(Ganz) Junge Kritik: Nos retrouvailles
Tschüss, Papa!
Bietet das plötzliche Zusammentreffen von Sohn und lang verschollenem Vater genug Stoff für 99 Minuten fesselndes Filmerlebnis - oder aber erwartet den Zuschauer ein langatmiges Alltagsdrama? Genau mit dieser Frage sieht sich der Zuschauer zu Beginn von David Oelhoffens Werk Nos retrouvailles konfrontiert. Gut oder schlecht; Meisterwerk oder Amateurfilm? – So simpel ist die Antwort nicht.
Dem Publikum begegnet eine herausragend geführte Schauspielerriege, die eine authentische Entfaltung der Charaktere ermöglicht, unterstützt von eindrucksvollen Nahaufnahmen. Diese erlauben dem Zuschauer besonders die Entwicklung des Sohnes Marco „hautnah“ mitzuerleben. So stellt dessen Emanzipation von seinem Vater den (fast) zu lang hinausgezögerten Höhepunkt dieses Dramas dar und erzeugt ein regelrechtes Aufatmen im Publikum. Doch macht dies bereits einen sehenswerten Film aus?
Die Präsenz zweier zueinander vollkommen konträrer Charaktere erzeugt eine spannungsgeladene Atmosphäre. So steht ein egoistischer, fordernder Vater einem beinahe unglaublich menschlichen und hilfsbereiten Sohn gegenüber.
Und dennoch besteht eine Gemeinsamkeit zwischen beiden – ein chronischer Mangel an sozialen Kontakten in einer Gesellschaft geprägt von Isolation und finanzieller Misere. So erscheint Marcos Hobby, das Boxen, zwar zunächst als klischeehaft, doch kann dies ebenso als Symbol innerhalb seiner gesellschaftlichen Stellung betrachtet werden. Gemeinsam verleihen diese Aspekte dem Werk eine realistische und leider auch sehr aktuelle Bedeutung.
Erwartet man nun also ein spannungsreiches Filmerlebnis, so wird man leider enttäuscht – Doch lässt man sich auf einen authentischen, emotionsgeladenen und ruhigen Film ein, so erwarten einen interessante Einblicke in die Gefühlswelt zweier außergewöhnlicher Charaktere und letztlich ein in diesem Rahmen packendes Drama.
Kritik von Verena Kasztantowicz, Christin Kühne (Primo-Levi-Oberschule Berlin)
Eine Begegnung mit Folgen
Das Thema des Debutfilmes Nos retrouvailles von David Oelhoffen ist ein altbekanntes: Es geht um eine Vater-Sohn-Beziehung. Vater und Sohn haben sich lange nicht gesehen, nun treffen sie wieder aufeinander. Ein Thema, dem sich schon viele Regisseure angenommen haben. Doch David Oelhoffen setzt es auf ungewöhnliche Art und Weise um. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird nicht vom starken Vater geprägt, der seinen Sohn auffängt und beschützt. Ganz im Gegenteil: Hier ist der Sohn derjenige, der die Verantwortung übernehmen und seinen sozial und finanziell abgerutschten Vater stützen muss.
Marco steht erst seit kurzem auf eigenen Beinen. Er jobbt als Tellerwäscher und lebt in einer kleinen Wohnung. Genauso kahl wie die spärlich eingerichtete Wohnung ist auch sein Leben, in das völlig unerwartet Vater Gabriel tritt.
Der Film lebt insbesondere von wortlosen, poetisch wirkenden Momenten, in denen sich unter anderem die Introvertiertheit Marcos spiegelt. Immer wieder wird die Einsamkeit Marcos dargestellt: die kahle Küche, die Zigarettenpause mit seinem Kollegen, die grundsätzlich stumm verläuft. Das Auftauchen seines Vaters könnte einen Neuanfang für ihn bedeuten, doch im Endeffekt zieht Gabriel Marco durch sein kriminelles Handeln nur noch weiter nach unten.
Nicolas Giraud transportiert die Unsicherheit Marcos während des gesamten Filmes sehr authentisch. Im Höhe- und gleichzeitigen Wendepunkt des Filmes, einem vom Vater organisierten Einbruch, erlebt der Zuschauer die seelische Abnabelung vom Vater. Damit bietet der Film eine überzeugende Studie zum Erwachsenwerden.
