Kapitalistische Kostüme für die Gegenwartskunst

Die neue Strategie heißt Mimikry. Auf der 9. Berlin Biennale eignen sich Künstler derart überzeugend den Look des Kapitalismus an, dass man sich mitunter wie auf einer Wirtschaftsmesse fühlt. Vielleicht also genau das Richtige für eine Ausstellung, die zu Recht seit Jahren in Verruf ist. Nebenan zeigt die Sammlerin Julia Stoschek, was der Biennale noch immer abgeht.

Jon RafmanInstallationsansicht View of Pariser Platz, 2016 Marmor, virtuelle Realität Marble, virtual reality Virtuelle Realität: Co-Regie Jon Rafman und and Samuel WalkerCourtesy Jon Rafman; Future Gallery, Foto: Timo Ohler


Die Berlin Biennale hat nicht unbedingt den besten Ruf. Trotz engagierter Ansätze und wechselnder Kuratoren verlässt man sie fast jedes Mal mit einem Gefühl der Ernüchterung. Und das nicht etwa, weil die Ausstellung – im Vergleich etwa zur deutlich prominenteren Biennale Venedig – weniger auf bekannte Namen und überwältigende Großinstallationen setzt, sondern weil sie meist all das ist, was einem an der zeitgenössischen Kunst auf die Nerven gehen kann: theorielastig, selbstbezüglich und humorlos. Als jedoch bekannt wurde, dass das New Yorker Künstlerkollektiv DIS die Leitung für die 9. Ausgabe der Ausstellung übernehmen sollte, keimte Hoffnung auf. Durch ihren affirmativen Zugang zur Popkultur und ihre Kooperationen mit Konzernen wie Kenzo und Red Bull ist die Gruppe innerhalb der Kunstszene umstritten – eine gute Voraussetzung, um der Berlin Biennale neues Leben einzuhauchen.

Berlin versinkt im Ozean

Hito Steyerl THE TOWER, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler

Besucht man die Ausstellung, trifft man auf eine erfreulicherweise deutlich reduzierte Auswahl an Arbeiten. Die Aufmerksamkeit gehört dabei vor allem den neuen Medien. Tatsächlich ist auf der gesamten Biennale nur ein einziges Gemälde ausgestellt. Stattdessen sind Hochglanzfotos zu sehen, auf denen auch Behinderte posieren, politisch aufgeladene Musikvideos, subversive Mode oder eine Virtual-Reality-Brille, die Besucher gemeinsam mit dem Brandenburger Tor im Ozean versinken lässt. Thematisch beschäftigen sich die Werke vor allem mit virtuellen Welten und Dystopien. Die glatten Oberflächen, die das Konzept bestimmen, wirken dabei häufig eher abweisend als einladend. Der popkulturelle Look zielt meist nicht auf kollektive Erfahrungen ab, sondern ist nur ein Täuschungsmanöver, das komplexe Gedankenspiele verschleiert. What the Heart Wants etwa, eine Installation von Cécile B. Evans, bedient sich zwar einer fetzigen Computer-Ästhetik, wirkt aber zugleich sehr abstrakt, weil es hier kein Abbild der realen Welt mehr gibt, sondern nur noch ein theoretisches Konstrukt, in dem Menschen durch Ideen ersetzt wurden.  Auf einer Leinwand, die im gefluteten Erdgeschoss der Kunst-Werke thront, begegnen wir unter anderem schlecht digitalisierten Hollywood-Stars und einer Erinnerung aus dem Jahr 1972, die monologisierend durch das Internet schwebt. Man lässt sich gerne auf diese Spinnerei ein, auch wenn oft unklar ist, in welchen virtuellen Dimensionen wir uns eigentlich gerade befinden.

Sterile Werbeästhetik

Simon Denny BLOCKCHAIN VISIONARIES Foto: Timo Ohler

Was die Berlin Biennale doch wieder recht spröde macht, ist eine Sprache, die wegen ihrer zahlreichen Fachbegriffe aus Bereichen der Wirtschaft und Computertechnologie alles andere als leicht verständlich ist. Dabei steckt hinter den Arbeiten, die sich dieser Sprache bedienen, eine durchaus interessante Herangehensweise. Während sich die zeitgenössische Kunst oft damit zufriedengibt, gegen ein diffuses Böses „da oben“ zu rebellieren, lassen sich Simon Denny und Linda Kantchev detailverliebt und mit erstaunlicher Geduld auf das System des modernen Kapitalismus ein – jedoch nur, um es anschließend zu zersetzen. In dem Projekt Blockchain Visionaries geht es etwa um reale Firmen, die sich auf den Handel mit der digitalen Währungseinheit Bitcoin spezialisiert haben. Dafür wurden unter anderem drei Messestände gebaut sowie ein ziemlich überzeugendes Image-Video gedreht. Auffällig dabei ist, dass die gesamte Inszenierung nicht an einer Stilisierung interessiert ist, sondern an einer authentischen Erscheinung.

