Filmfestival Hamburg 2006

Monogamie-Propaganda und deren Subversion aus den USA, Musicals aus Indien, dem Libanon und eines mit Meryl Streep, dazu Ethnografisches aus Dithmarschen: Das 14. Filmfest Hamburg hatte seine beeindruckenden Momente, doch man musste sie suchen.

Verlassen und Verlassen werden: Marriage is Combat

 

Auf einem Filmfest ist man immer auch Perlentaucher – und wo sollte man die finden, wenn nicht im Agua? Derart bemüht wie dieses Wortspiel kommt der Film der Regisseurin Verónica Chen zum Glück nicht daher. Mit ganz wenigen Dialogen, im völligen Vertrauen auf die hypnotisch rhythmisierten Bilder erzählt die Argentinierin mit einer selten zu sehenden Präzision von zwei Schwimmern. Im völligen Verzicht auf die Dramatisierungskonzeptionen des Sportfilms findet Agua sein eigenes Tempo, genauso wie Chino, einer der beiden Protagonisten. Seine Begegnung mit Goyo, einer Legende unter den Langstrecken-Freiluftschwimmern, verändert beider Leben auf eine unvorhersehbare und für den Zuschauer zu jeder Zeit überraschende Art und Weise. Chen schafft es dabei, den Zug des Films bis zum Ende zu steigern, das in seiner unkommentierten, völligen Offenheit seinesgleichen sucht. Agua stellte den Höhepunkt der spanisch- und portugiesischsprachigen Sektion Vitrina, die hauptsächlich mit lateinamerikanischen Filmen besetzt war, dar.

Militärdiktaturen waren darin ein immer wiederkehrendes Thema. Crónica de una Fuga von Israel Adrian Caetano beruht auf wahren Begebenheiten und befasst sich wie der kürzlich in Deutschland auf DVD erschienene Junta mit einer Entführung und anschließenden Folterungen im Argentinien des Jahres 1977/78. Im Gegensatz zum erschütternd frostigen Ende des Films von Marco Bechis schildert dieser Thriller jedoch eine Überlebensgeschichte. In ausgeblichenen und kontrastarmen Bildern orientiert sich die einfach erzählte Geschichte an den französischen Klassikern des Ausbruchsfilms, Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen (Un condamné à mort s`est echappé ou Le Vent souffle où il veut, 1956) und Das Loch (Le Trou, 1960), allerdings ohne auch nur annähernd in Puncto Spannung oder Stilsicherheit an sie heranreichen zu können. Argentiniens Nachbar und ewiger Fußballkonkurrent Brasilien schickte mit Cabra-Cega ebenfalls einen Gefangenenfilm in den Wettbewerb. Hier sitzt der zum Terroristen gewordene linke Protestler allerdings in einem selbst geschaffenen Gefängnis – verwundet muss er sich in der Wohnung eines Sympathisanten verschanzen. Trotz der weitestgehenden Reduktion auf diesen einen Handlungsort zeichnet den Film keine besondere formale Strenge aus. Schon bald werden die anfänglichen Paranoia-Impressionen von einer etwas unbeholfen erzählten Liebesgeschichte abgelöst.

Abgerundet wurde die Trilogie der Militärdiktaturfilme von Salvador. Daniel Brühl (Die fetten Jahre sind vorbei), auch mit Sebastian Schippers Eröffnungsfilm Ein Freund von mir auf dem Festival vertreten, schlüpft hier in die Rolle Salvador Puig Antichs, eines der letzten beiden Todesopfer des Franco-Regimes. Leider gelingt es dem Regisseur Manuel Huerga nicht, den faszinierenden epischen Stoff in eine homogene Erzählform zu gießen. Die als Rückblende mit Off-Kommentar wiedergegebenen Stationen Salvadors: studentische Gruppierung, Verlagerung von Theorie zu Praxis, Proteste, Straßenschlachten, Spaßguerilla, Untergrund und Verhaftung, könnten beliebige europäische oder amerikanische Terroristengeschichten erzählen, vor allem aber auch solche der RAF. Erst als der Film seinem dramatischen Höhepunkt, der Hinrichtung, näher kommt, gelingt es, der Person Puig Antichs näher zu kommen. Dies mag auch an der indifferenten Darstellung Brühls liegen, der den Anarchisten als naiven Bubi mit Herzensbrecherqualitäten anlegt. Vor allem der plakative Musikeinsatz und die zum Teil wenig überzeugende Figurenentwicklung machen es einem unmöglich, diesen Film insgesamt so wertzuschätzen, wie es seine Ambition, das Thema und einzelne inszenatorische Momente möglich gemacht hätten. Im Abspann schlägt Salvador eine Brücke zu aktuellen Kriegs- und Terrorhandlungen, womit er bei Day Night Day Night landet. Julia Loktevs Film über eine junge Selbstmordattentäterin wirkt durch seinen Minimalismus eine Stunde lang wie das faszinierende Gegenstück zu Paradise Now, ehe die Protagonistin am Times Square eintrifft und die Inszenierung den Boden unter den Füßen verliert. Somit bleibt das Langfilm-Regiedebüt der Russin weit hinter dem thematisch verwandten Theeviravaathi (The Terrorist, 1999) von Santosh Sivan zurück. Von dieser und weniger anderer Ausnahmen abgesehen gaben die kleineren, häufig unabhängigen amerikanischen Produktionen in der Hauptreihe Agenda dieses Jahr ein seltsam geschlossenes Bild. Das Thema Verlassen und Verlassenwerden war allgegenwärtig.

