Karlovy Vary 2012: Erklär mir dein Gesicht

Warum bleibt mir das osteuropäische Kino so fern? Ein Selbstversuch zum Abschluss von Karlovy Vary.

In a Bedroom

Ich bin mir sicher, das Gesicht von Katarzyna Herman (In a Bedroom, W sypialni) soll abwesend wirken. Es soll fremd bleiben. Apathisch. Auch das von Yannis Papadopoulos (Boy Eating Bird’s Food, To agori troi to fagito tou pouliou), selbst beim Onanieren, Ejakulieren, Sperma ablecken. Gefühlsregung? Vielleicht im Off. Nichts gegen das Rätselhafte. Nein, nein, das vermeintlich „Universelle“ der AFE-Gefühlspalette (Angst-Freude-Ekel) kann mir gestohlen bleiben. In Karlovy Vary aber siegt das genaue Gegenteil. Denn, abstrahiert man aus dem Programm eine ästhetische Tendenz, so versucht hier das Kino eine eigene Sprache erst zu finden und (noch) kaum nach außen zu kommunizieren. Oder anders gesagt, die Filme müssen erst mal mit sich selbst klar kommen. Für einen Filmforscher, auch für den Ethnografen im Publikum, ist eine solche immanente Suche nach der Form spannend mitanzusehen. Ja, wenn er denn andocken kann.

Boy Eating the Birds Food

Auch wenn ich sehr aufgeschlossen bin, auf die Dauer sind Formexperimente als Selbstzweck dann doch ganz schön zermürbend. In Karlovy Vary gucke ich zwar kreuz und quer, achte wenig auf die Namen der Sektionen, ob ein Film hier im Wettbewerb, beim Forum of Independents oder in Another View läuft. Nur eben einiges aus Osteuropa sollte dabei sein, sonst hätte ich mir die Reise nach Tschechien ja sparen können. Im Videoraum zappe ich durch mehrere Beiträge, um zu entscheiden, welchen einen Film ich am letzten Tag noch ansehe. Ein interessantes Experiment, ich gucke von vier Filmen die ersten zehn Minuten. Jeder hat was, beginnt stark, macht mich neugierig, der eine mit Blicken, der andere mit ungebremster, eruptiver Aggression, der dritte mit einem ausgefallenen Plot. Doch nur bei einem vergesse ich die Zeit, lasse mich hineinziehen, gewissermaßen in die Tiefe der Gesichter. Etwas scheint mir hier ungleich familiärer.

In a Bedroom 3

Erst als ich kurz darauf wieder im Kino sitze, einen weiteren polnischen Film gucke, beginne ich zu verstehen, was bei der Filmsichtung eigentlich mit mir passiert. Das hat nichts mit Identifikation zu tun, aber sehr wohl mit Empathie. Mit Gesichter-Lesen. Die Ausdrücke von Katarzyna Herman (und deren Abwesenheit) in dem eingangs erwähnten polnischen Film, ich weiß einfach nicht, was sie bedeuten. Die leicht angespannten Augenbrauen: Sind sie ein Zeichen? Von Verärgerung, Anstrengung? Und wenn sie sich bewegen? Stehen sie dann für Ironie? Andere werden das vielleicht von asiatischen Gesichtern sagen, von denen ich auch nicht behaupten würde, ich könnte in ihnen „lesen“, die aber in Kombination mit den Lauten, der Originaltonspur, den Ausrufen, den langgezogenen Vokalen, mir sehr viel näher erscheinen als dieses eine slawische Gesicht. Dass sich da wenig regt, dass es das Gegenteil eines expressiven Schauspiels ist, das kann ich sehen. Auch, dass sie eher nicht glücklich ist. Aber mehr bleibt mir doch verschlossen.

Boy Eating the Birds Food 2

Bei Yannis Papadopoulos aus dem griechischen Wettbewerbsbeitrag ist das schon anders gelagert, die Züge des rothaarigen, blauäugigen Jungen, die bewegen sich zwar auch kaum, aber dass ich so wenig mitbekomme, liegt vor allem an der Perspektive, am Fragmentarischen und an der bemüht von hinten filmenden Kamera, die das Gesicht immer wieder nur anschneidet und im Profil zeigt. Ektoras Lygizos setzt alles auf eine hermetisch wirkende filmische Welt, zur Spiegelung einer Figur, die keinen Zugang mehr zur Gesellschaft findet. Interessanterweise hat er als Darsteller dafür jemanden gewählt, dessen offener Blick mir am Anfang geradezu für Empathie prädestiniert scheint, und eine Szene immerhin hat er inszeniert, die dies auch offensiv für die Übermittlung einer Empfindung nutzt.

