Keine Bohnen mehr für Keule – ein persönlicher Nachruf auf Bud Spencer

Mein Opa hat mich einmal angelogen, als er behauptete, Das Krokodil und sein Nilpferd „aus Versehen“ von der VHS-Cassette gelöscht zu haben. Tatsächlich wollte er verhindern, dass ich weiterhin bei jedem großelterlichen Besuch weitere Dutzend Male das Vorspielen des Films verlangte.

Auch die Engel essen Bohnen

Auch die Engel essen Bohnen mit Bud Spencer und Giuliano Gemma war nach Disney und anderen Animationen mein erster Erwachsenenfilm, den ich auf VHS sah. Als ich wenig später im Fernsehen Hallo Spencer kennenlernte, war ich kurzzeitig irritiert – hatte diese gelbe Puppenfigur mit Schirmmütze doch reichlich wenig mit dem mir bekannten Wrestler (ich glaube, damals hieß es noch Catcher) gemein. Ich lernte beide schätzen, aber Bud Spencer sollte mein erster großer Filmheld werden, noch kurz vor Belmondo, John Wayne und schließlich Sean Connery.

Vier Fäuste für ein Halleluja und eben Das Krokodil und sein Nilpferd bildeten dafür die Basis. Giuliano Gemma hatte ich schnell verdrängt, Terence Hill war der kongeniale Partner Spencers. Wenn sie oder Belmondo bei Wetten, daß…? auftraten, durfte ich länger aufbleiben. Doch während ich Filme mit Terence Hill „allein“ immer gemocht, aber nie geliebt habe, verhielt es sich umgekehrt anders. Man nannte ihn Mücke und Der Bomber zählten zu meinen absoluten Favoriten.

Man nannte ihn Mu  cke

Da paarte sich Prügelfilm mit Sportlerdrama, es war eine überbordende übermütige Lebendigkeit spürbar, eine bombastische Soundkulisse, die sich um Subtilitäten nicht scherte, ein vergnüglicher Einfallsreichtum, eine satte Farbenpracht. Und es gab immer wieder Andeutungen von Tragik. Genügend, um mit den Figuren zu leiden, um zu erkennen, welches Kreuz der Dicke trug.

Da schimmerte etwas durch, was dann stärker noch bei Belmondo – dem Belmondo von Philippe de Broca, Philippe Labro und Jean-Pierre Melville, neben allen Abenteuern, Aktionen und Albernheiten spürbar wurde: Melancholie.

Banana Joe

Bud Spencers Filme besaßen, praktizierten und propagierten aber noch etwas anderes: einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn (Mücke und Bomber sind Sportler mit Ethos!). Und ein Gespür für soziale, ökonomische und ökologische Strukturen sowie Ungerechtigkeiten. Seine Figuren – von Plattfuß bis Banana Joe, nahmen die Probleme der Menschen vor Ort immer ernst. Egal, wohin es Spencer und Hill verschlug, sie erkannten und enttarnten Gangster, Grundstücksspekulanten, Militaristen, Hyperkapitalisten, Hochstapler, Scharlatane, Tierquäler und Umweltschänder.

Zu behaupten, ich wäre ohne Bud Spencer nie bei den Grünen gelandet, wäre faktisch falsch. Aber es könnte so sein.

Und noch etwas haben mich die so eigenwillig synchronisierten Filme gelehrt: Die höchste verbale Anerkennung, die man einem Freund zukommen lassen kann, ist der Begriff „Keule“.

Das Krokodil und sein Nilpferd

Jahre später, in meiner Prä-Pubertät, als ich schon vorsichtig passiv für Kim Basinger schwärmte und mich dafür – dann bereits im Kino – durch Filme wie Meine Stiefmutter ist ein Alien quälte; als ich bereits mit Charles Bronson und Chuck Norris vertraut war, mich für Arnie und Sly, American Fighter, Karate Tiger und Bloodsport begeisterte; da sah ich im Fernsehen Das Krokodil und sein Nilpferd wieder. Zusammen mit einem guten Freund meiner Eltern, viermal so alt wie ich. Und erstaunlicher noch als meine von der ersten Szene an wieder aufkeimende Liebe für den Film war das ohrenbetäubende Lachen meines Mitzuschauers, den ich so noch nie erlebt hatte.

Die Filme Spencers sind wie keine anderen geschaffen zum Zusammenschauen. Zum gemeinsamen Laut-Auflachen, zur Musik wippen, sich der Richtigkeit der Dinge versichern. Mit Opas, Eltern, Freunden, Kollegen, Studenten und den eigenen Kindern. Sie begleiten uns ein Leben lang.

