Im Herzen ein Hippie – Die Filme von Stephanie Rothman

Eigentlich wollte sie Filme wie Ingmar Bergman drehen, landete aber schließlich in der B-Movie-Schmiede von Roger Corman. Man könnte Stephanie Rothman als gute Seele des Exploitationkinos bezeichnen, doch oft verbergen sich hinter dem naiven Lächeln ihrer Figuren progressive Gesellschaftsmodelle. Mit einem mehrteiligen Special widmen wir uns in den nächsten Wochen dem Werk der amerikanischen Regisseurin.

The Student Nurses 2

Man trifft im Kino immer wieder auf sie: diese etwas einfältigen Frauen, die zwar außergewöhnlich gut aussehen, aber durch ihre Naivität ständig in blöde Situationen geraten. Häufig brauchen sie dann auch eine schöne Weile, bis sie das begriffen haben. Da vergisst man schon mal, das Licht beim Sex anzuknipsen – und muss danach feststellen, dass man gerade nicht mit dem Freund, sondern mit dessen Mitbewohner geschlafen hat. Meist sind solche Figuren lediglich für den comic relief verantwortlich und werden dementsprechend belächelt. Auch in den Exploitationfilmen der US-amerikanischen Regisseurin Stephanie Rothman tauchen solche Frauen regelmäßig auf. Sie haben oft große Brüste oder komische Stimmen, posaunen unbekümmert Statements wie „It’s so groovy here!“ heraus, und als Zuschauer muss man daraufhin auch ein bisschen schmunzeln. Das Besondere bei Rothman ist jedoch, dass sie ihre Protagonistinnen ernst nimmt. Ihre Unbedarftheit begreift sie nicht als Schwäche, sondern als eine unverbrauchte, von jeglichem Zynismus befreite Lebenseinstellung, die weder den anderen Figuren noch dem Publikum Anlass dafür gibt, auf sie herabzusehen.

Neue Gesellschaftsmodelle

Terminal Island 2

Im Kino von Stephanie Rothman gilt dieser mitfühlende Blick fast jedem. Die Filme sind geprägt von einer Umbruchszeit in der amerikanischen Gesellschaft, einem 1970er-Jahre-Spirit, der nicht nur voller Idealismus ist, sondern auch einen Blick für aktuelle gesellschaftliche Probleme hat. Rothman gelingt es, die Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit einzufangen und trotzdem noch beharrlich an das Gute im Menschen zu glauben. In Terminal Island (1973) erzählt sie etwa von einer Gefängnisinsel, auf die verurteilte Mörder verbannt werden, um sich gegenseitig den Garaus zu machen. Unter der diktatorischen Herrschaft eines Sadisten sind die Männer dazu verdammt, Sklavenarbeit zu leisten, während die Frauen sie sexuell bei Laune halten müssen. Als sich eine kleine Gruppe abspaltet, entsteht auch ein neues Gesellschaftsmodell, das auf Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt basiert. Am Schluss wollen die Gefangenen die Insel gar nicht mehr verlassen. Selbst in dystopischen Settings merkt man, dass Rothman im Herzen ein überzeugter Hippie ist.

Group Marriage

Eine ähnliche Utopie wie am Ende von Terminal Island gibt es auch in Group Marriage (1973), der von einer Gruppe aus Männern und Frauen erzählt, die nicht an die monogame Ehe glauben und deshalb als Kommune zusammenleben – zwar einerseits sehr bürgerlich und streng in heterosexuelle Konstellationen unterteilt, andererseits aber doch unkonventionell genug, um den Zorn des konservativen Amerikas auf sich zu ziehen. Als Gegenpol zu diesem sozialen Experiment gibt es ein spießiges schwules Pärchen, das ein Haus weiter wohnt und sich ständig über die moralisch fragwürdigen Umtriebe der Nachbarn echauffiert. Der Film legt sie dabei zwar eindeutig als Karikaturen an, verteidigt ihre Würde aber selbst in den Slapstick-Einlagen. Letztlich verbindet sie mit ihren Nachbarn eine unerschütterliche Solidarität unter Außenseitern. Wenn die Kommune am Schluss zu einer Massenhochzeit lädt, dürfen sich auch die beiden das Ja-Wort geben.

