Karlovy Vary 2012: Kurzkritiken (2)

Über den japanischen Kamihate Store, das Familiendrama Camion und den Science-Fiction-Film Mars & Avril aus Quebec sowie den mexikanischen Here and There.

Internationaler Wettbewerb

Kamihate Store

Kamihate Store (Kamihate shoten) von Tatsuya Yamamoto
Mit etwas Gewöhnung kann man ja alles aushalten. Auch einen Selbstmordfilm um halb neun Uhr morgens. Tatsuya Yamamotos erster Spielfilm ist sehr sanft erzählt, bemüht um Bilder, ohne in ihnen allzu sehr zu schwelgen. Da ist etwa die schöne Klippe, die bei lebensmüden Japanern beliebtes letztes Ziel ist, in dem Ort Kamihate, der, so übersetzt ihn einmal eine Figur, das Ende des Endes bedeute. Zwei junge Mädchen, die es eher aus Neugier hierhin verschlagen hat, sprechen von Geschichten, die sie im Internet gelesen haben: Ein Brot und eine Milch, die muss man sich noch kaufen in dem kleinen Laden in Kamihate, dann geht’s hinauf aufs Kliff, hinterlassen werden oben nur die Schuhe und die leere Milchflasche. Der Protagonistin gehört das Geschäft, und sie nimmt ihr eigenes Schicksal mit Gleichmut, sie sammelt die Schuhe auf einem Regalbrett an der Wand, und die Milchflaschen werden recycelt. Nur zweimal schreitet sie ein: bei den Mädchen, denen sie einen Schrecken einjagt, und bei einer jungen Mutter mit Kind. Kamihate Store wirkt bisweilen etwas zerfasert und uneben, die Nebenstränge gewollt, mancher Moment zu bedeutungsschwanger. Dennoch bleibt der Film auf fast schon mysteriöse Weise als zart und liebevoll in Erinnerung. So durchweht das Werk eine lebensbejahende Haltung, die ihre Kraft gerade aus der ständigen Option zum Freitod zieht.

Camion

Camion von Rafaël Ouellet
Auf Filmfestivals begegnet man recht häufig Filmen aus dem Quebec (und nicht erst seit Xavier Dolan), zuletzt etwa À l’origine d’un cri (2010), The Salesman (Le vendeur, 2011) und Familiar Grounds (En terrains connus, 2011), und obwohl diese bei allem stilistischen Können aufgrund von wiederkehrenden Themen (Familienzwist, Gefangensein in weitläufiger Natur) und den dazu gehörigen (Winter-)Landschaften untereinander oft etwas homogen wirken, so finden die besseren unter ihnen jedenfalls eine eigene Tonalität. Camion gehört dazu, vor allem weil er den dramatischen Ausgangspunkt eines tödlichen Autounfalls dafür nutzt, um eine Familienzusammenführung zu inszenieren. Der optimistische Blick erlaubt es Rafaël Ouellet, von hoffnungslosen Charakteren zu erzählen, ohne in kanadisch-winterliche Depressionen zu rutschen (vgl. The Salesman). Dass er noch dazu formal ohne Strenge, aber sehr genau das architektonische Umfeld zu seinem Recht kommen lässt, sorgt für ein dann doch mehr als solides Familiendrama.

Another View

Mars et Avril

Mars & Avril (Mars et Avril) von Martin Villeneuve
Aus einem Land, aus dem fast ausschließlich Familiendramen den Weg auf die Festivalleinwand finden, ist es geradezu eine Überraschung, einen Science-Fiction-Film zu sehen. Wie es überhaupt selten ist, großangelegte Zukunftsvisionen samt Marsmission, virtueller Realität und Teletransportation aus kleinen Filmnationen zu Gesicht zu bekommen. Bei Mars & Avril ist das Vergnügen sehr zwiespältig, sehr deutlich leidet der Film entweder unter unseren Sehgewohnheiten oder seinem Budget. Andererseits hat er so viele Einfälle, die so deutlich über gewöhnliche (Kleine-)Jungs-Allmachtsfantasien hinausragen, dass es dann doch im Detail einige Freude bereitet, über gewisse wahrgenommene Mängel hinauszusehen. Schon und gerade der Grundkonstellation bei der Entfaltung zu folgen, ist sehr schön: Ein alternder Star-Musiker setzt bei jedem Konzert ein neues, einmaliges Instrument ein, und sein junger Instrumentenentwerfer designt diese nach modellstehenden Frauen. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte und eine Reise durchs All, da darf man dann aber auch jederzeit aussteigen, je nachdem, wie hoch die Toleranz für verworrene und gerade deswegen doch sehr simple Fantasy ist.

Here and There

Here and There (Aquí y allá) von Antonio Méndez Esparza
Dass ich Here and There etwas verstimmt, belustigt und über mich selbst erstaunt verlassen habe, spricht eindeutig für den Film. Aus irgendeinem Grund hatte sich in meiner Erinnerung festgesetzt, dass es sich bei dem mexikanischen Semaine de la Critique-Beitrag um einen Dokumentarfilm handelt. Im Abspann steht dann aber klar und deutlich: „work of fiction“. Belustigt war ich vor allem deshalb, weil ich mich den gesamten Film über wunderte, wie dem Regisseur eine so dezidiert filmische Auflösung bei gleichzeitigem Naturalismus und extremer Intimität nur gelingen konnte. Natürlich hätte ich darauf kommen können, und es juckte auch, aber andererseits zogen mich die Protagonisten dermaßen hinein in den Bann ihres Alltags, dass ich mir das gar nicht andersrum als Fiktion vorstellen mag. Auch nach dem Film nicht. Wenn das nicht mal ein Kompliment ist. Ach ja: Immerhin tragen die Darsteller die gleichen Vornamen wie ihre Figuren. Und wer es noch unbedingt wissen muss: Here and There erzählt von einer Familie in der mexikanischen Provinz, der Vater ist gerade aus den USA heimgekehrt, wo er längere Zeit gelebt und gearbeitet hat, und will nun in der Heimat eine Band gründen. Seinen beiden Töchtern muss er sich aber erst wieder annähern.

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