Michael (Zach Braff), noch keine 30, erfährt in The Last Kiss, dass er bald Vater wird. Reed Fish (Jay Baruchel, Million Dollar Baby, 2005), gar erst 23, steht in der autobiografischen Film-im-Film-Komödie I’m Reed Fish kurz vor der Hochzeit. Beide Männer wenden sich anderen Frauen zu. Mike (Joe Petrilla) aus The House is Burning hingegen wird von seiner Freundin am Tag bevor er den Militärdienst antritt verlassen. Kitty (Susan Sarandon) distanziert sich von ihrem Mann (James Gandolfini), als dieser eine Affäre beginnt. Romance and Cigarettes, das Musical von John Turturro, begeistert lange Zeit mit schrägen Ideen, ungewöhnlichen Dialogen und eigenwilligen Choreographien, ehe der beschwingte Ton einem beinahe konventionellen Drama weicht.

Auch I’m Reed Fish ist von dieser seltsamen Festivalkrankheit befallen und kann nur in der ersten Hälfte völlig überzeugen, ehe Tempo und Einfallsreichtum plötzlich und beinahe gänzlich versiegen. Junebug ist insofern vielleicht der ausgeglichenste, aber auch leiseste dieser amerikanischen Beiträge über emotionale Geflechte. Phil Morrisons Regiedebüt verhält sich den eigenen Figuren gegenüber sehr distanziert und droht sie dabei manchmal bloßzustellen, hält jedoch fast durchgängig eine sehr stille und eindrückliche Ambivalenz. Das Zusammentreffen der Kunsthändlerin Madeleine (Embeth Davidtz) mit der provinziellen Familie ihres Mannes George (Alessandro Nivola) lief genauso auf dem diesjährigen Filmfestival von Cannes wie Holger Ernsts USA-Debüt The House is Burning. Dieses Drama sieht aus wie die Kleinstadt-Version von L.A. Crash, mit sehr viel White Trash und einem ebenfalls stark konstruierten Finale. Paul Haggis, für sein Drehbuch von L.A. Crash mit dem Oscar ausgezeichnet, schrieb das Script für Der letzte Kuss (The Last Kiss), der diesen Herbst auch in regulären deutschen Kinos anlaufen wird.

Mit Shortbus und Sommer ´04 standen zwei Filme in der Agenda, die schon ab dem 19.10. in den hiesigen Kinos zu sehen sein werden. Cameron Mitchells dramatische Sex-Komödie feierte sogar Deutschlandpremiere in Hamburg.


Einige der interessantesten Einblicke in die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten menschlichen Miteinanders bot, wie zumeist, das Dokumentarfilmprogramm: Shosh Shlams Be fruitful and multiply begleitete vier jüdisch-orthodoxe Mütter, die sich das gleichlautende Bibelgebot zur Lebensaufgabe gemacht haben und kontinuierlich Kinder kriegen, um auf diese Weise Gott mit der Gebärmutter zu dienen. In ...More than 1000 words folgt der Dokumentarfilmer Solo Avital dem israelischen Fotografen Ziv Koren, der seit Jahren versucht, im israelisch-palästinensischen Konflikt genau hinzusehen, Bilder zu machen und damit sich und anderen die Menschlichkeit zu bewahren. Ein Negativbeispiel zum Umgang mit dokumentarischem Material und Erinnerungen an den Holocaust lieferte The Portraitist – ein Interviewfilm von Ireneusz Dobrowolski mit dem polnischen Fotografen Wilhelm Brasse, der von 1940 bis 1945 gezwungen war, für die Kartei des Vernichtungslagers Auschwitz die Fotos der Opfer zu machen. Dobrowolski unterlegt Brasses Bilder, die gut und stumm für sich allein hätten stehen können, mit gefühlserpresserischer Musik und animiert sie – plötzlich bewegen sich die Abgebildeten leicht, ein Zug fährt im Hintergrund, Rauch steigt auf. Die freie Materialbearbeitung hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Mag der Film auch inhaltlich engagiert sein, formal spielt er mit den Mitteln eines befremdlichen Grusel-Infotainments.