New Eelam, 2016 Filmproduktion Klein and West, Mark Reynolds Design Manuel Bürger, Jan Gieseking Architektur Martti Kalliala Produktionsdesign Marcelo Alves Courtesy Christopher Kulendran Thomas; New Galerie, Paris Foto: Timo Ohler

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Christopher Kulendran Thomas’ Installation New Eelam (2016), die uns mit dekorativen Aufnahmen nächtlicher Skylines und vorbeiziehender Fließbänder eine subversive Geschäftsidee verkaufen will: Eine Art internationales Wohnungs-Abo soll dafür sorgen, dass man überall zu Hause ist, wodurch nicht nur jeder Mensch zum Weltbürger wird, sondern auch das private zum kollektiven Eigentum. Hinter seiner sterilen Werbeästhetik verbirgt New Eelam eine Botschaft, die den Kapitalismus ad absurdum führt. Aufwändig produzierte Videos wie dieses sind repräsentativ für eine Ausstellung, die das Vertraute als trojanisches Pferd nutzen, um es schließlich doch zu hinterfragen. Nicht umsonst lautet der Untertitel der Biennale in diesem Jahr: „The Present in Drag“.

Korpys/Löffler Transparenz, Kommunikation, Effizienz, Stabilität, 2016 HD-Videostill Courtesy Korpys/Löffler; Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

Es gibt jedoch auch Videos, die verspielter und weniger an einer reinen Mimikry interessiert sind. Hito Steyerl zeigt im Keller der Akademie der Künste etwa zwei schöne neue Videoarbeiten, in denen sie immer wieder verschiedene Schichten aus Dokumentarischem und Fiktivem, Realem und Imaginärem, Vintage und Science-Fiction übereinanderlegt. Ihre Drei-Kanal-Installation The Tower über eine ukrainische Firma, die 3D-Simulationen für das amerikanische Militär entwirft, ist durch ihre Offenheit und ihren Assoziationsreichtum so anregend wie überfordernd. Verwisch die Spuren! Transparenz, Kommunikation, Effizienz, Stabilität, ein neuer Film des Künstlerduos Korpys/Löffler, kombiniert dagegen geisterhafte Aufnahmen aus dem neuen Frankfurter Gebäude der Europäischen Zentralbank mit grobkörnigen 16mm-Bildern von endzeitlichen Straßenkämpfen. Hier wird zur Abwechslung kein Zukunftsszenario entworfen, sondern die Gegenwart als Dystopie inszeniert.

Beispielhafte Ausstellungspräsentation

Julia Stoschek Collection Leipziger Strasse, Foto: Simon Vogel

Die 9. Berlin Biennale verfügt zwar über ein starkes Profil, drapiert ihre wenigen herausragenden Beiträge aber mit einem recht durchschnittlichen Rest. Obwohl sich vieles im Vergleich zu früheren Ausgaben gebessert hat, bekommt man auch in diesem Jahr wieder den Eindruck, dass sich junge zeitgenössische Kunst aufregender auswählen und präsentieren ließe. Zur Gewissheit wird diese Vermutung, wenn man die parallel zur Biennale errichtete Depandance der Julia Stoschek Collection besucht. Im ehemaligen tschechischen Kulturinstitut in der Leipziger Straße präsentiert die Düsseldorfer Sammlerin eine Ausstellung, der es gerade wegen ihrer Nähe zur Biennale ohne Weiteres gelingt, diese in den Schatten zu stellen.

