Karlovy Vary 2012: Kurzkritiken (1)

Über den norwegischen The Almost Man, den österreichischen Deine Schönheit ist nichts wert sowie die beiden polnischen Filme Shameless und Yuma.

Internationaler Wettbewerb

The Almost Man

The Almost Man (Mer eller mindre mann) von Martin Lund
Als hätte Regisseur Martin Lund (Knerten traut sich, Knerten gifter seg, 2010) einen Stoff aus dem Apatow-Universum nach Norwegen verpflanzt: Henrik, ein Durchschnittstyp Mitte dreißig, dem doch so einiges im Leben gelingt, will einfach nicht erwachsen werden. Rollenspiel im Supermarkt: die Freundin zur fiktiven Abtreibung drängen, um die Passanten zu schockieren. Gelangweilt auf einer Party? Ins Auto eines Gastes pinkeln. Unironisch tanzen? Eine unlösbare Aufgabe. Lunds Komödie strotzt nur so vor starken, vor allem witzigen Szenen, denen man seine Regie-Erfahrung gerade bei Gruppen-Choreografien ansieht. Sehr genau fängt er die Malaise einer Generation ein, mit einem Bein im Spießertum der Eltern: Die Protagonisten sind zu abgebrüht, um Jugendliche zu bleiben, und doch zu reflektiert, um das Elend nicht vorauszusehen.

Deine Schönheit ist nichts wert

Deine Schönheit ist nichts wert von Hüseyin Tabak
Die erste große Enttäuschung in Karlovy Vary ist ein Beispiel langweiliger und routinierter Arthouse-Kost samt bedeutungsschwerem Schweigen und hoffnungsfrohen Tagträum-Montagesequenzen. Der österreichische Beitrag ist vor allem deshalb kaum auszuhalten, weil er mit dem Gestus der guten Tat daherkommt, um dann aber doch nur abgestandene Konstellationen rund um eine türkisch-kurdische Einwandererfamilie in Abschiebe-Gefahr zu servieren. Natürlich ist an dem Film nicht alles schlecht, aber darüber werden sicherlich andere noch schreiben.

Wettbewerb „East of the West“

Shameless

Shameless (Beze studu) von Filip Marczewski
Angekündigt als kontroverser polnischer Beitrag über Bruder-Schwester-Inzest, entpuppt sich Shameless als ein etwas überladenes Halb-Sozialdrama, Halb-Coming-of-Age-Film. In gepflegter 35mm-Ästhetik (die immer seltener wird auf Festivals) und gediegenem Stil spart Marczewski in seinem Debüt nicht mit einer Flut an Konflikten, von denen der des Inzests schließlich das geringste Übel darstellt, denn wie beiläufig erzählt er von Übergriffen durch Faschisten auf Zigeuner – ohne in einem Nebenstrang die obligatorische Zwangsheirat einer schönen jungen Frau auszulassen. Das klingt alles angestrengter, als es letztlich wirkt, was Shameless einerseits der doch eher zurückhaltenden Regie und andererseits dem beeindruckend subtilen Spiel des Hauptdarstellers Mateusz Kościukiewicz verdankt.

Yuma

Yuma von Piotr Mularuk
Ebenfalls aus Polen, Shameless aber in vieler Hinsicht entgegengesetzt, hält Piotr Mularuks Yuma nichts von Zurückhaltung. Nach jeder konventionellen Erzähllogik macht der Film viel zu viel, ist zermürbend und schwer verdaulich, aber im einzelnen Moment doch unheimlich lehrreich, was die jüngere Geschichte Polens angeht. In Yuma geht es nicht um politische und historische Genauigkeit, aber er bezieht sich auf konkrete Vorkommnisse, auf die Jahre nach dem Mauerfall und eine Gruppe, die die nahe polnisch-deutsche Grenze nutzt, um in Deutschland geklautes Gut in Polen zu verschenken. Mit Einfallsreichtum und Referenzwut beschwört Mularuks Debüt ein Gefühl der Übermannung durch den überschwappenden Kapitalismus herauf, aber auch ein Herbeisehnen des Westens. Dessen Ikonografie (nicht zuletzt aus dem Western) steht im Zentrum und bildet den Ausgangspunkt für das Verderben der Protagonisten. Ach ja, einen direkten Bezug zu Zähl bis drei und bete, 3:10 to Yuma (1957) gibt es, aber er ist nicht titelgebend.

Kommentare zu „Karlovy Vary 2012: Kurzkritiken (1)“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.