Gemeinschaft aus freien Stücken

Von Tagträumern, gefälschten Zahnschmerzen und einer Reise in die große Stadt: Drei frühe Kinderfilme von Abbas Kiarostami.

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Für die Regierungsorganisation Kanoon („Institute for the Intellectual Development of Children and Young Adults“) drehte Abbas Kiarostami in seiner frühen Schaffensphase nicht nur eine Reihe dokumentarischer Lehrfilme, sondern auch drei Spielfilme von jener mittleren Länge, die im Alltagsbetrieb des Kinos die schlechtesten Karten besitzt: A Suit for Wedding (Lebassi Baraye Arossi, 1976) und The Experience (Tadjrebeh, 1973) haben eine Laufzeit von etwas weniger, The Traveler (Mossafer, 1974) von etwas mehr als einer Stunde. Alle drei Filme haben junge, männliche Protagonisten, im Schulalter eigentlich, aber gelernt wird nicht viel: Manche Jungen sind schon in die Arbeitswelt integriert, andere widersetzen sich der Schule mit einigem Elan, wieder andere eher im tagträumerischen Driften.

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Ihrem Produktionshintergrund zum Trotz beinhalten die Filme keine Lektionen. Man kann nicht einmal immer so genau sagen, was sie sich zum Thema nehmen. Zu einem nicht geringen Teil handeln sie einfach nur davon, wie sich die Jungen durch den Raum bewegen. Immer wieder sieht man sie Straßen entlangrennen, Bus fahren, Räume betreten und verlassen, Freitreppen herauf- und herabsteigen. Die Welt ist für die Jungen noch weitgehend ein durchlässiges Kontinuum, Innen von Außen meist nicht absolut geschieden. Oft filmt Kiarostami ein Haus von außen, während sich die Jungen durch es hindurchbewegen, vom ersten Stock nach unten, dann durch den Innenhof in die Straße hinein.

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The Experience, an dessen Drehbuch Amir Naderi, ein anderer Meister des iranischen (inzwischen: exiliranischen) Kinos mitgeschrieben hat, ist der kürzeste und abstrakteste der Filme, eine sehr lose organisierte, mit einigem stilistischen Ehrgeiz fotografierte Erzählung entlang des Alltags einer fast schon dandyhaft wirkenden Hauptfigur, die in einem Fotostudio arbeitet und vermittelt über verschiedene Bildpraktiken (und die Arbeit am Selbstbild) in das Leben und in die romantische Liebe einzudringen hofft. Er überklebt früh im Film den Kopf eines Werbe-Pin-ups mit dem Foto eines Mädchens, hinter dem er her ist, dessen Gesicht er aber kaum einmal auch nur durch ihre Haustür zu sehen bekommt. So ganz findet er dann den gesamten Film über nicht mehr heraus aus dieser falschen Identifikation.

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Den anderen beiden Filmen kann man zumindest zeitweise eine mehr oder weniger klassische pädagogische Intention unterstellen. Besonders A Suit for Wedding, in dem es sehr viel eindeutiger um Klassenschranken geht und um spielerische Versuche, sie zu umgehen. Am Ende eine suspense-Szene, wie sie Hitchcock nicht effektiver hätte inszenieren können. Der interessanteste Fall aber ist The Traveler. Dessen junge Hauptfigur, Qassem, Sohn eines Schusters, hat wenig Interesse an der Schule und stattdessen nichts als Fußball im Kopf. Damit beginnt der Film: Einige Jungs kicken auf der Straße, zwei kleine Tore sind aufgebaut, aus dem ungestümen Hin und Her präpariert Kiarostami langsam Qassems verschmitztes, auch ein wenig verstockt wirkendes Gesicht.

