(Ganz) Junge Kritik: La voie lactée (A via láctea)
Die Milchstraße, vaporisierend
Ein visueller Bewusstseinsstrom, ein Netz aus Alternativen und Wiederholungen, ein Memoryspiel: die Ereignisse erhalten ihre Bedeutung erst im Nachhinein. Ein Assoziationsgewebe: die unsichtbaren Fäden sind Emotionen und Musik.
Infolge dieser kausalen Erosionen ist die rationale Ereignisfolge schnell verwischt, real und irreal, Vergangenheit und Gegenwart sind nicht mehr klar zu identifizieren: Man fühlt sich wankend, schwebend, wie Hauptperson Heitor und mit ihm die Kamera in der Einleitungsszene auf der Straße und im Auto. Dies korrespondiert mit seinem Leben, das ihm aus den Händen gleitet: Seine Geliebte Julia scheint ihm den Rücken zu kehren und seine idealisierte Kindheit, allegorisiert in der Figur der Schafe auf der heilen Weide, verschwindet aus dem Sichtfeld, ausgelöst durch den Tod der Mutter. Es geht um die Isolation in der modernen Welt, verbildlicht durch das Leitmotiv der einkapselnden Autos, die man nur durch Liebe überbrücken kann, welche somit existenziellen Rang erhält. Die Kapitulation vor der Liebe kommt also einem Existenzverlust gleich, wie es im Film sogar konkret aufgegriffen wird; gleichgültig ob dies nun tatsächlich eintritt oder sich lediglich in Heitors Kopf abspielt.
Der Film vermittelt in dieser Beziehung einen fragwürdigen Determinismus, indem er alles Unheil bereits im Voraus mit einem « Omen » ankündigt. Zum Beispiel überfährt Heitor einen Hund, ebenso wie es ihm im weiteren Verlauf widerfahren wird. Die Omen beinahe sämtlicher Ereignisse decken sich erst im Nachhinein auf, wie es sich beispielsweise auch mit der Drehorgel verhält, an der Heitor nach dem verhängnisvollen Telefonat dreht und von der man erst in der Folge erfährt, dass sie ihm zu heilen Zeiten von Julia geschenkt wurde. Das ist die Narrationstechnik des Films; bezogen auf den Tod Heitors, der schon ganz zu Beginn durch die rekurrierende Straßenüberquerung und einen ominösen Knall verkündet wird, kann man sie in die Formel fassen, die Heitor einem Straßenkind gegenüber folgendermaßen formuliert : „Das Licht der Sterne braucht Lichtjahre, um uns zu erreichen: wenn wir es endlich sehen, kann es sein, dass der Stern schon gar nicht mehr existiert.“
Kritik von Christina Gerhard, Simone Klimmeck, Lucie Rohr, Luisa Schulz (Gymnasium Neubiberg, München)
Verloren im Universum der Liebe
Gefühle. Laut Regisseurin Lina Chamie sind sie das Wichtigste im Film La voie lactée. In der Tat stellt der Film eine Fülle an Gefühlen, Erinnerungen und Assoziationen dar, hervorgerufen durch einen Beziehungsstreit am Telefon. Im Verkehrschaos in São Paulo versucht der Protagonist Heitor so schnell wie möglich zu seiner Geliebten zu finden, um sie wieder für sich zu gewinnen.
Die Musik und zwei moderne brasilianische Liebesgedichte rhythmisieren die Montage und damit die ständig wechselnden Emotionen und Gedanken Heitors. Verlustangst, Eifersucht, Liebe, Lust und Erinnerungen, das schlechte Gewissen und die Wut auf sich selbst werden unter anderem durch klassische Musik und Brazil-Jazz untermalt. Heitors verrückte Gedankenspiele, die bis zum Tod reichen, werden aufgegriffen und in die Handlung eingeflochten. Mal erscheinen Lebensweisheiten auf den Werbeschildern am Straßenrand, dann wieder scheint ihm der Nachrichtensprecher Beziehungsratschläge zu geben. Seine Gedanken bestimmen als mögliche Handlung das Filmgeschehen.
Dieses wahrhaft authentisch umgesetzte innere Chaos überträgt sich auf den Zuschauer. Es führt zu einer Identifikation mit dem Protagonisten: Man fühlt sich verwirrt, verloren im Universum der Handlungsmöglichkeiten. Jede einzelne Assoziation hat etwas Fesselndes, jedoch wird der Zuschauer durch die Offenheit und die Vielzahl an Motiven erschlagen. Diese Sperrigkeit dient aber letztlich der psychologischen Authentizität des sehenswerten Films.
