Freiheit und Konzentration: Berlinale Shorts 2017

Ein Besuch bei den Berlinale Shorts erlaubt es, sich an konkreten Beispielen einmal Gedanken darüber zu machen, was genau denn den Kurzfilm ausmacht. Mit jedem Film verschieben sich die Antworten, bis man am Ende so schlau oder so dumm ist wie davor – aber um viele Ideen reicher.

Kometen

Der Kurzfilm ist nicht ein Vorstadium des Langfilms – auch wenn sich aus einigen Kurzfilmen später Kinofilme entwickeln (etwa Whiplash von Damien Chazelle) oder wenn sie als Sequenzen in längeren Stoffen wieder auftauchen (etwa California Dreams von Mike Ott, der auf der diesjährigen Woche der Kritik lief). Natürlich sind die Grenzen zwischen den Formaten fließend, ist ein Kurzfilm unter 60 Minuten, unter 30 Minuten? Überhaupt ist die Einteilung filmischer Gattungen entlang so äußerlicher Merkmale wie Laufzeit unbefriedigend. Aber so sind vorerst und bislang nun einmal die Gesetze des Marktes. Und wie sich das alternative Kino immer wieder im Verhältnis zu und in Abgrenzung vom Hollywoodfilm positionieren musste, um erkennbar zu werden, so fällt es auch schwer, über Kurzfilme zu schreiben, ohne ihre Spezifika aus einem Vergleich mit dem Industriestandard zu bestimmen.

Und da fallen einem erst einmal Freiheiten auf – freilich zum Preis geringerer Sichtbarkeit im Kino und im Fernsehen. Weil sie oft nicht einmal hypothetisch das Spiel mit Verleih und Auswertung mitspielen müssen, können Kurzfilme konzentrierter als Langfilme erzählen. Sie können sich einem Thema oder einem Einfall gänzlich widmen. Andererseits dürfen sie gern auch loser gestrickt sein. Entbunden von der Erwartung sich schließender Spannungs- und Storybögen, können sie assoziativ vorgehen. Und ein Blick in die Kurzfilmsektion der Berlinale 2017, in das Programm „The Shining Stars“, zeigt: Oftmals verbinden Kurzfilme beides, sind zugleich konziser und lockerer als der klassische Kinofilm.

Im Dunkel der Nacht

Kometen von Victor Lindgren ist einer dieser Filme, der in beide Richtungen strebt. Mit wenigen Cuts skizziert der Elfminüter die Innenwelt eines somalischen Geflüchteten in Schweden. Formal ist der Film puritanisch, hält den Kader meist starr, taucht die Bilder in vages Dunkel, löst (bis auf das Ende) keine Szene in verschiedene Einstellungen auf. Wie kleine Vignetten sind zwei intim umschlungene Männerkörper zu sehen, es folgen traurig vertraute Szenen aus dem Alltag eines namenlos bleibenden Migranten: Polizeikontrollen, Behördengänge, Kurse. Der On-Sound ist meist dumpf, weil daneben, oder besser darüber, ein auf arabisch gesprochenes Voice-over wandert. Darin spricht ein lyrisches Ich in etwas schwerfälliger Poesie davon, Licht in tausendjährige Dunkelheit der Erde zu bringen. In Verbindung mit dem Titel macht sich da ein Gefühlsraum mit subtil-queeren Obertönen auf, der aber eigenartig unbehaust bleibt. Der Film wirkt in seiner formalen Strenge seltsam abgewandt von seiner Figur, ist zu eng, um ihr Eigenleben zu geben, stellt den ostentativ verrätselten Off-Monolog so betont unverbunden neben die Bilder, dass letztlich der Eindruck bleibt, hier den nicht ganz erfolgreichen Versuch der filmischen Rekonstruktion einer Psyche zu erleben. Die Fremden bleiben rätselhaft.

Die Party der Überlebenden

Miss Holocaust

Die dokumentarisch angelegten 22 Minuten von Miss Holocaust (Regie: Michalina Musielak) wiederum sind eine sehr deutliche Übung in thematischer Beschränkung. Der inszenatorisch stark zurückgenommene Film rückt seinen Inhalt unmissverständlich in den Mittelpunkt: eine Miss-Wahl unter Überlebenden der Shoa, die jährlich in einer Rentnersiedlung in Haifa stattfindet. Die Kamera interessiert sich für nichts mehr als für die Gesichter der über achtzigjährigen Kandidatinnen, ihre zwischen Freude und Überforderung wechselnden Minen. Sie sind Zeuginnen eines der größten Gräuel der Geschichte, die ihr Leben im unwahrscheinlichen Spaß ausklingen lassen. Wenn bei der Probe die Bee Gees „Stayin Alive“ schmettern, kommt man nicht umhin, an den fröhlich-subversiven antinazistischen Tanz im YouTube-Hit „I will Survive Auschwitz“ zu denken. Eben weil sie das Sittenempfinden angreifen, sind dies starke politische Gesten. Bei der Miss-Wahl erzählt die Moderatorin die Lebensgeschichte jeder Kandidatin, ruft noch einmal die in den Vernichtungslagern verlorenen Familienangehörigen in Erinnerung. Nicht zu beruhigende Trauer und Freude am (Über-)Leben stehen auf der Bühne nebeneinander. Aber das Publikum ist abgelenkt, wenige hören zu, es wird gelärmt. Auch diesen Teil israelischen Alltags fängt der Film ein, ohne indes zu seinem Thema eine andere Haltung zu finden (oder zu suchen) als die der Bewahrung einer von vielen Shoa-Überlebensgeschichten. Und angesichts der faltigen, oft gebückten, aber im Geist aufrechten Damen kommt die beklemmende Erkenntnis auf, dass es viele solcher Miss-Wahlen nicht mehr geben wird.