Innerhalb der Möglichkeiten eines B-Movies

It s a Bikini World 1

Eigentlich sollte Rothmans Karriere ganz anders aussehen. Nachdem sie als junge Frau Ingmar Bergmans Das siebente Siegel (Det sjunde inseglet, 1957) gesehen hatte, wollte sie Filme machen. Nur weil ihr im Arthouse-Kino keine Laufbahn beschieden war, verwirklichte sie ihren Traum innerhalb der Möglichkeiten eines B-Movies. Durch die harte Schule des Low-Budget-Kinos ging sie bei niemand geringerem als Roger Corman. Für dessen Produktionsfirma New World Pictures war sie zunächst Mädchen für alles, drehte etwa zusätzliches Material für Jack Hills Blood Bath (1966), bevor sie für die Konkurrenzfirma Trans American Films schließlich ihren ersten eigenen Film It’s a Bikini World (1967) fertigstellte. In Interviews betonte Rothman danach immer wieder, dass ihr das Resultat ihres Debüts zu anspruchslos war. Dabei fehlt dem Film zwar das soziale Bewusstsein späterer Arbeiten, aber als fluffige Romantic Comedy, in der ständig fesche Surfer-Boys mit ihren Girls zu treibender Beat-Musik zucken, macht er auch heute noch viel Spaß. Nicht zuletzt ist er deshalb bemerkenswert, weil seine Heldin nichts von männlicher Überlegenheit wissen will. Bevor sie dem überheblichen Casanova am Ende in die Arme fällt, fordert sie ihn zunächst zu einem sportlichen Wettkampf nach dem anderen heraus. Auch in späteren Filmen hat das Verhältnis zwischen den Geschlechtern etwas sehr Spielerisches. Vielleicht landet man am Schluss in einem stereotypen Beziehungsschema, aber bis man dort angekommen ist, hat man wenigstens eine Menge ausprobiert.

Politischer Aktivismus mit unschuldigem Lächeln

Terminal Island

Am meisten scheint Rothman in Gesellschaftskomödien wie The Student Nurses (1970), Group Marriage und The Working Girls (1974) aufzublühen. Weil es sich dabei um Auftragsarbeiten handelt, haben sie einen Pflicht- und einen Kürteil, die in den fertigen Filmen aber kaum noch zu trennen sind. Auf der einen Seite gibt es die Schauwerte der attraktiven Darsteller und Darstellerinnen, auf der anderen die Themen, die Rothman am meisten interessieren: die persönlichen Sehnsüchte ihrer Figuren und die kulturellen Phänomene der Zeit; das Experimentieren mit bewusstseinserweiternden Drogen, die Abkehr von traditionellen Beziehungsformen und ein politischer Aktivismus, der auch vor dem Gesetz nicht haltmacht. Man könnte diese Motive als Grenzüberschreitungen bezeichnen, wäre da nicht die leichte Inszenierung, die ihnen das Skandalträchtige nimmt. Wenn sich eine der Heldinnen in The Student Nurses am Ende dem bewaffneten Widerstand einer Gruppe radikalisierter Chicanos anschließt, verkündet sie das ihren Freundinnen mit einem unschuldigen Lächeln, so als würde sie gerade von ihrem neuen Freund erzählen.

Schon nach ein paar Jahren und nur einer Handvoll Regiearbeiten war Rothmans Karriere wieder vorbei. Ihre Versuche, im „seriösen“ Filmbusiness Fuß zu fassen, scheiterten, weil sie als Regisseurin von Schmuddelfilmen gebrandmarkt war und es als Frau in einer Männerdomäne ohnehin nicht leicht hatte. Doch schon seit einiger Zeit gibt es eine kleine Rothman-Renaissance. Die Viennale widmete ihr etwa 2007 eine Retrospektive, und in den USA wurde sie sowohl in feministischen als auch in cinephilen Kreisen wiederentdeckt.

Auch auf critic.de wollen wir uns in den nächsten zwei Wochen ihrem Werk widmen. Mit Texten von Lukas Foerster, Till Kadritzke, Michael Kienzl, Nino Klingler, Oliver Nöding und Silvia Szymanski werden wir ihre Regiearbeiten vorstellen und setzen damit nach den Specials zu Doris Wishman und Ida Lupino unsere Reihe über die unbesungenen Heldinnen des populären Kinos fort.

Zu den Filmen:

It's a Bikini World (1967)

The Student Nurses (1970)

The Velvet Vampire (1971)

Group Marriage (1973)

Terminal Island (1973)

Andere Artikel

Kommentare zu „Im Herzen ein Hippie – Die Filme von Stephanie Rothman“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.