(Ganz) Junge Kritik: Párpados azules
Nachhilfe in Sachen Liebe
Einmal allein, immer allein? Die beiden Hauptpersonen Marina (Cecilia Suárez) und Viktor (Enrique Arreola) zeigen in Contreras Erstlingswerk, dass selbst für das hartnäckigste Singledasein noch Hoffnung besteht, die Einsamkeit zu durchbrechen. Doch eins ist wohl klar - einfach ist dieses Vorhaben nicht! Wer will schon beim Ausflug aufs Land beim Picknick neben der Autobahn enden? Oder am Abend in der Tanzbar am hintersten Tisch in der Ecke sitzen?
Angesichts der Unbeholfenheit der beiden Hauptpersonen, miteinander zu kommunizieren, weiß der Zuschauer oftmals nicht, ob er weinen oder lachen soll. Wenn sie reden, dann gründlich aneinander vorbei. Mangels Gesprächsthemen wird mancher Dialog kurzerhand neu abgespult. Endlos scheinen die Blicke Marinas in die Leere. Manchmal kommt es dem Zuschauer so vor, als hätte sie ihr Gegenüber längst vergessen. Jahrelanges Leben in der Einsamkeit lässt sich eben doch nicht abstreifen wie eine Jacke.
Ein leiser Hoffnungsschimmer zieht sich trotzdem durch den Film. Während ihres Aufeinandertreffens scheint es fast so, als könnten beide seit Langem wieder einmal Gefühle wie Wut oder Sehnsucht empfinden.
Diese Parallelen zum wahren Leben machen einen der Reize Contreras Film aus. Eine „fröhliche Liebeskomödie“, so sagt er, „ist dieser Film nicht“. An Humor büßt er dafür trotzdem nichts ein. Die Sprachlosigkeit und die leidenschaftslose Pragmatik tragen viel zu der Situationskomik bei.
Eine raffinierte Schnitttechnik, die Szenen mithilfe von Tönen und Klängen ineinander übergehen zu lassen, lässt die Handlung fließend erscheinen.
Ein rührend-komischer Film, der von der Verschrobenheit der Charaktere getragen wird.
Kritik von Verena Kasztantowicz (Primo-Levi-Oberschule, Berlin)
Liebe der Einfachen
Haben sie manchmal dieses merkwürdige Gefühl, wenn sie jemanden gerade kennengelernt haben und nicht mehr wissen worüber sie sprechen sollen?
Fast ohne Worte wird der Film Párpados azules erzählt und die Dialoge, die vorhanden sind, zeigen nur noch deutlicher, wie einfach die Hauptdarsteller sprechen und sich immer öfter wiederholen.
Der ganze Film ist geprägt durch Ereignislosigkeit, was die Handlung schnell beschreiben lässt:
Durch einen Anstoß von Außen gewinnt die junge Marina Farfan eine Reise zu zweit, findet keinen Reisebegleiter und bringt den Mut auf, eine Zufallsbekanntschaft, Viktor Mina, zu fragen, ob er sie begleiten möchte. Eine Anti-Liebesgeschichte beginnt.
In dem Film werden die Parallelen der beiden Charaktere sehr gut herausgearbeitet, z.B. durch die Visualisierung der Lebensumstände, die Kameraführung, die Musik und die Drehbuchsequenzen an sich.
Wie tief die abgeschottete Vereinsamung der beiden Protagonisten ist, zeigt sich an den tristen Lebensumständen und der an Käfige denken lassenden Fenster- und Türgitter.
Die Ähnlichkeiten der beiden werden besonders deutlich durch häufig parallele Szenen unterstrichen, z.B. im Kino nebeneinander sitzend und starr geradeaus blickend während einer heftigen Liebesszene im Film.
Der Blick des Zuschauers wird durch Nahaufnahmen auf die präsenten und sich verändernden Gefühle Marinas und Viktors gerichtet.
Durch geschickte Einstellungen des Kameraobjektivs wird ein Nebeneinander statt eines Miteinander gezeigt. Das Aufeinanderzugehen fällt schwer.
Die Musik ist eines der stärksten Mittel, mit dem Emotionen wahrnehmbar werden, und der Zuschauer atmet aus Erleichterung auf. Desweiteren symbolisiert sie den Ausbruch aus der monotonen Stille des Films.
Dem mehrfach preisgekrönten Regisseur Ernesto Contreeras ist es gut gelungen, Ereignislosigkeit einfacher Herzen in eine bittersüße, realistisch dargestellte Geschichte einzubetten, in der auch Freiheits- und andere Symbole als Motoren eingesetzt werden.
Wer cineastische Details mag, wird sich an diesem Film erfreuen können.
Kritik von Lisa Carina Krick, Thomas Kubala (Gesamtschule Welper, Hattingen)
Zu zweit allein
Párpados azules von Ernesto Contreras ist ein Film über die Einsamkeit. Die romantische Komödie ist ungewöhnlich durch einen Kunstgriff. Es fehlt ein wesentliches Element: die Liebe.
