Individuell und autobiografisch: Der Autorenfilm der Nouvelle Vague

Sich selbst im Film erzählen: Mit den Ermöglichungsbedingungen der Autobiografie im fiktionalen Film setzt sich Pascale Anja Dannenberg in ihrer filmwissenschaftlichen Dissertation Das Ich des Autors auseinander.

das ich des autors

Anders als die Literatur kann der Film nicht „Ich“ sagen. Wie markiert man Subjektivität im scheinbar objektiven Kamerabild? Lange Zeit galt die Behauptung, dass im Kino das Erzählen einer Autobiografie im klassischen Sinne nicht möglich sei. Dannenbergs zentrale These ist es, dass die Protagonisten der französischen Nouvelle Vague, die die Figur des filmischen Autors erfanden, die erste Generation von Filmemachern waren, die ein dezidiert autobiografisches Kino machten.

Laut Dannenberg ist es kein Zufall, dass zeitgleich mit der Entstehung der Nouvelle Vague die Autobiografie Anerkennung als literarische Gattung und als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand erfährt. Beides ist Zeugnis für die Krise des Subjekts in der Mitte des 20. Jahrhunderts und für die Erkenntnis, dass jeglichem autobiografischen Projekt, ob literarisch oder filmisch, eine fundamentale „Lüge“ inhärent ist, nämlich dass das erzählende Ich (der Gegenwart) identisch wäre mit dem erzählten Ich (der Vergangenheit).

Bereits die Thesen des Psychoanalytikers Jacques Lacan verwerfen die Idee eines Subjekts als autonomer vorsprachlicher Einheit. Vielmehr erfährt sich das Subjekt erst dialogisch in der Sprache, mit der es untrennbar verwoben ist und in der es sich zwangsläufig verfehlen muss. Das filmische Pendant zu Lacans Spaltung des Subjekts in der Sprache prägte Gilles Deleuze mit dem Zeit-Bild, das symptomatisch für die Krise des klassischen Erzählkinos ist. Im Zeit-Bild löst sich die chronologische Zeit auf; das Subjekt spaltet sich in Bewusstsein und Gedächtnis. Die existenzielle Ungewissheit jeglicher ästhetischen Darstellung, die mit der Krise des Subjekts einhergeht, findet im literarischen Bereich ihren Ausdruck in der modernen reflektierenden Autobiografie, im filmischen Bereich in den selbstreflexiven Werken der Nouvelle Vague, die den Film als Artefakt spiegeln und ein polyphones Subjekt an die Stelle des allmächtigen Autor-Ichs setzen.

Sie küssten und sie schlugen ihn

In François Truffauts Debütfilm Sie küssten und sie schlugen ihn (Les 400 coups, 1959), dessen autobiografisch motivierte Geschichte hinreichend bekannt ist, spaltet sich das autobiografische Subjekt, so Dannenbergs These, in ein erzählendes und ein erzähltes Ich. Durch die teils korrespondierenden, teils konträren Perspektiven der Figur Antoine einerseits und des filmischen „Erzählers“ andrerseits werden zwei unabhängige subjektive Stimmen inszeniert, die nicht zu einer kohärenten Subjekteinheit zusammengesetzt werden können.

Als autobiografische Fiktion reflektiert Jean-Luc Godards Außer Atem (A bout de souffle, 1960) das Ich als ein vielschichtiges Konstrukt. Durch Selbstinszenierung konstituiert sich das Ich der Protagonisten: in (Spiegel-)Blicken auf den Anderen und auf kulturelle Vorbilder einerseits sowie über (lügenhafte) Erzählungen andrerseits, die in der Summe zu einem eklatanten Widerspruch zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung der Figuren führen. Der filmische Autor hält den Zuschauer in einem permanenten Wechselspiel von Distanz und Nähe zu den Figuren, verweist über die referenzielle Erzählstruktur auf sich selbst im Außerhalb und löst darin, so Dannenberg, den autobiografischen Anspruch der sincérité ein.

Im Zeichen des Löwen

In Eric Rohmers frühen Werken findet laut Dannenberg eine Reflexion über Subjektivität statt. Die vom Autor erdachte Figur wird über die Konfrontation des Schauspielers mit sich selbst im Spiel zu einer Art Osmose zwischen Schauspieler und Autor. In Im Zeichen des Löwen (Le signe du lion, 1959) distanziert sich der Autor über die nachträgliche Montage ironisch von seiner Figur. In Rohmers Filmzyklus Contes moraux (1962–1972) hingegen, so Dannenberg, biete die Kamera bereits auf der Ebene der mise en scène die Reflexionsebene, in der sich die über die Sprache zum Ausdruck kommende Differenz zwischen der (filmischen) Realität und der durch die Figur subjektiv imaginierten Realität spiegele.

Es ist nicht überraschend, dass sich Dannenbergs Ausführungen auf die frühen Filme von Truffaut, Godard und Rohmer beschränken, sind diese doch analytisch am ergiebigsten und bereits intensiv bearbeitet. Der Begriff der Autobiografie als rückwirkender Erzählung des eigenen Lebens wirkt im Zusammenhang dieser Filme (mit der Ausnahme von Truffaut) etwas verwirrend. Auf die legitime Fragestellung nach der Manifestation des filmischen Autors jedoch findet Dannenberg einige interessante Antworten.

Pascale Anja Dannenberg: Das Ich des Autors. Autobiografisches in Filmen der Nouvelle Vague. Marburg: Schüren Verlag 2011. 284 Seiten. EUR 24,90.

Kommentare zu „Individuell und autobiografisch: Der Autorenfilm der Nouvelle Vague“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.