum Beispiel Teil einer ganzen Installation. Im Kino mussten sie auf den Dialog mit ergänzenden Projektionen, Skulpturen oder Gemälden verzichten, mussten sich dem Publikum im dunklen Saal stellen. Das bewegte Bild hat es hier mit einem Zuschauer zu tun und nicht, wie im musealen Raum, mit einem Besucher, der eine filmische Installation oder eine Projektion eher atmosphärisch auf sich wirken lässt, anstatt auf einen Plot-Point oder -Twist zu warten, bis sich der Vorhang schließt. Für einige Arbeiten, die dramaturgische Prinzipien des Spielfilms nutzten, erwies sich das als ungünstig: Ein schlechtes Skript fällt im Kino eher auf.

KDK Los Angeles  Where Ideas Come to Die

Vielleicht liegt eine Möglichkeit für ein Kino der Kunst darin, Filme von bildenden Künstlern zu zeigen, die auch wirklich fürs Kino gemacht sind. Dass Filme von Künstlern sogar im Fernsehen funktionieren können, beweist der britische Sender Chanel 4. Kuratorin und Produzentin Jacqui Davis kam nach München, um eine Auswahl aus ihrem Programm Random Acts zu zeigen. Dabei waren Arbeiten von Künstlern wie Marina Abramović, Martha Rosler oder Apichatpong Weerasethakul, die je um die drei Minuten lang sind und zwischen Sendungen und Filme gestreut werden. Sie wurden speziell für diese Reihe beauftragt und produziert. Dass Kunst nichts mit dem Fernsehen zu tun haben will, außer sich kritisch von diesem Medium zu distanzieren, ist also auch ein Klischee, das ausgedient hat.

Hauptpreise der Jury: Transoxiana Dreams von Almagul Menlibayeva und The Centrifuge Brain Project von Till Nowak

Lobende Erwähnung der Jury: Never Sleep with a Strawberry in your Mouth von Andro Wekua

Projektpreis: Circle with Four Corners Katarina Stanković

Publikumspreis: 5.000 Feet is the Best von Omer Fast

Preis für das filmische Gesamtwerk: Wael Shawky

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