In a Bedroom und Boy Eating Bird’s Food sind zwei sehr unterschiedliche Beispiele für dieselbe Tendenz der Verhinderung von expressivem Schauspiel bei gleichzeitiger Emphase des Filmischen. Jeder auf seine Weise wirkt gerade deswegen etwas manieriert. Beide sind als fertige Filme noch im Entwurfsstadium. Beide gefallen mir im Ansatz gut.

Shameless

Im Rückblick verstehe ich nun auch besser meine etwas unartikulierte Distanz zu einigen weiteren polnischen Filmen im Programm: Shameless, Yuma und To Kill a Beaver. Bei keinem der drei gelang es mir, eine Verbindung zu den Figuren herzustellen. Bei To Kill a Beaver ist das am plausibelsten, denn ob der Ex-Militär hier tatsächlich auf Biber-Jagd geht oder kurz vor dem Amoklauf steht, gerade diese Unterdeterminierung macht den Film erst spannend. Bei Yuma ist der Plot so vollgestopft mit Wünschen und Wollen, dass ein wenig Unklarheit beim Dechiffrieren der Gesichter eher hilfreich wirkt, der überkandidelte Stil sorgt für genug Festlegung. Bei Shameless schließlich ist es komplizierter, und mein Verhältnis bleibt auch sehr gespalten: Es war mir möglich, das Spiel des Hauptdarstellers Mateusz Kościukiewicz zu bewundern, weil er trotz der sehr deutlichen Blickkonstellationen in Sachen inzestuösem Verlangen nicht aufdringlich wirkt, Nuancen vermittelt. Dennoch lässt mich der Film in seinen Aspirationen eines gediegenen Arthouse-Dramas vollkommen kalt. Das mag an der Form liegen, aber vielleicht auch an den Schauspielern.

Beim tschechisch-polnischen Polski Film, der als Komödie sehr viel expliziter noch in der Kommunikation von Absichten seiner Figuren ist, geht es mir letztlich doch ähnlich. Mir ist durchaus klar, dass das hier Borderline-Karikatur ist. Ob der Film damit aber noch auf der guten Seite oder schon auf der anstrengenden Seite landet? Ich tendiere zu Ersterem, lege mich aber lieber nicht fest.

Sofias Last Ambulance

Zum Abschluss noch ein hier seltener Fall: Ebenfalls mit einer starken ästhetischen Prämisse operiert der bulgarische Film über eine Rettungswagencrew, Sofia’s Last Ambulance (Poslednata lineika na Sofia). Er folgt den drei Protagonisten bei ihrer Arbeit, blendet dabei aber die Patienten konsequent aus. Die Krankheiten, die Unfälle, die Verzweiflung, die Schmerzen, all das sehen wir nur in der Spiegelung durch die Helfer. Und siehe da: Bei den drei Bulgaren gibt es keine Übersetzungsschwierigkeiten, ihre drei, mitunter hyperexpressiven, Gesichter verraten mir alles. Es ist geradezu ein Feuerwerk an Emotion, das da durch die starke Filmform in produktive Bahnen gelenkt wird. Die leichte Lesbarkeit hängt zweifelsohne an der Wahl der drei Porträtierten, ihrer für mich sprechenden Mimik. Und, gewichtiger möglicherweise: Es handelt sich hier um einen Dokumentarfilm, wo die Gefühlsregungen nicht erst durch das Spiel professioneller Darsteller gefiltert wurden. In Erinnerung bleiben werden mir all diese Filme, aber, es stimmt auch, am nachhaltigsten sind die Eindrücke, die ganz zu Beginn schon ein portugiesischer Western namens Hay Road auf mich machte. Nun: Es bleibt wohl nur eins: Training. Vielleicht bin ich ja nächstes Jahr wieder willkommen in Karlovy Vary.

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