Heimspiel Filmfest 2015: Festivalnotizen

Neben einer ausführlichen Werkschau Ulrich Seidls zeigte das diesjährige Heimspielfest einen bunten Reigen von Filmen, zu dem Screwball-Komödien ebenso gehörten wie ein geradliniger Drogenthriller und eine monumentale Abrechnung mit dem europäischen Kolonialismus.

Love 2

Das Heimspiel Filmfest lädt alljährlich im November nach Regensburg und das mit nicht gerade bescheidenem Anspruch: „Die besten Filme. In den besten Kinos. In Regensburg.“ Das klingt zunächst nach einem Best Of der diesjährigen Kinocharts, aber tatsächlich mischen sich die unterschiedlichsten Formate im Festivalprogramm – Jan Soldat war etwa nicht nur mit seinem neuen Film Haftanlage 4614 vertreten, sondern auch mit dem Kurzfilm Zucht und Ordnung. Das Abgründige in der scheinbaren Normalität war ein Thema vieler Filme des Festivals – zum Ende lief Gaspar Noés zwischenzeitlich von der FSK indizierter Film Love. Dass neben solch expliziten Werken aber auch Komödien wie Noah Baumbachs Mistress America gleichberechtigt im Programm stehen, zeigt, dass man thematische Strenge oder Mottowahn woanders suchen muss. In Regensburg geht es familiär zu, als würde man den Anspruch auf überkuratierte Programmgestaltung gerne auch mal einen Anspruch bleiben lassen, wenn Filme schlicht von sich aus überzeugend sind und es verdient haben, gezeigt zu werden.

Träume und Obsessionen in der Retrospektive

Import Export

Das gilt auch für die Filme Ulrich Seidls, der in den letzten Jahren zu einer immensen Produktivität gefunden hat. Nach der Paradies-Trilogie mit den Filmen Liebe, Glaube und Hoffnung folgte bereits dieses Jahr Im Keller, eine abseitige Erkundung österreichischer Untergeschosse und der darin ausgelebten menschlichen Träume und Obsessionen. Grund genug für das Heimspiel Filmfest, Seidl eine ausführliche Werkschau zu widmen und nach Regensburg einzuladen. Gezeigt wurden auch frühere Filme wie Mit Verlust ist zu rechnen (1992), ein filmischer Blick auf Hochzeitsvermittlungen zwischen West- und Osteuropa zu Anfang der 1990er Jahre. Die Wechselwirkungen zwischen einem damals wie heute neuen und unbekannten Osteuropa und den gesättigten Gesellschaften des Westens ist ein wichtiges Thema Seidls geblieben, am deutlichsten in Import Export (2007). (Zu seinen Filmen und seinem Werdegang als Regisseur haben wir Ulrich Seidl im Vorfeld des Heimspiel Filmfests auch persönlich einige Fragen gestellt. Das Interview lässt sich hier nachlesen.)

Kriege in Frankreich

lafrench

La French, hinter diesem wohlklingenden Namen (im Gegensatz zu dem mal wieder indiskutablen deutschen Titel Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille) verbirgt sich ein geradliniger Thriller über ein von der französischen Mittelmeermetropole Marseille aus agierendes globales Drogenkartell in den 1970er Jahren. Regisseur Cédric Jimenez taucht seine Bilder in ein goldbraunes Licht, die Seventies werden zu einer Zeit, in der alles wilder war, die Drinks stärker und die Menschen schöner. Das erinnert an Paul Thomas Andersons grandiosen Inherent Vice (2014), nur in ernst. Die Geschichte dreht sich in klassischer Manier um zwei männliche Rivalen: der Drogenboss Tany Zampa (Gilles Lelouche) und der Richter Pierre Michel (Jean Dujardin), die sich zwar als Antagonisten gegenüber stehen, aber im Grunde sehr ähnlich sind. Ein abgekartetes Spiel ist das von Minute eins bis zum viel zu späten Ende nach fast zweieinhalb Stunden. La French bleibt stets bewusst an der Oberfläche der Dinge, idealisiert und vergrößert sein Milieu und die Menschen darin. Immer scheint die Sonne über Marseille, immer wissen die Menschen, was zu tun ist. Jimenez’ Film ist in diesem Sinne eine große Erzählung, eine nostalgische Rekapitulation einer Welt, die nicht an sich zweifelt. Das macht ihn bisweilen dezent langatmig und ein wenig selbstverliebt.