In der Schule bindet sich der verspätete Qassem ein Tuch um den Kopf und behauptet, Zahnschmerzen zu haben. Nach dem Unterricht wieder Fußball, diesmal steht hinter dem Spielfeld eine ganze Kinderhorde. Als das entscheidende Tor fällt, rennen sie auf die Kamera zu, jubelnd, Purzelbäume schlagend, die Tornetze über ihren Köpfen tragend. Für einen Moment lässt der Film sich überwältigen von diesem Bewegungsdrang, doch gleich, noch in derselben Einstellung, konstituiert Kiarostami wieder seine formale Kontrolle: in einem Zoom auf Qassem, der Schuld hatte am Gegentreffer und der Niederlage seines Teams und der jetzt hilflos und unruhig vor sich hin blickt, vereinzelt, nicht länger Teil der Gemeinschaft, die um ihn herum tobt.

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In diesem Zoom, in dieser isolierenden Großaufnahme scheint sich ein Entschluss zu formieren: Qassem beschließt, in die Hauptstadt, nach Teheran zu fahren, um im Fußballstadion seine Idole aus der Nähe bewundern zu können. Dazu benötigt er Geld, insgesamt (eine Rechenübung nicht während, sondern anstatt des Matheunterrichts) 30 Toman. Gemeinsam mit einem anderen Jungen, dessen Freundschaftsdienst er kompromisslos einfordert, klaut, lügt und betrügt er sich die Reisekosten zusammen. Die schönste Geschäftsidee hängt an einem (ebenfalls gestohlenen und noch dazu defekten) Fotoapparat: Sie lassen ihre Schulkameraden für Porträtbilder posieren, von denen sie genau wissen, dass sie sie nicht entwickeln können werden. Dennoch gibt Qassem genaue Anweisungen für die Posen, und tatsächlich: Im Film The Traveler gelingen die Aufnahmen. Eine wundervolle Montagesequenz zeigt als Porträts geframete Großaufnahmen von Schülern, die neugierig und etwas ängstlich in Kiarostamis Kamera blicken. Deutlich wird in diesem Moment: Nicht das fertige Foto, das Fetischobjekt, ist entscheidend, sondern der Entschluss, als Individuum, als Einzelner vor die Kamera zu treten.

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Man kann bei all dem kaum umhin, auf den Payback zu warten für dieses eigennützige Verhalten, diesen in jeder Hinsicht asozialen Bruch mit allen Voraussetzungen, in die Qassems Leben normalerweise eingeschrieben ist (zu denen auch die analphabetische Mutter zählt, der phlegmatische Vater, die auf beiläufige Art brutalen Lehrer), ein Bruch, dem schließlich sogar die Fußballtore zum Oper fallen. Doch Qassems Plan gelingt, wenn auch nur knapp: In letzter Minute erreicht er, nachdem er endlich das Geld beisammen hat, den Bus (des Nachts, in einer tiefen Dunkelheit, die die Konturen der Kleinstadt, in der Qassem lebt, komplett auslöscht; vielleicht ist auch das eine notwendige Markierung des totalen Bruchs, aus dem nur für den Jungen etwas Neues entstehen kann), als er vor dem Stadion am Einlass abgewiesen wird, macht er ein letztes Ticket auf dem Schwarzmarkt ausfindig.

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Sobald er diese letzte Schranke überwunden hat, verliert Qassem plötzlich das Ziel aus den Augen, das er vorher derart monomanisch verfolgt hatte. Der Blick beginnt umherzuschweifen, über die Zuschauer, zum Sitznachbarn, dem er seinen Proviant anbietet; bald verlässt der Junge seinen Platz und schweift nun seinerseits auf dem Sportgelände umher. Er versucht, mit einigen anderen Jungen durch die Glasscheibe eines Schwimmbads zu kommunizieren, und legt sich schließlich neben eine Gruppe junger Männer, die sich auf einer Wiese ausruhen. Für einen Moment ist er doch wieder Teil einer Gemeinschaft geworden, aus freien Stücken und zu seinen Bedingungen allerdings. Vielleicht ging es im gesamten Film um nichts anderes.

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