Internationales Filmfestival von Locarno 2006
Die 59. Ausgabe des internationalen Filmfestivals von Locarno wurde mit besonderer Spannung erwartet. Nicht nur die Ernennung von Frédéric Maire, einem zumindest auf internationaler Ebene weitgehend unbekannten Filmjournalisten, zum künstlerischen Direktor, sondern auch eine überarbeitete Festivalstruktur sorgten im Vorfeld für Ungewissheit.
Das 59. Festival internazionale del film Locarno stand ganz im Zeichen einer neu entdeckten Cinephilie. Bereits bei seiner Ernennung zum künstlerischen Direktor vor einem Jahr, kündigte Frédéric Maire an, das Festival neu zu justieren. Seine Vorgängerin, die Italienerin Irene Bignardi, erweiterte in den vergangenen Jahren massiv die Anzahl der gezeigten Filme und bot besonders dem politischen Film eine große Plattform. Dass einzelne Produktionen es dabei besonders schwer hatten, sich Gehör zu verschaffen, war eine Konsequenz, welche die Festivalleitung in Kauf zu nehmen schien. Frédéric Maire gab in seinem ersten Jahr als künstlerischer Direktor den einzelnen Filmen wieder größeres Gewicht, indem er das offizielle Programm um fast ein Drittel reduzierte und die Festivalsektionen neu ordnete.
Neue Talente und ein „schwarzes Loch“
Der internationale Wettbewerb setzte sich dieses Jahr größtenteils aus europäischen Produktionen zusammen. Und nach wie vor konzentrierte sich die Auswahl auf Werke junger Regisseure. Zu den Höhepunkten gehörte der umstrittene The Lives of the Saints von Rankin und Chris Cottam. Darin fällt ein kleiner Junge quasi vom Himmel und bringt fortan allen Glück, denen er begegnet. Trotz einer stellenweise stark an Werbung erinnernden Ästhetik gelingt es dem Film, eindrücklich aufzuzeigen, wie die Menschen unterschiedlich auf dieses „Geschenk“ reagieren. Auch im amerikanischen Beitrag Half Nelson steht ein Kind im Mittelpunkt. Während ein High School-Lehrer seinen Schülern kritisches Denken und seine Ideale zu vermitteln versucht, versinkt er immer mehr in der traurigen Realität amerikanischer Schulen und sucht Zuflucht im Drogenkonsum. Als er dabei eines Tages von einer Schülerin erwischt wird, entwickelt sich zwischen den beiden eine enge und vertrauliche Beziehung. Regisseur Ryan Fleck schildert in Half Nelson ein wütendes Bild des amerikanischen Schulsystems, in dem sowohl Lehrer als auch Schüler Opfer sind und die Politik komplett versagt hat.
Was sich bereits in diesen beiden Filmen abzeichnete, zog sich wie ein roter Faden durchs gesamte Festival. Die Familie wurde in zahlreichen Produktionen als Ort der Einsamkeit und Verzweiflung dargestellt. In Bliss (Fu Sheng, 2006) präsentierte Sheng Zimin eine Familie vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen in der heutigen Volksrepublik China. Während die Jugend mit Gewalt und Arbeitslosigkeit konfrontiert wird, stehen die älteren Generationen hoffnungslos zwischen Auswirkungen der Globalisierung und traditionellen Werten.
Im wohl radikalsten Film des Wettbewerbs sind Familien schließlich komplett abwesend. Der portugiesische Regisseur Hugo Vieira da Silva schildert in Body Rice die Orientierungslosigkeit deutscher Jugendlicher, die im Rahmen eines Wiedereingliederungsprogramms nach Portugal geschickt worden sind. Der Erfolg bleibt jedoch aus, und zugedröhnt von Langeweile, Alkohol und Drogen endet der Film für die Protagonisten in der absoluten Passivität. In formal streng komponierten Bildern, welche die Eintönigkeit der Landschaft als auch des Alltags der Jugendlichen prägnant beschreiben, entwickelt Body Rice eine starke Sogwirkung und wurde von einem schweizerischen Kritiker treffend als „schwarzes Loch“ bezeichnet.