Dheepan 02

Im Cannes-Gewinner Dämonen und Wunder – Dheepan (Dheepan) verwischt Jacques Audiard dann die Grenzen zwischen dem scheinbar friedlichen Europa und den Kriegsregionen der Welt. Die Versprechungen der französischen Republik weichen für den aus Sri Lanka geflohenen Tamilen Dheepan schnell der Herrschaft marodierender Banden, die in den heruntergekommenen Pariser Wohnblocks das Sagen haben. Langsam lässt sich der anfänglich hoffnungsvolle Flüchtling, der lange im Krieg gekämpft hat, wieder darauf ein, dass auch hier nur das Recht des Stärkeren etwas zählt. Die Logik des Krieges wird auch in Frankreich zum Inbegriff des sozialen Aufstiegs, diese kalte Sichtweise macht sich Dheepan in seiner Filmsprache zu eigen; einen Weg jenseits der Gewaltspirale scheint es nicht zu geben. Audiard zeigt, dass jede befriedende Vorstellung von Gesellschaft eine Illusion bleiben muss, dass der Krieg im Prinzip immer da ist, nur mehr oder weniger sichtbar. Das Leben in Le Pré, der zwischen Fabriken und Autobahnen eingekesselten Vorstadtsiedlung, ähnelt einem staatenlosen, globalisierten Niemandsland, wenige Kilometer entfernt von Paris, dem größten Glanz der grande nation. Aufgrund dieser filmisch zugespitzten Spaltung der französischen Gesellschaft wurde Dheepan als Sozialstudie wohl diese große Aufmerksamkeit zuteil, nicht nur in Cannes. Doch sind auch die Bilder des Films selbst nicht ganz frei von einem problematischen gaze, einem angewidert-faszinierten Blicks auf die da unten, die dort draußen in der Vorstadt, über deren Verwahrlosung sich trefflich die Nase rümpfen lässt.

Kolonialismus als Rausch

El abrazo de la serpiente 05

Embrace of the Serpent (El abrazo de la serpiente) rundete das Festivalprogramm ab. In diesem hochmeditativen Abschlussfilm des Heimspiel zeichnet der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra so etwas wie eine Parabel auf den Werdegang des Kapitalismus: als Geschichte eines menschlichen Rausches in den verschlungenen Pfaden des südamerikanischen Regenwalds. Zwei europäische Entdecker, Theodor-Koch Grunberg (auf dessen Tagebüchern das Drehbuch basiert) und Richard Evens-Schultes, begeben sich im Abstand von 40 Jahren auf die Suche nach Yakruna, einer extrem seltenen und für die indigenen Menschen heiligen Pflanze, die, wie sich bald herausstellt, die natürliche Basis für die Synthetisierung von Kautschuk bildet – am Anfang des 20. Jahrhunderts ein begehrter Rohstoff, vor allem für die bevorstehende Industrialisierung des Krieges in Europa. Dafür nehmen sie monatelange Strapazen auf sich, freunden sich mit den Einheimischen an, führen minutiöse Aufzeichnungen über alles, was sie sehen und manövrieren ihre europäische Welt aus Papier, Grammophonen und Fotos in kleinen Barken über den Amazonas. Werner Herzogs Aguirre – der Zorn Gottes ist hier ganz nah, aber Embrace of the Serpent zeigt den menschlichen Größenwahn eher im fast unmerklichen Detail.

El abrazo de la serpiente 07

Denn die europäischen Protagonisten geraten im Lauf des Films zwischen ethnographischem Entdeckungseifer und schlichter Profitgier immer stärker ins Zwielicht. Embrace of the Serpent erzeugt ein grundlegendes Misstrauen in die Welt, unsere Welt, und entlarvt den wissenschaftlichen Imperativ des Entdeckens und Erforschens als Handlanger eines westlichen Besitzanspruchs. Bei aller Abstraktion aber werden die Schwarz-Weiß-Bilder immer hypnotischer, kreisen um Bäume, Wasser, Körper, ziehen sich zusammen und weiten sich wieder. In zwei Stunden durchquert man ein wahres Dickicht von Film. Und das luftige Ende ist ein atemberaubender filmischer Moment. Was diese Bilder zu sagen scheinen, übersteigt den Film, als würde eine stille Bilanz des Kolonialismus gezogen. Der Kapitalismus als Rauschgift, als berauschende, aber zerstörerische Kraft eines Menschen, der seinen Glauben in die Welt verloren hat. Guerras Werk hinterlässt genau dieses Gefühl, und zwar nicht im Stile eines Lehrstücks, sondern als dunkle, aber deutliche Ahnung eines unausweichlichen globalen Traumas, komponiert aus Bildern und Tönen – eine Geistergeschichte.

Kommentare zu „Heimspiel Filmfest 2015: Festivalnotizen“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.