Karsten Witte: Eine überfällige Wiederentdeckung

Diskurse, die aktueller nicht sein könnten: Zwanzig Jahre nach seinem Tod erscheinen Karsten Wittes Schriften zum Kino. Das Kompendium mit Texten zum Weltkino gibt weitreichenden Einblick in das Schaffen des feinsinnigen Theoretikers und wunderbaren Autors.

Karsten Witte - Schriften zum Kino

Er sei „einer jener Vertreter von Filmkritik, die mit den Filmen, denen sie sich widmen, im Museum des Jahrs 2000 verschwinden werden“, schrieb Karsten Witte (1944–1995) nur fünf Jahre vor seinem Tod. Es war die Zeit, in der sich das sogenannte Blockbuster-Kino längst etabliert hatte, jenseits aller Ansprüche auf Reflexion oder Tiefgang, jenseits aller Verpflichtungen außer der Unterhaltung möglichst großer Zuschauermassen und jenseits jener anspruchsvollen Filmkritik, in deren Geist sich der Filmpublizist Witte sah, geprägt von historischer und literarischer Bildung und geschrieben aus entsprechender Perspektive. Er war der Theoretiker im Tagesgeschäft der Filmkritik, arbeitete zudem selbst an der Erstellung von Drehbüchern mit, übernahm 1991 als Erster die neu geschaffene Professur für Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin und gab die gesammelten Schriften Siegfried Kracauers heraus. Prophetisch sah er 1989 das Ende des Kinos als Kunstform voraus, im selben Text zudem, in dem er sich gegen die kontroverse These Claudius Seidls stellte, dass Filme keine Geschichte hätten.

Es ist ein Diskurs, der aktueller nicht sein könnte – in einer Zeit, in der man alten Werken digitale Zusatz-Tonspuren verpasst, Stummfilme mit Synchronfassungen verschandelt, in der man Schwarzweißes kolorisiert und Flaches im Nachhinein zu Dreidimensionalem umrechnet, um es dem Equipment moderner Heimkinobesitzer anzupassen. Dem entgegen steht ein anderes Verständnis von Kino, steht die Idee, dass der einzelne Film nicht nur ein Kunstwerk ist, das auf diese Art verfälscht wird, sondern zudem ein in seiner Entstehungszeit verwurzeltes und verankertes Beispiel soziopsychologischer Textproduktion, die willigen Betrachtern vor allem die Möglichkeit einer Zeitreise in die Epoche und Gesellschaft seiner Entstehung gibt.

Lange hat sich Witte mit dem Film unter dem NS-Regime beschäftigt; nicht den Propaganda-Machwerken, sondern den einfachen, vermeintlich unpolitischen Unterhaltungsfilmen galt seine Aufmerksamkeit. Sein Aufsatz „Wie faschistisch ist die Feuerzangenbowle?“ ist legendär, eingegangen in den leider fragmentarisch gebliebenen Sammelband „Lachende Erben, toller Tag“; Witte konnte seine Forschung auf diesem Gebiet nicht mehr zu Ende führen. Wie er dort die Feinheiten der politischen Orientierung einer ganzen Gesellschaft in scheinbar harmlosen Komödien entlarvt, so sind auch seine Texte zu zeitgenössischen Arbeiten immer davon geprägt, deren künstlerischen Standort in der aktuellen Filmepoche und dem Oeuvre des Schöpfers zu verorten. Gegenwärtige Weltbilder und Wertvorstellungen, die sich darin niederschlagen, ordnet er bereits in einer historischen Dimension ein. Er postulierte schon am Beispiel von Rambo (First Blood, 1982), dass sich ein solcher Film seriöser Filmkritik entziehe, eher als Spiegel der Gesellschaft interessieren kann, die ihn hervorgebracht hat. Filmgeschichte zudem ist kumulativ – im Kino der jungen Generation, dem New Hollywood, dem Free Cinema, der internationalen Nouvelle Vague und dem Neuen Deutschen Film steckt immer auch das alte, das klassische, das Hollywood des John Ford und Howard Hawks und das abgelehnte der eigenen Großväter ebenso.