Marina, alleinlebend und ohne Freunde, gewinnt unerwarteter Weise eine Reise für zwei Personen. Nun gilt es, einen Partner für zehn Tage romantischen Strandurlaub zu finden.
Die Begegnung mit Victor, einem in Vergessenheit geratenen Schulkameraden, kommt da gerade recht. Da jedoch beide extrem introvertiert und zurückhaltend sind, lässt sich keine normale Beziehung aufbauen. Die Annäherungsversuche stehen vor dem Hintergrund der bereits gebuchten Reise und werden so zu einem verzweifelten Versuch, die „erforderliche“ Liebesbeziehung aufzubauen. Beide Figuren sehnen sich nach Liebe und Zuneigung, können diese jedoch weder geben, noch empfangen.
Die dargestellte Monotonie beschreibt authentisch das Leben zweier einsamer Personen in einer Liebesbeziehung ohne Liebe. Stagnation ist ein Wort, das dem Zuschauer beim Betrachten des Filmes durch den Kopf geht. Es geht einfach nicht weiter. Zu lang sind die Szenen des Wartens aufeinander, die Momente, in denen sich das Paar anschweigt, weil keiner weiterweiß. Die Langatmigkeit der Beziehung wirkt sich auf den Zuschauer aus und führt dabei leider zu Langeweile.
Kritik von Caroline Reiter (Schulzentrum Walle, Bremen)
Párpados abajos [= sinkende Augenlider]
Während dem Vorspann: Dreihundert Köpfe ragen lammfromm über den Sitzlehnen auf.
5. Minute: Ein Impuls wohlwollenden Gelächters lässt die Köpfe tänzeln.
10. Minute: Lokal höfliche Lachansätze.
30. Minute: Geräusch von Baumwolle, die an Sitzlehnen rubbelt.
57. Minute: Verräterisches Rascheln unter den Kinositzen, Ploppen von Plastikwasserflaschen.
91. Minute: Gnädiger Applaus; darauf mancherorts schreckhaftes Blinzeln.
Párpados azules beginnt mit einem Großmuttermärchen über ein Schicksal, das gönnerhaft sozusagen rosarote Wundertütchen verteilt. Die Fokusgeschichte des Films ist ein Antimärchen dazu: Sie erzählt von zwei Menschen, Marina und Victor, die durch die Welt gehen, ohne Spuren in ihr zu hinterlassen: sie arbeiten als Kopierer und Hemdensortierer, niemand kennt sie; kurz, sie sind eine glänzend ironische Fehlbesetzung für unsere Gesellschaft.
Marina erhält zwar auch ein „Wundertütchen“, indem sie eine Traumreise gewinnt; allerdings enthält es nicht gerade Glück, denn es befördert sie in eine verzweifelte Notgemeinschaft mit ihrem Versagensgenossen Victor, die, wenngleich beide zu ihrem Unglück feststellen, dass es für Liebe nun mal keine Betriebsanleitung gibt wie für einen Kopierapparat, letztendlich statisch – parodistisch den gängigen Hollywoodmirakeln widersprechend - in einer unseligen Ehe kulminiert: im endgültigen Käfig, ganz entgegengesetzt den Vögeln der Märchenoma, die diese in todesnaher Gütigkeit freilässt, und die somit dem Verdacht einer bloßen, mit „philosophischem“ Tüll raschelnden Kostümierung des Films anheim fallen.
Während der ersten Viertelstunde schafft es der Film noch erfolgreich, den Zuschauer durch die säuberlich transportierte Ungeschicklichkeit der Charaktere peinlich zu berühren, ihn durch das Prisma der Großstadt und der modernen Gesellschaft für das Thema zu interessieren und seinen Kiefer zu involvieren. Allein, in den restlichen drei Viertelstunden gleicht der Film einer Schallplatte mit Dauerhänger: die verkrampften, bitteren Gesichter der Protagonisten klammern sich aufdringlich an die Leinwand, die andauernden Schweigeminuten werden nicht zufrieden stellend durch andere filmische Projektionsmöglichkeiten gefüllt, so hechelt der Film sich dahin. Da hilft auch das Plädoyer nichts, dass die Langeweile das Leben der Figuren des Films reflektiert: er lässt die Augenlider, blau oder nicht, unhinderlich sinken.
Kritik von Luisa Schulz (Gymnasium Neubiberg, München)
Párpados azules; Mexiko 2007; 98 Minuten; Regie: Ernesto Contreras; Drehbuch: Carlos Contreras; Produzent: Luis Albores; Mit Cecilia Suárez, Enrique Arreola, Ana Ofelia Murguía, Tiaré Scanda, Luisa Huertas
Veröffentlicht am 21.05.2007
Fotos: © SIC
Diese Kritiken sind entstanden im Rahmen von La Toute Jeune Critique
Semaine internationale de la Critique de Cannes 2007.
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