Neil Beloufa JAGUACUZZI, 2015 Mixed-Media-Videoinstallation, TV-Monitore, Farbe auf Fiberglas, Farbe auf MDF, Stahl, Pigmenten und Zigarettenstummeln in Gießharz 16 Videos Installationsansicht JULIA STOSCHEK COLLECTION, Foto: Simon Vogel

Die nach dem gleichnamigen Fassbinder-Fernsehfilm benannte Schau „Welt am Draht“ vereint medienbasierte Arbeiten, die sich ebenfalls mit der Zukunft im weiteren Sinn auseinandersetzen und die sogar teilweise von denselben Künstlern stammen – dabei jedoch deutlich interessantere Beiträge sind. Allein die Präsentation ist beispielhaft. Jedes Werk bekommt den Raum, der ihm gebührt, wird elegant in die sozialistische Architektur miteinbezogen und wirkungsvoll in Szene gesetzt. Neil Beloufa zeigt seine am populären Kino geschulten, aber lustvoll selbstreflexiven Arbeiten etwa in einem kleinen Autokino, in dem man die verschiedenen Videos durch das Drücken von Plastikzigaretten auswählen kann. Jon Rafmans verstörende Collage aus den morbiden Fetischen verschiedener Internet-Subkulturen ist passenderweise in einem versteckten Hinterzimmer untergebracht. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist es in der Ausstellung auch: Man kann Videos etwa mit Skulpturen oder Fotos kombinieren, sollte sie aber nicht – wie es so oft der Fall ist – gegeneinander ausspielen.

Der Architekt als Ballerina

Rachel Rose A MINUTE AGO, 2014 Einkanal-HD-Videoinstallation, 8’43’’, Farbe, Ton Installationsansicht JULIA STOSCHEK COLLECTION, Berlin Foto: Simon Vogel

Viele dieser Arbeiten befinden sich produktionstechnisch und ästhetisch auf einem ungemein hohen Niveau, jedoch ohne protzig zu wirken oder sich zu sehr an das Publikum anzubiedern. Ein besonders gelungenes Beispiel hierfür ist Rachel Roses virtuos geschnittener A Minute Ago (2015), in dem sich Gedanken zu Natur und Architektur zu einem rhythmischen Bilderfluss formen. Dabei kommt unter anderen eine Dokumentation zum Einsatz, in der Philip Johnson durch das von ihm entworfene Glass House führt. Während Roses Kamera den Garten des modernistischen Gebäudes erforscht, tänzelt der berühmte Architekt als digitales Cut-Out wie eine Ballerina durchs Bild. Die Durchlässigkeit seines Gebäudes nimmt die Künstlerin zum Anlass, die Grenzen zwischen Innen und Außen aufzuheben. Auch A Minute Ago ist wieder äußerst treffend in Szene gesetzt – in einem Nebenraum, der durch eine Glasscheibe abgetrennt ist.

Wu Tsang A DAY IN THE LIFE OF BLISS, 2014 Zweikanal-Videoinstallation, 20’26’’, Farbe, Ton Installationsansicht JULIA STOSCHEK COLLECTION, Berlin Foto: Simon Vogel

Man fühlt sich als Besucher gut aufgehoben in der Stoschek Collection. Die Ausstellungsräume wirken nicht wie bloße Durchgangsorte, sondern laden zum Verweilen ein. Man merkt an vielen Details, dass sich hier jemand Gedanken über eine zugänglichere Form der Präsentation gemacht hat. Schon die Texttafeln beschränken sich darauf, zu vermitteln, anstatt zu zeigen, was der Autor alles in seinem Kunstgeschichtsstudium gelernt hat. Es sind aber auch die Videos selbst, die kein so verbissenes Verhältnis zu ihren Schauwerten haben, wie das ein paar Straßen weiter der Fall ist. Bei Wu Tsangs Installation A Day in the Life of Bliss (2014) handelt es sich etwa um eine sinnlich besonders überwältigende Arbeit. Mit zwei Leinwänden, einem gegenüberliegenden Spiegel, der den unverhohlenen Narzissmus von Tsangs queeren Helden unterstreicht, und einem Display, auf dem die Chats der Figuren erscheinen, befindet man sich als Betrachter mittendrin. Die in einem düsteren Polizeistaat angesiedelte Zukunftsvision ist zwar manchmal ein wenig ungelenk in ihrer Sozialkritik, konzentriert sich aber ohnehin vor allem auf die mal aggressive, dann wieder sehr sanfte Körperlichkeit der androgynen Performance-Künstlerin boychild. Obwohl „Welt am Draht“ uns immer wieder Dystopien vorführt, muss man sich nach dieser Ausstellung keine Sorgen mehr um die Zukunft der Videokunst machen.

Hier geht es zur Website der 9. Berlin Biennale

Hier geht es zur Website der Julia Stoschek Collection

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