Für ein besseres Morgen

Ein Pionier des afrikanischen Kinos bläst zur Revolution. Die Filme von Souleymane Cissé wirken auf den ersten Blick zwar einfach, in ihnen offenbart sich aber stets die Komplexität einer ungerechten Welt.

Baara 3

Es gibt sie immer wieder, diese irritierenden Momente, in denen ein Darsteller seinen Blick direkt in die Kamera richtet. Als Zuschauer fühlt man sich da kurzzeitig wie vom Blitz getroffen, aus seinem Illusionismus wachgerüttelt und in seiner Rolle als Voyeur ertappt. Man kennt solche Augenblicke etwa aus den Filmen von Yasujiro Ozu, aber auch zur Genüge aus verschiedenen Spielarten des selbstreflexiven Kinos. Wenn bei dem Malier Souleymane Cissé dagegen in die Kamera geschaut wird, dann nicht, damit der Zuschauer sich seiner Rolle bewusst wird, sondern damit er sich angesprochen fühlt. Auch wenn Cissés Arbeiten mehr Autorenfilm als populäres Kino sind, öffnen sie sich doch allen Zuschauern. Mit einer klaren Erzählweise und Themen, die sowohl spezifisch als auch universell sind richten sie sich an Malier, an Afrikaner und an den ganzen Rest.

Yeelen 4

Bei einer mythischen Heldenreise wie Yeelen (1987) – Cissés bekanntestem, in Cannes preisgekröntem Werk – kann man als westlicher Zuschauer allerdings durchaus Schwierigkeiten haben, einen Zugang zu finden. Von einigen Seiten wurde dem auf Legenden des Bambara-Stammes basierenden Film vorgeworfen, sich in der Exotik Afrikas zu suhlen, in der Faszination eines fremden, mysteriösen Kontinents, dem sich Außenstehende nur über seine oberflächliche Schönheit nähern können. Es sagt jedoch schon viel, dass dieser Vorwurf überwiegend von weißen Filmkritikern kam.

Yeelen 2

Tatsächlich muss einem westlichen Zuschauer in diesem Film vieles fremd bleiben, die Ikonografie ebenso wie die Rituale. Doch obwohl der Film in dieser Hinsicht weitgehend abstrakt bleibt und sich mehr über seine sinnlichen Qualitäten erfahren lässt, finden sich hinter dieser magischen, in einer archaischen Vorzeit angesiedelten Geschichte doch dieselben Motive wie in Cissés anderen, meist ganz konkreten sozialen Missständen verschriebenen Filmen. Auch in Yeelen liegt das revolutionäre Potential bei der Jugend und entlädt sich schließlich in einem zerstörerischen Generationenkonflikt. Die alte Ordnung hat ihre Gültigkeit verloren und muss gegen eine neue ersetzt werden. Der Magier, der von seinem ebenfalls mit übersinnlichen Kräften ausgestatteten Vater durch die Wüste gejagt wird, muss sich ihm letztlich in einem Showdown stellen. Wie das gleißende Licht, das bei diesem Zweikampf plötzlich die Leinwand beherrscht, hat eine unbestimmte, aber vielversprechende Zukunft über eine leidvolle Vergangenheit gesiegt. Cissé schwelgt dabei, wie so oft, nicht in versöhnlichen Bildern. Er zelebriert kein Happy End, sondern deutet es nur an.

Den Muso 2

Cissé nimmt nicht nur im überschaubaren, dafür aber hochinteressanten Kino Malis eine wichtige Position ein, er zählt neben Ousmane Sembène auch zu den bedeutendsten Regisseuren Westafrikas. Häufig konnte er seine Filme nur durch die Unterstützung französischer Geldgeber verwirklichen. Der letzte Film Tell Me Who You Are (Min Ye, 2009) wurde zudem vom malischen Fernsehen koproduziert. Seine ersten beiden Langfilme Das Mädchen (Den muso, 1975) und Der Lastenträger (Baara, 1979) sind einfach erzählte Geschichten, die in ihrer Inszenierung stets einem starken Realismus verpflichtet bleiben. Man könnte auch sagen, dass Cissé hier seine Arbeit als Regisseur von Fernsehreportagen mit den Mitteln der Kunst fortsetzte. An einigen holprigen Augenblicken zeichnet sich ab, dass hier ein neues Kino entsteht, das sich nicht über Jahrzehnte entwickeln konnte, sondern noch in den Kinderschuhen steckt. Erst in späteren Filmen wird die Montage flüssiger und die szenischen Auflösungen raffinierter. Doch ihrer Qualität tut die rohe Form von Cissés frühen Filmen keinen Abbruch.

Den Muso 4

In seinem Langfilmdebüt setzt der Regisseur ein stummes Mädchen als Metapher für Frauen ein, die in einer patriarchalen, von Gewalt durchsetzten Gesellschaft keine Stimme haben. Cissés Filme zeigen, wie menschliche Schwächen und ein falsches System zu Katastrophen führen, sind aber gleichzeitig auch mehr als nur wütende Anklagen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Immer wieder kommt es auch zu schönen Alltagsbeobachtungen am Rande der Erzählung. Wie die Jugend etwa ihre Unbeschwertheit in einer selbst geschaffenen Gegenwelt mit Alkohol und Drogen, Musik und Tanz auslebt. Doch auch hier haben sich die Krankheiten der Gesellschaft schon eingeschlichen. Mit erschreckender Beiläufigkeit wird inszeniert, wie das stumme Mädchen an einem entspannten Strandtag von einem Augenblick auf den nächsten vergewaltigt wird. So einfach die Filme erzählt werden und so grob die Figuren gezeichnet sind, in ihnen steckt stets die Komplexität einer ungerechten Welt. So ist der Vergewaltiger zwar ein Schwein, aber eben auch ein ausgebeuteter Fabrikarbeiter, der sich holen möchte, was ihm vermeintlich zusteht.

Finye 2

Die Revolution bewegt sich immer von unten nach oben, von den Armen zu den Reichen und von den Jungen zu den Alten. In Cissés vielleicht schönstem Film Die Zeit des Windes (Finye, 1982), in dem sich schon erste Spuren der Transzendenz finden, spitzt sich dieser Konflikt am deutlichsten zu. Ein junges Liebespaar, das sich mit seiner Beziehung über Klassengrenzen hinwegsetzt, kämpft darin mit einer Horde wütender Studenten gegen ein grausames Militärregime. Der unbelehrbare Patriarch – der wie in fast allen Filmen von einem durch und durch bösen Balla Moussa Keita genial verkörpert wird – steht dabei für den gesellschaftlichen und politischen Rückschritt, nicht zuletzt in die Vergangenheit der französischen Kolonialzeit. Zur selbstlosen Revolutionsführerin wird ausgerechnet seine aufmüpfige Tochter. Und auch hier, wenn der Kampf vorerst gewonnen scheint und der Geliebte aus dem Arbeitslager entlassen wird, belässt es der Regisseur dabei, das glückliche Ende nur anzudeuten. Umgesetzt werden muss die Utopie dann, wenn das Licht im Kinosaal angeht.

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