Ivan Mosjoukine Superstar

Seine Augen leuchten wieder. Vom 1. bis zum 10. März zeigt das Berliner Arsenal sieben Filme mit einem der einprägsamsten Gesichter des internationalen Stummfilms.

Kean 1

Um die Macht der Montage zu demonstrieren, wird häufig ein Versuch von Lew Wladimirowitsch Kuleschow herangezogen. Der Regisseur schneidet darin dieselbe Einstellung vom ausdruckslos dreinblickenden Schauspieler Ivan Mosjoukine gegen einen Teller Suppe, ein totes Kind und eine aufreizende Frau. Die vermeintliche Reaktion Mosjoukines, die von Zeitgenossen angeblich als großes Schauspiel gepriesen wurde, war in Wahrheit nur eine leere Fläche, auf die sich Gefühle wie Hunger, Trauer oder Lust projizieren ließen. Bemerkenswert ist der Versuch aber auch deswegen, weil man sich den russischen Schauspieler eigentlich gar nicht ohne Ausdruck vorstellen kann.

Volle Intensität in der kleinsten Regung

Kean 2

Das hängt natürlich mit der Schule des Stummfilms zusammen, die den fehlenden Worten einen Reichtum an Körpersprache entgegensetzte. Doch Mosjoukine war nicht einfach ein überkandidelter Mime, der sich in manierierten Gesten erging. Vielmehr scheint seine Darbietung einer inneren Notwendigkeit zu entspringen. Wenn sich jeder Muskel in seinem Körper anspannt und sich die Augen zu weiten beginnen, dann ist es, als würde man einen Menschen unter dem Mikroskop beobachten, wie er von seinen Gefühlen überwältigt wird. Dabei ist das gestische Repertoire von Mosjoukine eigentlich sehr reduziert. Es ist vielmehr die Intensität kleinster körperlicher Regungen, mit denen er seine Zuschauer in den Bann zieht. Nicht umsonst wird immer wieder der starre, durchdringende Blick als Markenzeichen des Schauspielers hervorgehoben.

Kean 3

Mosjoukine spielt häufig innerlich zerrissene Figuren, die sich unglücklich verlieben, an dieser Liebe zu zerbrechen drohen und sich bei all den Qualen, die sie erleiden, nicht viel darum scheren, wie sich ein Mann zu verhalten hat. Seine schier unendliche Empfindsamkeit macht den Schauspieler gewissermaßen zu einem queeren Helden. Und obwohl er auch in komischen Rollen brilliert hat (etwa in L'angoissante aventure aus dem Jahr 1920), sind es vor allem die seelischen Schmerzen, die er eindrucksvoll auf die Leinwand gebracht hat. Die Filme, in denen er auftrat, wussten natürlich um ihre Hauptattraktion und gönnten Mosjoukine deshalb ausreichend Szenen, in denen er seine Kunst voll ausspielen konnte. In Alexander Wolkows Kean (1924) gibt er etwa einen temperamentvollen Shakespeare-Darsteller, der auf der Bühne dem Wahnsinn verfällt, weil die Frau, die er liebt, schon einem anderen gehört. Nach dieser grenzüberschreitenden Darstellung setzt Kean sogar noch einen drauf – mit einer etwa 15-minütigen Szene, in der sich der Protagonist mit melancholischer Sanftmut von seinem irdischen Dasein verabschiedet.

Ein Mann von Welt

The Burning Crucible

Das Berliner Arsenal widmet dem russischen Schauspieler vom 1. bis zum 10. Dezember eine kleine, sieben Filme umfassende Werkschau, die fast ausschließlich auf 35mm bestritten und von der sehr kompetenten Pianistin Eunice Martins begleitet wird. Dabei bietet sich die Möglichkeit, einen Schauspieler kennen zu lernen, der in Vergessenheit geraten ist, obwohl er einmal ein richtiger Star war – ein Superstar, wie der Titel der Reihe zu verstehen gibt. Die Privilegien, die Mosjoukine hatte, haben heute nur noch ein paar Darsteller aus Holly- oder Bollywood: Er konnte sich nicht nur Stoffe und Regisseure aussuchen, gleich der ganze Film wurde ihm auf den Leib geschnitten. Der russische Markt wurde ihm dabei schnell zu klein. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Jakow Protasanow zog es ihn 1919 nach Frankreich, wo er in zahlreich üppig ausgestatteten Produktionen zu sehen war. In seiner zweiten Regiearbeit, dem mit einigen bemerkenswerten surrealen und expressionistischen Sprengseln versehenen The Burning Crucible (Le brasier ardent, 1923), ist es die unterschiedliche Haltung zu Paris, die Auslöser einer Ehekrise wird. Während der Mann schnellstmöglich wieder in die USA will, ist seine jüngere Frau dem Charme der Stadt, seinen Menschen und endlosen Vergnügungen längst verfallen. Als sie in dem Privatdetektiv Z (Mosjoukine) einen Verbündeten findet, bestätigen sich die beiden ekstatisch in ihrer Begeisterung für die französische Hauptstadt. Man meint hier, den Schauspieler durch die Rolle durchzuhören. Frankreich war für Mosjoukin immerhin nicht irgendein Exil, sondern ein Sehnsuchtsort, an dem man seine Träume ausleben konnte.

The Late Mathias Pascal 2

Damals hätte sich wohl niemand träumen lassen, was für ein elendes Ende der einstige Superstar einmal nehmen sollte. Nach dem Jahr 1927 sollte nichts mehr sein wie zuvor. Zunächst wurde ein verlockendes Angebot aus Hollywood (Surrender) zum großen Reinfall. Die USA waren eben nicht Europa und Mosjoukine musste mit seiner extra für den amerikanischen Markt operierten Nase )zurück nach Frankreich ziehen. Eine Ära ging zu Ende. Während der gezeichnete Schauspieler einige Jahre zuvor noch von einem Kino fantasierte, das wahrhaftig stumm ist, nicht einmal mehr Zwischentitel braucht, sondern allein von der Ausdruckskraft des menschlichen Körpers lebt, war der Tonfilm nach seiner Rückkehr schon auf dem Vormarsch. Für einige Abende bewegt sich das Arsenal nun zurück in die Glanzzeit dieses außergewöhnlichen Schauspielers und bringt seine Augen noch einmal zum Leuchten.

Kommentare zu „Ivan Mosjoukine Superstar“


Manfred Polak

LE BRASIER ARDENT hat dazu beigetragen, dass Jean Renoir Regisseur wurde. Renoir fand die meisten französischen Filme dieser Zeit langweilig und prätentiös, dagegen hat ihn LE BRASIER ARDENT begeistert und davon überzeugt, dass man auch in Frankreich unterhaltsame Filme machen kann. Alexander/Alexandre Kamenka, auch ein Exilrusse und Produzent von LE BRASIER ARDENT, hat später auch Renoirs NACHTASYL produziert.






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