Danke, Keule!

Kommentare zu „Keine Bohnen mehr für Keule – ein persönlicher Nachruf auf Bud Spencer“


R. Schmidt

Sicher soll man einen "persönlichen Nachruf" nicht kritisieren, aber vielleicht eine Anmerkung dazu: Die Spencer/Hill (übrigens Terence, nicht Terrence) haben wohl sehr viele sagen wir in den 1970er geborene Jungs (Nur Jungs übrigens!) gern gesehen - als Kinder. Irgendwann aber, so jedenfalls mein Gefühl beim immer mal wieder rein-zappen, wird man dann doch erwachsen und die Komik der Beiden scheint überlebt im Gegensatz etwa zum Duo Depardieu/Richard und natürlich zum Meister de Funès.

Und vielleicht bin ich auch ein bisschen traurig darüber, dass man Bud Spencer hier (vielleicht zu Recht) eine hübsche Kolumne widmet - während dem Jahrhundertfilmschauspieler (das kann man doch getrost sagen) Götz George hier gar nicht gedacht wird. Ich jedenfalls gebe gerne alle Spencer/Hill Filme weg allein für den "Totmacher"...


Frédéric Jaeger

Danke für den Kommentar und den Hinweis auf den Fehler. Als nicht in den 1970ern geborener Junge habe ich zwar auch einige schöne Erinnerungen an das Duo, das aber stärker verblasst ist als bei anderen.
Was den Mangel an Nachrufen zu anderen und insbesondere George angeht: Das ist tatsächlich ein Genre, dem wir uns nur sehr selten widmen, abhängig von der persönlichen Initiative unserer Autorinnen und Autoren. Hier wie auch bei vielen anderen Dingen ist unser Prinzip bei critic.de keine Vollständigkeit, sondern motivierte Schlaglichter zu bieten.


sk

Lieber R. Schmidt,
gleich in drei Punkten stimme ich Ihnen zu:
Die Filme von Funès und Richard/Depardieu sind zeitlos grandios. Deshalb habe ich hier auch unter anderem folgenden Text verfasst:
http://www.critic.de/special/pierre-richard-gerard-depardieu-trilogie-1343/
Außerdem: Ein Nachruf auf Götz George würde vielen Seiten, auch dieser, nicht schaden.
Vor allem: Mit sehr vielen filmischen Kindheitserinnerungen geht es mir genau so, wie Sie es beschreiben: Schaut man sie heute erneut, tritt Ernüchterung ein. Das gilt insbesondere für die angedeuteten Filme mit Stallone, Schwarzenegger und Norris, das Spätwerk von Charles Bronson oder die Karate Tiger-Reihe (nochmal Kopfnicken: alles Jungsfilme!). Belmondo aber auch Spencer würde ich da allerdings dezidiert rausnehmen.
Ich hatte das große Glück und Vergnügen, vor nicht alllzu langer Zeit mit einem geschätzten Kollegen ein Seminar zum europäischen Unterhaltungskinos der 1950er bis 1980er Jahre anzubieten - mit u.a. Belmondo, de Funès und Richard/Depardieu, aber auch mit Spencer/Hill.
Und selbst, wenn die nicht immer elegant, manchmal holprig inszeniert sind, bleiben doch unvergessene Bilder, Einstellungen, Szenen und Sequenzen. Insbesondere bei besagtem Das Krokodil und sein Nilpferd: der (versuchte) Abriss des (Sozial)Baus, der dieser Tage als GIF kursierende ungleiche Kampf mit einem Kung-Fu-Experten, die Völlerei, Kartentricks, der Boxkampf und vor allem die Befreiung der Tiere.
Außerdem beschäftigt mich gerade eine nicht unwesentliche Differenz, da diese Seite hier ja zunächst einmal vom Kinodispositiv ausgeht:
Götz George war ein herausragender deutscher Darsteller. In den vergangenen zehn Jahren hat er zwei (!) Kinofilme gedreht. Seine letzte wirklich relevante Kinorolle in Solo für Klarinette (inklusive TV-Skandal) liegt fast 20 Jahre zurück.
Seine wichtigste Rolle ist die des TV-Kommissars Schimanski. Im Kino wird er vor allem als Totmacher - einem Kammerspiel - in Erinnerung bleiben. Während etwa 20% von Georges Filmschaffen Kinoproduktionen waren, verhält es sich bei Bud Spencer genau andersherum - und auch nur aufgrund seines Alterswerks, sonst würde der Vergleich noch deutlicher ausfallen.
Das soll, wie gesagt, George nicht schmälern, aber vielleicht die Relevanz von Spencer hervorheben.






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