Kritik von Caroline Reiter, Michel Brzozowski (Schulzentrum Walle, Bremen)
Verschiedene Wege zum Glück: Eine galaktische Reise durch São Paulo
Das durchdringende Kreischen von Bremsen, ein lauter Knall, ohrenbetäubende Musik, Verwirrung, der Film beginnt und der Zuschauer ist mitten im Geschehen.
Nach einem Telefonstreit mit seiner Freundin Júlia bricht Heitor hektisch auf, um seine Júlia wiederzugewinnen, doch wird seine Fahrt durch viele, kleine, auch außergewöhnliche Zwischenfälle stark behindert.
Wird Heitor trotzdem an sein Ziel gelangen?
Der Film La voie lactée von Lina Chamie verdeutlicht den Alltag im Großstadtdschungel Brasiliens, sowie die innerlich aufwallenden Gedanken und Konflikte eines Menschen nach einem Streit. Dies wird durch die Kameraführung und die lauten Gedanken verdeutlicht, die zwischen den Personen hin und her wechseln. So zoomt die Kamera während einer harmonischen Liebesszene parallel auf Júlia und Heitor soweit heran, bis die Vereinzelung wieder sichtbar wird.
Der Film bietet den Zuschauern verschiedene Wege, wie Heitor an sein Ziel gelangt. Lina Chamies Film verdeutlicht auf poetische und musikalische Weise Annäherung und Entfernung von einsamen Individuen als Paar.
Es gelingt der Jungregisseurin den Zuschauer durch seine eigenen Vorerfahrungen mit Gedichten, Dramen und Musik (z.B. die Musik von Tom und Jerry) in das Gesamtkunstwerk mit auf die Reise zu nehmen.
Filminteressierte mit einem Faible für Kunst, Individualität und ungewöhnliche Umsetzung sollten sich diesen Film nicht entgehen lassen.
Kritik von Ann-Kathrin Malzkorn, Mario Karbowiak, Thomas Kubala (Gesamtschule Welper, Hattingen)
Die Milchstraße – Wieso, weshalb, warum?
„Verwirrend“ ist wohl das geeignetste Adjektiv, um Lina Chamies Zweitwerk La voie lactée zu beschreiben. Chamie hat sich bemüht eine Vielzahl an Themen in 86 Minuten abzudecken – leider nicht sehr erfolgreich.
Neben der Liebesgeschichte zwischen dem Schriftsteller Heitor und der angehenden Veterinärmedizinerin Júlia, die der Zuschauer zunächst als das eigentliche Thema des Films vermutet, wird man unter anderem mit der Hektik und der Reizüberflutung der Metropole Sao Paulo sowie einer völlig deplatzierten Freud’schen Mutterproblematik beinahe erschlagen. Zusätzlich tauchen wiederholt Rückblenden auf, sodass der Film letztendlich völlig zusammenhangslos erscheint.
Trotz der überzeugenden schauspielerischen Leistung der Hauptdarsteller stellt sich die immer wiederkehrende Frage nach der Botschaft dieses Werkes: So wird nicht deutlich, welche Bedeutung die durchaus ansprechenden Gedichteinschübe einnehmen, wie die häufigen Übertragungen von menschlichen Verhaltensmustern in die Tierwelt die Handlung unterstützen, und inwiefern der Titel überhaupt wirklich mit dem Plot vereinbar ist. Auch die Musik scheint teilweise unpassend eingesetzt: so ist sie in dem einen Moment fast zu dramatisch, und mutet im nächsten Moment viel zu albern an. Der Zuschauer erwartet nun am Ende eine Auflösung des Szenarios, die dem endlos scheinenden Herumgefahre und dem abgedroschenen Philosophieren endlich einen Sinn gibt.
Leider verbleibt der Zuschauer letztlich allein mit seiner Verwirrung und der Unklarheit über die Notwendigkeit eines solchen Filmes.
Kritik von Christin Kuehne, Carolin Castorf (Primo-Levi-Oberschule Berlin)
La voie lactée (A via Láctea); Brasilien 2007; 86 Minuten; Regie: Lina Chamie; Drehbuch: Aleksei Abib, Lina Chamie; Produzent: Lina Chamie; Mit Marco Ricca, Alice Braga, Fernando Alves Pinto
Veröffentlicht am 18.05.2007
Fotos © SIC
Diese Kritiken sind entstanden im Rahmen von La Toute Jeune Critique
Semaine internationale de la Critique de Cannes 2007.
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