Eine altgediente Vertreterin des direct cinema hingegen ist die Hamburgerin Gisela Tuchtenhagen, einst die erste Kamerafrau Westdeutschlands. Mit Der Wirt, die Kneipe und das Fest drehten sie und Margot Neubert-Maric einen ethnografischen Film über eine dithmarscher Tradition, das Hahnebeer-Fest, das einmal jährlich von den Männern des Hohnbeerkrogs, einer Art Vereinskneipe, ausgerichtet wird. Es sind archaische Welten mit viel Schnaps, Blasmusik und zu verleihenden Ehrennadeln, die in Holstein zu besichtigen sind – in untertitelter Fassung, denn gesnackt ward platt. Obwohl außer Redenhalten, Alkoholkonsum und Dorfumzügen nicht viel passiert, fasziniert dieser kleine Film, denn die Filmemacherinnen sind mittendrin, aber verlieren nie den ruhigen Blick aufs leicht Absurde. Im Beitrag Zuneigung – Die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen versuchte Quinka Stoehr, sich der bis zur Verschlossenheit bescheidenen Regisseurin und Kamerafrau zu nähern, die – bisher eher unbeachtet – immerhin ein Stück deutsche Kinogeschichte mitschrieb.

Der deutsche Film war ansonsten in Hamburg vor allem durch eine Reihe von TV-Spielfilmen präsent – etwa aus der Reihe Bella Block –, die hier traditionell ihre erste und einzige Kino-Ausstrahlung erfahren. Eine unangenehm künstliche Fernsehästhetik hatte sich aber auch anderer Werke bemächtigt. Torsten C. Fischer presste Schauspieler wie Barbara Auer, Ulrich Thomsen (Das Fest), Tobias Moretti und Jessica Schwarz in ein Melodram aus Vierecksbeziehung, gesellschaftlicher Kälte und hochgestochenen Dialogen. Am Ende erzeugt Der Liebeswunsch eine gewisse Erleichterung darüber, dass sich die von Jessica Schwarz gespielte alkoholkranke Studentin Anja das Leben nimmt und dadurch diesem in seiner forcierten Unterkühlung oftmals unfreiwillig komischen Filmkonzept entkommt. Distanz – aber diesmal reflektierte – hinterlässt auch Stefan Krohmers Sommer ´04, der dieses Jahr in Cannes sogar in die Nähe der analytischen, dem Realismus verschriebenen Neuen Berliner Schule gerückt wurde. Krohmer inszeniert einen Familien-Segelurlaub mit abgeklärten Kindern und gefühlsverwirrten Erwachsenen, merkwürdig unspektakulär noch bis ins Unglück hinein und mit bizarrer erzählerischer Volte am Ende – doch sehenswert als Schauspielerfilm mit einer großartigen Martina Gedeck.


Ein gutes Händchen bewiesen die Programmgestalter bei der Auswahl des Abschlussfilms: Little Miss Sunshine erhielt als einziger Beitrag selbst bei der Pressevorführung Beifall und sticht durch seine hervorragende an klassischen Vorbildern geschulte Dramaturgie aus den amerikanischen Dramödien-Beiträgen hervor. Die Spielfilmdebütanten Jonathan Dayton und Valerie Faris blicken in das Gesicht einer gebeutelten Toni Collette, die versucht, ihre Familie aus Versager-Ehemann, suizidalem Onkel, Drogen missbrauchendem Großvater, existentialistisch schweigendem Sohn und einer dem Wettbewerb um den Titel der Miss Sunshine entgegenfiebernden Tochter zusammenzuhalten. Eine finale Attacke auf die Lolita-Kultur von Kinder-Schönheitswettbewerben beschloss den Film und rundete gelungen ein insgesamt zu kantenloses Festival ab, bei dem man schon tief Tauchen musste.

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