Kritik von Caroline Reiter (Schulzentrum Walle, Bremen)
Der französische Traum - Vom Tellerwäscher zur Emanzipation
Mit seinem Vater schein Marcos Jugend zurückzukehren und ihn aus seinem bescheidenen, aber geregelten Lebens-Nest in die nächtliche Partyszene zu reißen. Um sein Defizit an Vater-Sohn-Beziehung zu kompensieren, lässt sich der sonst so lebensscheue Marco, der nur im Boxsport ein Ventil für seine unterdrückten Probleme zu finden scheint, sogar zu den naiv-überstürtzten Bar-Eröffnungs-Plänen, samt Finanzierung durch illegale Geldquellen, seines Vaters verführen. Das gemeinsame Projekt „Einbruch“ ist exemplarisch für die Entwicklung der Beziehung der beiden Protagonisten. Beide versuchen die schlechten Anfangsbedingungen zu verleugnen, spielen sich gegenseitig den Vater bzw. den Sohn vor, bis es schließlich zum erwarteten Eklat kommt. Marco muss ernüchtert feststellen dass seine Mutter Recht hatte als sie ihren Vater als „schwach“ bezeichnete.
David Oelhoffen gelingt es in seinem Erstlingswerk durch geschickte Kameraführung dem Zuschauer Marcos Inneres begreiflich zu machen und ihn dennoch die nötige Distanz bewahren zu lassen.
Marco befindet sich unweigerlich im Zwiespalt zwischen nachzuholender Vaterliebe und seinen moralisch-realistischen Vorstellungen. Nos retrouvailles ist die dokumentarisch anmutende Entwicklung der Protagonisten vom familiären Exil über die nachgeholte Jugend, hin zur geistigen Eigenständigkeit, zum Erwachsenwerden.
Kritik von Simone Klimmeck, Lucie Rohr (Gymnasium Neubiberg, München)
Vertrauen oder Misstrauen?
Eine zerstörte Familie, Aggressionen, Einsamkeit und Geldnot.
Diese und weitere Probleme werden im Werk Nos retrouvailles des aufstrebenden Jungregisseurs David Oelhoffen dargestellt.
Wie aus dem Nichts erscheint Marcos’ Vater und möchte wieder Zeit mit ihm verbringen, für Marco ist das ein willkommener Ausbruch aus dem trüben Alltag eines gewöhnlichen Tellerwäschers. Doch das bleibt nicht ohne Folgen, denn Marcos‘ Vater möchte eine Bar eröffnen, aber da er Geldprobleme hat, bittet er Marco, ihm auch auf nicht legale Weise zu helfen, was er aber erst peu à peu äußert.
Der Film zeigt die Beziehung eines Vaters zu seinem Sohn, nachdem der Vater nach Jahren wieder erscheint, um mit Hilfe seines Sohnes etwas Neues zu kreieren, weil er sein voriges Leben ruiniert hat.
David Oelhoffen zeigt sehr deutlich und objektiv, wie sehr ein Sohn an seinem Vater hängen kann und sich die Gefühle für ihn verstärken, wenn der Vater über Jahre nicht für ihn da war, und er auch Dinge für den Vater tut, die seiner Moral widersprechen.
Trotz einer sehr guten schauspielerischen Arbeit werden die Emotionen dem Zuschauer praktisch vor die Füße geworfen und dies wird auch noch durch teilweise sehr dramatische, jedoch kurze Musikeinlagen verstärkt.
Es ist ein klassisches Thema, mit dem sich der Film befasst, doch es treffen nicht die Klischees für solche emotionalen Filme zu und es werden sich bestimmt viele Kinobesucher oder Fernsehschauer mit diesem Film identifizieren, da er alltägliche Probleme beinhaltet, die bei jedem von uns eintreffen können oder bereits eingetroffen sind.
Dadurch dass der Film sich sehr in die Länge zieht und scheinbar auch ein paar unwichtig erscheinende Szenen vorhanden sind, kann durchaus auch Langeweile aufkommen.
Dem Publikum wird eine langatmige, dramatische Geschichte verpackt in herausragenden schauspielerischen Leistungen serviert.
Kritik von Thomas Kubala, Mario Karbowiak (Gesamtschule Welper, Hattingen)
Nos retrouvailles; Frankreich 2006; 99 Minuten; Regie: David Oelhoffen; Drehbuch: David Oelhoffen, Antoine Lacomblez; Produzent: Olivier Charvet; Mit Nicolas Giraud, Jacques Gamblin, Gérald Laroche, Jacques Spiesser,Marie Denarnaud
Veröffentlicht am 18.05.2007
Diese Kritiken sind entstanden im Rahmen von La Toute Jeune Critique
Semaine internationale de la Critique de Cannes 2007.
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