Kamera: Sophie Maintigneux

Sich vom Unvorhersehbaren herausfordern lassen. Vom 17. bis zum 30. April widmet das Berliner Arsenal der französischen Kamerafrau Sophie Maintigneux eine Werkschau.

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Es gibt eine etwas gewagte Theorie, die erklären soll, warum so viele Männer hinter der Kamera stehen, während Frauen meist am Schneidetisch sitzen. Die Erklärung liegt in vorzivilisatorischen Zeiten, als Männer noch auf die Jagd gingen und Frauen das erbeutete Essen zubereiteten. Mit den Verben shoot und cut lässt sich diese rollenspezifische Arbeitsteilung im Englischen auch sehr gut beschreiben. Die französische Kamerafrau Sophie Maintigneux hat sich von solchen Geschichten jedoch nicht von ihrer Berufswahl abhalten lassen. Ihre Laufbahn begann sie mit nur 24 Jahren bei Eric Rohmer. Nur ein Jahr später drehte sie mit Godard King Lear (1987). Doch anstatt danach die Zusammenarbeit mit dem französischen Autorenadel fortzusetzen, stürzte sie sich ins Unbekannte und ging nach Berlin. In der letzten Zeit hat man von ihr meist in einem anderen Kontext gelesen. Die Studierenden der dffb wollten die Kamerafrau als ihre neue Leiterin, doch das Kuratorium stellte sich quer. Wenn im Filmhaus am Potsdamer Platz nun ein paar Stockwerke tiefer eine Retrospektive läuft, die Maintigneux gewidmet ist, darf man das durchaus als klare Positionierung verstehen. Interessant ist ihre Arbeit aber auch ohne den Bezug zur Berliner Kulturpolitik.

Das gruene Leuchten

In einem Interview mit dem österreichischen Kinomagazin Ray sagte Maintigneux einmal, wer hinter der Kamera stehe, habe auch die Verantwortung, dass sich die Schauspieler wohlfühlen. Man sieht ihren Bildern dieses selbstauferlegte Credo an. Sehr faszinierend lässt sich das in Rohmers Das grüne Leuchten (Le rayon vert, 1986) beobachten. Die Titelheldin Delphine (Marie Rivière) ist wie so viele Heldinnen des Regisseurs eine Nervensäge vor dem Herrn. Mitgenommen von einer gescheiterten Beziehung, fährt sie von einem Urlaubsort zum nächsten, will sich ablenken, vielleicht sogar ein neues Glück finden. Am Ende reist sie doch immer wieder überstürzt ab. Wenn sie pausenlos plappert, ohne einmal darüber zu reflektieren, was in ihrem Leben schiefläuft, möchte man ihr als Zuschauer am liebsten an die Gurgel springen. Der Look des Films ist roh, wirkt improvisiert und dokumentarisch. Mit ihrer 16mm-Kamera nähert sich Maintigneux behutsam ihrer Figur, zeigt mit eng kadrierten Bildern, wie gefangen Delphine in ihrem Leben ist, ohne dass sie ihr zu sehr auf die Pelle rückt. Die Kamera fühlt mit, aber auf sehr sanfte und unscheinbare Weise. Als Delphine etwa nach einem Streit in Tränen ausbricht, tastet sie sich mit zaghaften Zooms an sie heran. Schon weil Maintigneux fast immer die richtige Distanz zur Hauptfigur findet, ist es auch ihr Verdienst, wenn die Ablehnung des Zuschauers für kurze Zeit in Empathie umschlägt. Es ist wichtig, das zu betonen, weil häufig immer noch der Regisseur als der alleinige Schöpfer eines Films gilt.

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Michael Kliers Ostkreuz könnte sich von Rohmers Film stärker kaum unterscheiden. Wo Das grüne Leuchten an überfüllten Stränden und in lichtdurchfluteten Gärten spielt, ist Kliers sozialrealistische Coming-of-Age-Geschichte in einem mausgrauen Berlin der Wendezeit angesiedelt. Die 15-jährige Heldin Elfie (Laura Tonke) ist selbstbewusst, furchtlos, ein wenig schroff und weiß vor allem genau, was sie will: 3000 Mark, um mit ihrer Mutter von einem Baucontainer in eine richtige Wohnung umzuziehen. Und dafür ist ihr fast jedes Mittel recht. Auch hier hat Maintigneux auf grobkörnigem 16mm-Material gedreht, doch die Wirkung ist weniger dokumentarisch und suchend als sorgfältig komponiert und von einer melancholischen Poesie bestimmt. Die Heldin des Films lässt sie durch eine weitläufige Plattenbauwüste hetzen, in der das Mädchen völlig verloren ginge, wäre da nicht sein entschiedener Gang. Zur Ruhe kommt Elfie dagegen, wenn sie durch ein finsteres Abrisshaus streift. Hier wird sie zur Silhouette, bis ein Lichtschimmer, der durch einen Spalt dringt, plötzlich ihr Gesicht erhellt und eine andere, zärtlichere Seite ihrer Persönlichkeit offenbart.

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Die Arbeit mit Darstellern ist es auch, die im Zentrum der neun Filme umfassenden Retrospektive des Arsenals steht. Mehr als die Hälfte des Programms besteht aus Dokumentarfilmen, die sich an gesellschaftliche Randbereiche vortasten, hin zu Außenseitern, Gefürchteten, Bemitleideten und Belächelten. Das Neue und Unvorhersehbare scheint Maintigneux bis heute herauszufordern. Ob sie nun mit Rohmer an der französischen Atlantikküste improvisiert, sich in Frauengefängnisse (Gotteszell – Ein Frauengefängnis, 2001) begibt, die Drag-King-Szene New Yorks erforscht (Venus Boyz, 2002) oder Senioren dabei beobachtet, wie sie bei Pina Bausch tanzen und mit ihren körperlichen Grenzen konfrontiert werden (Damen und Herren ab 65, 2002). Nur der Begriff shoot klingt für ihre Arbeitsweise zu martialisch. Maintigneux erlegt ihre Darsteller nicht, sondern tritt mit ihnen in einen Dialog.

Das gesamte Programm gibt es hier 

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