Karlovy Vary 2012: Kurzkritiken (3)

Ein heiß erwarteter tschechischer Film, durchgeknallt Polnisches, eine beeindruckende schwule Liebesgeschichte aus Belgien und ein ungarischer Reinfall.

Another View

Beyond the Walls

Beyond the Walls (Hors les murs) von David Lambert
Manchmal geht es einem mit Filmen wie mit Menschen: Wenn sie den einen richtigen Satz sagen, die eine Szene präsentieren und dabei ihre Haltung en passant offenbaren, dann schmelzen wir dahin. Beyond the Walls ist so ein Fall, eine schöne, schmerzhafte, poetische Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern in Belgien. Nebenbei ist es auch eine Coming-out- und Coming-of-Age-Geschichte, das Großartige allerdings ist seine Nonchalance: Das Coming-Out ist längst etwas, was die Protagonisten nur mit sich auszumachen haben. Wie beide damit straucheln, der eine auf der Straße beim Händchenhalten, der andere im Supermarkt beim Kondomkauf, das ist ganz wunderbar eingefangen, lustig, zärtlich und offenbarend.

Internationaler Wettbewerb

To Kill a Beaver

To Kill a Beaver (Zabić bobra) von Jan Jakub Kolski
Polen ist in Karlovy Vary 2012 mit neun Beiträgen sehr stark vertreten. Ein polnischer Kollege warnt mich: Einige dieser Filme wurden in seinem Land auf Festivals abgelehnt! Ich entgegne, es fehle möglicherweise die Distanz. To Kill a Beaver ist so ein Film, den man leicht zur Seite legt, weil er auf gewisse Weise sehr unangenehm ist. Er nähert sich einer Introspektion eines mit ziemlicher Sicherheit mental grob instabilen Ex-Militärs. Und sein Schicksal hängt mit dem einer tschetschenischen Terroristin zusammen. Was politisch und historisch entfaltet werden könnte, bleibt hier Randnotiz, dennoch rückt To Kill a Beaver immerhin eine latente Faszinierung für das Militär und Waffen ins Zentrum, die eng mit den russischen Nachbarn in Verbindung zu stehen scheint. Ein durchgeknallter Film, der eines genaueren Blickes verdient.

Polski Film

Polski Film von Marek Najbrt
Der in Karlovy Vary heiß erwartete tschechische Wettbewerbsbeitrag ist ein Bilderbuch-Beispiel für selbstreflexives Kino. Böse gesagt: So sieht Kino aus, wenn Filmemachern nichts Besseres einfällt (oder ihr Horizont nicht weiter reicht), als über das Filmemachen einen Film zu machen, und weil sie dann doch noch meinen einigermaßen selbstironisch sein zu müssen, zeigen sie sich beim Scheitern. Nur nehmen sie das dann leider wiederum doch ernst. Polski Film ist eine tschechisch-polnische Koproduktion, die unter anderem auf kulturelle Unterschiede zwischen den beiden Ländern abhebt und sehr klar auf ein nationales Publikum ausgerichtet ist. Von den (immerhin einigen) Lachern beim tschechischen Publikum zu schließen, bezieht der Film seinen Humor aus einer Differenz zwischen den Protagonisten und ihrer öffentlichen Persona, die ich allerdings nicht kenne. Zur Verteidigung von Polski Film sei noch zweierlei eingeräumt: seine ungeheure Geschwätzigkeit ist für den Untertitel-Leser aufgrund des schnellen Rhythmus besonders schwer zu verarbeiten (dass der Film vollgestopft und atemlos daherkommt, ist aber eine sehr gute Sache); und obwohl er keinen Schluss finden kann, gibt es gegen Ende einen dann doch ganz schönen Einfall, der das Dilemma von Figuren und Film in der endlosen Schleife der heillosen Selbstvergewisserung zu fassen vermag.

Wettbewerb „East of the West“

The Exam

The Exam (A vizsga) von Péter Bergendy
Ich fasse mich kurz: Der zweifellos schlechteste Film, den ich in Karlovy Vary gesehen habe. Der ungewollt komische Historien-Fernsehfilm um Bespitzelung und Bespitzelung der Bespitzelung der Bespitzelung scheitert fast in jeder Hinsicht. Das beste an ihm ist vielleicht noch, dass er einem einige Rätsel in Bezug auf seine ideologische Gesinnung aufwirft. Irgendwie sind die kommunistischen Hardliner des Jahres 1957 am Ende dann zwar die Sieger, das System erlaubt sogar eine Liebesgeschichte zwischen Agenten der Geheimpolizei, aber wahre Freundschaft muss dran glauben. Meine Theorie: Der Film wurde nach Karlovy Vary eingeladen, um die aktuelle Inexistenz des ungarischen Kinos nachzuweisen (gestern übrigens meldeten einige Zeitungen die Schließung von Belá Tarrs Produktionsfirma). Just the Wind, Bence Fliegaufs Berlinale-Beitrag ist als Nachwehe einer früheren Filmförderpolitik (pre-Orbán) hier übrigens auch zu sehen.

Kommentare zu „Karlovy Vary 2012: Kurzkritiken (3)“

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