Gefangenschaft und Flucht
Angefangen bei der Aki Kaurismäki-Retrospektive bis hin zu den Filmen in Nebensektionen: Einsame Menschen waren neben den Familiengeschichten die Konstante des Festivals. Besonders deutlich trat dies in den deutschen Beiträgen hervor. Im bemerkenswerten Wettbewerbsfilm Der Mann von der Botschaft von Dito Tsintsadze freundet sich ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Georgien mit einem Mädchen an. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zärtliche Beziehung, die Anlass zu Gerüchten und Anschuldigungen gibt. Im zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag Gefangene von Iain Dilthey – der bereits 2002 den goldenen Leoparden für Das Verlangen (2002) gewann – steht ebenfalls ein einsamer Mensch im Mittelpunkt. Wie der Botschaftsangestellte in Tsintsadzes Film ist in Gefangene eine junge Frau von ihrer Umwelt isoliert, eingesperrt in ihrem Leben. Die Geiselnahme, die sich dann durch einen Verbrecher auf der Flucht ereignet, erweist sich letztendlich als Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen.
Neue Generation schweizerischer Filmemacher
Besonders stark präsentierte sich dieses Jahr der schweizerische Film. In Das Fräulein schildert die junge Regisseurin Andrea Staka das Schicksal zweier Frauen aus Ex-Jugoslawien in der Schweiz. Staka zeigt auf beeindruckende Weise wie beide Frauen, die ihr Land aus unterschiedlichen Gründen verliessen, mit ihrer Entwurzelung und Entfremdung umgehen.
Mit großer Spannung wurde das Spielfilmdebüt Jean-Stéphane Brons, dessen Dokumentarfilm Mais im Bundeshuus (2003) von einer schweizerischen Tageszeitung zu den zehn besten eidgenössischen Filmen aller Zeiten gewählt wurde, erwartet. In Mon frère se marie, der auf der Piazza Grande seine Premiere feierte, muss sich eine Familie zehn Jahre nachdem sie auseinander gebrochen ist, für eine Hochzeit wieder zusammenraufen, damit die vietnamesischen Eltern des Bräutigams nichts vom Zerwürfnis merken. Der Film spielt erwartungsgemäß mit bekannten Klischees beider Länder, schafft es jedoch, eine erfrischend leichte Geschichte zu erzählen.
Dokumentarfilme gehören nach wie vor zu den Stärken der schweizerischen Filmszene, und in Locarno stachen besonders Hardcore Chambermusic von Peter Liechti (Hans im Glück, 2003) und Zeit des Abschieds von Mehdi Sahebi heraus. Im ersten stehen drei Musiker im Mittelpunkt, die während eines Monats jeden Abend zu einer Musik-Performance luden und „Kammermusik“ in ihrer radikalsten Form präsentierten. Mittels Computer, Schlagzeug und diversen Streich- und Blasinstrumenten erzeugen sie Klangwelten, die zwischen Rock, Jazz und elektronischer Musik angesiedelt sind. Hardcore Chambermusic, der aus einer engen Kooperation zwischen den Musikern und Filmemachern entstanden ist, zeigt eine beeindruckende Synthese zwischen musikalischen und filmischen Ausdrucksmitteln.
Mehdi Sahebi liefert in Zeit des Abschieds ein genauso intimes Portrait, wenn auch ganz anderer Natur. Der Regisseur begleitet einen HIV- und krebskranken Freund auf seinem langen Leidensweg. Am Ende stirbt er vor der Kamera, sein Körper gezeichnet vom monatelangen Kampf. Nach zehn Tagen Filmfestival bleiben vor allem solche Szenen in Erinnerung, Bilder von Menschen, die alleine ihren Kampf führen, so unterschiedlich dieser auch sein mag.



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