Die von Bernhard Groß und Connie Betz herausgegebenen Schriften zum Kino verzichten gezielt auf die in den bekannten Kompendien enthaltenen Arbeiten zu NS-Kino und zum Werk Pasolinis, sondern versammeln Texte zu verschiedenen Aspekten des Weltkinos, die zwischen 1974 und 1993 meist für Tageszeitungen entstanden; auch die historischen Themen gewidmeten Artikel hatten meist tagesaktuelle Anlässe wie den Tod Wolfgang Staudtes oder die Wiederentdeckung des lange vergessenen Regisseurs Peter Pewas. Strukturiert sind sie mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis in Kapitel zum (west)deutschen, japanischen, italienischen, französischen und westafrikanischen Kino sowie zu Theorie von Filmkritik und Filmgeschichtsschreibung. Durch Witte ist man, das ist das Spannende an dieser Zusammenstellung, gleichsam hautnah dabei und doch in einer Perspektive, die immer auch Vergangenheit und Zukunft mit im Blick hat. So wird die eigene Position und Methode der Annäherung reflektiert, wenn heute als zeitlose Klassiker bekannte Arbeiten von Edgar Reitz (den Witte sehr schätzte), Werner Herzog, Alexander Kluge, Peter Lilienthal, Helke Sander, Hans-Jürgen Syberberg, R.W. Fassbinder, von Paolo und Vittorio Taviani, Nagisa Oshima, Akira Kurosawa, Jacques Doillon, Robert Bresson, Jean-Luc Godard erstmals erscheinen und diskutiert werden. Nagisa Oshimas Bedeutung für den japanischen Film wurde von Witte als erstem hiesigem Beobachter profund gewertet, als man den wichtigen Regisseur der jungen Fernost-Generation in den Auseinandersetzungen um Im Reich der Sinne (Ai No Corrida, 1976) noch als Skandalfilmer begriff. Über Jahre beschäftigte sich Witte mit den Schriften und Arbeiten des produktiven Künstlers, dessen Werk hierzulande damals kaum jemand außer ihm wahrnahm. Aufgenommen in den Band wurden neben Kritiken auch Vortrags- und Rundfunkmanuskripte sowie zahlreiche Interviews (solche mit Karsten Witte und solche, die er mit Oshima, Marguerite Duras oder Francesco Rosi führte). Viele der Texte sind selbst bereits Klassiker, so etwa Wittes Porträts klassischer Regisseure von Roberto Rossellini bis Jean-Pierre Melville oder das berühmte Kameruner Tagebuch, in dem er 1988/89 einen Aufenthalt als Gastprofessor in dem westafrikanischen Land und seine Eindrücke dessen postkolonialer Kultur dokumentierte. Karsten Witte war ein so scharfsichtiger wie sensibler Beobachter und Rezipient, der in jeder unbedachten Expression ihre immanenten Ressentiments und Vorurteile aufspürte.

Die meisten der in dieser bemerkenswerten Sammlung vorgelegten Texte waren über Jahrzehnte unzugänglich und werden nun in überzeugender Zusammenstellung und mit beeindruckender lexikalischer Qualität neu vorgelegt, ergänzt um einen detailreichen Anmerkungsteil und ein umfangreiches Register. Fast zwanzig Jahre nach seinem Tod ist die Wiederentdeckung nicht nur des wichtigen Theoretikers, sondern auch des wunderbaren Autors Witte, dessen Sprache immer präzis und frei von publizistischen Klischees und akademischem Wortgeklapper ist, durch eine neue Generation filmhistorisch interessierter Leser überfällig. Die Voraussetzung dafür hat dieses Buch geschaffen. 

Bernhard Groß, Connie Betz (Hgg.)
Karsten Witte – Schriften zum Kino
Westeuropa, Japan, Afrika nach 1945
Verlag Vorwerk 8
504 S.
24,- Euro

Kommentare zu „Karsten Witte: Eine überfällige Wiederentdeckung“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.