Vom Schlafen und Totsein

Cicade Pequena

Am komplett anderen Ende des ästhetischen Spektrums wiederum ist Cidade pequena von Diogo Costa Amarante angesiedelt – nämlich in den Gefilden des frei assoziierenden experimentellen Stroms der Bilder, Töne und Worte. Dem 19 Minuten langen in extremem Breitbandformat gehaltenen Film reichen früh gesetzte erzählerische Akkorde, um sich im Anschluss gänzlich frei zu machen von den Konventionen klassischen Storykinos. Ein kleiner Junge, der in der Schule das erste Mal vom Tod hört, und der fast immer schläft, wird da zum Agenten des in Traumlogik getränkten Films. Bilder kommen ins Stottern, einer Schwimmerin wird der Kopf weggeschossen, Ochsen und Schafe passieren das Bild. Cidade Pequena geht viele Risiken ein, die nicht immer aufgehen. Aber wenn es Klick macht, entwickelt er momentweise die essenzielle Magie des Filmemachens: Er lässt neu schauen auf die Welt, er lässt Bilder Gedanken denken, die es ohne die Bilder nicht geben könnte. Ein fliederfarbenes Gesteck reicht, um einen schlafenden Knaben wie eine Leiche erscheinen zu lassen, das Wort „Herz“ im Off verwandelt eine doppelt spiralförmige Fußgängerbrücke zu Herzkranzarterien. Auch das kann Kurzfilm: Töne nur lange genug anschlagen, damit sie im Zuschauerkopf weiterklingen, und schnell genug zu Ende gehen, damit man sich nicht an ihnen satthört.

Depressionen in gleisendem Licht

Auch der mit einer halben Stunde Laufzeit längste Film im Programm, Le film de l'été von Emmanuel Marre, nutzt einen kleinen Jungen, um neue Blicke auf die Welt werfen zu können, entwirft das noch ins Offene hineinlebende Kinderdenken als Hoffnungsschimmern für einen verknöcherten Geist. Ein hart in der Midlife Crisis gefangener, künstlerisch ausgebrannter, obendrein arbeitsloser Regisseur schließt sich einem alten Kumpel an, der mit seinem Sohn Sommerurlaub in Südfrankreich macht. Zwischen dem depresiven Enddreißiger und dem knapp Zehnjährigen entspinnt sich ein fast brüderliches Verhältnis, bei dem der Alte den Jungen immer offensichtlicher als Projektionsfläche, als imaginären Ausweg aus der Konfrontation mit seinem verkorksten Leben behandelt.

Le film d ete

Es ist wunderbar, wie der Film diese Beziehung sich einfach ereignen lässt, sie weder verdammt noch ihre Abgründigkeit verhehlen würde. All das ist in vor Hitze wie verdörrtem analogem 16mm-Material gedreht, glüht vor einem Licht, dass es so nur an der Côte d'Azur und auf Zelluloid gibt. Le film de l'été ist auf eine selbstverständliche Weise frei; nicht arty-erzwungen wie manche der anderen Filme im Programm in ihren schwächeren Momenten, sondern lustvoll fabulierend, gänzlich zufrieden damit, in Kleinigkeiten große Harmonien anklingen zu lassen. In seiner bescheidenen Lebensklugheit erinnert der Film manchmal an Hong Sang-soo. Hat der eigentlich jemals mit Kindern gearbeitet? Wäre das nicht mal super?

Le Film de l'été ist zugleich der Film des Programms, der die Idee Kurzfilm am stärksten in Frage stellt, der gerade in seiner Unaufdringlichkeit die produktivsten formalen Gedanken ermöglicht. Das hat vor allem mit den Figuren zu tun, die man sich problemlos auch jenseits des Films, in einem imaginären Leben davor und danach vorstellen könnte. So wird klar, wie wenig das Konzept einer nach Laufzeit gerichteten Klassifikation von Filmen eigentlich bringt, und wie schwach ausgeprägt dann doch die Idee von spezifischen Freiheiten des kurzen Formats greift. Le film de l'été wählt die Form, die für ihn passt, konzentriert sich auf eine Geschichte, ohne sie ab- oder einschließen zu müssen und ist so frei, wie er eben sein will.

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