Filmfest München 2006

Obwohl sich das Münchner Filmfest wegen der WM um zwei Wochen nach hinten verschoben hat, konnte man sich bei hochsommerlichen Temperaturen nicht über mangelnde Besucher beklagen. Bewegt man sich in der Münchner Innenstadt oder genauer gesagt auf der „Isarmeile“, kann man die zahlreichen Filmfestplakate ohnehin nicht ignorieren...

Obwohl sich das Münchner Filmfest wegen der WM um zwei Wochen nach hinten verschoben hat, konnte man sich bei hochsommerlichen Temperaturen nicht über mangelnde Besucher beklagen. Bewegt man sich in der Münchner Innenstadt oder genauer gesagt auf der „Isarmeile“, kann man die zahlreichen Filmfestplakate ohnehin nicht ignorieren, ebenso wie das omnipräsente Logo des Bayerischen Rundfunks. Dabei ist der BR mehr als nur Geldgeber. Er ist mit 10 Filmen im Festivalprogramm vertreten und stiftet mit der HypoVereinsbank und Bavaria Film den hochdotierten Förderpreis Deutscher Film. Vom BR wurde auch der Eröffnungsfilm Winterreise mitproduziert, in dem es nur so von bayerischen Klischees und bildungsbürgerlichen Bezügen zu Schuberts gleichnamigem Liederzyklus wimmelt.

 

Mörder, Betrüger, Taschendiebe

 

Alles ist möglich. Und manche Menschen sind wahre Verkaufsgenies - wie alle guten Verkäufer handeln sie mit Träumen. Im „Hochstaplerfilm“ Mein anderes Leben erzählen Betrüger ungeniert von ihren erfundenen Identitäten und der „gerechten“ Ausnutzung der Geldgier anderer. Eine ganz besondere Form der Moral beanspruchen ebenso die Taschendiebinnen, pardon: Umverteilerinnen, aus Was ich von ihr weiß für sich, obwohl es hier noch ganz harmlos beim Klauen bleibt.

Die Reihe „Neue Deutsche Kinofilme“ verbindet so unterschiedliche Werke wie die vierte Zusammenarbeit von Rudolf Thomé mit Hannelore Elsner und kleine Dokumentarfilme wie Peter Zadek inszeniert Peer Gynt. Da verwundert es schon, dass in diesem Jahr - mit wenigen Ausnahmen - filmübergreifend ein Trend zum Morden zu erkennen ist. Und wenn ein Protagonist dennoch vor der Tat kneift, wie der betrogene Ehemann in der bayerischen Komödie Wer früher stirbt, ist länger tot, dann ist er dadurch noch lange kein moralischer Held, sondern lediglich ein erbärmlicher Glückspilz. Übers Sterben lässt sich in diesem Jahr gut lachen, das beweist gleichsam der Kochfilm Eden, von Sophiiiie!-Regisseur Michael Hofmann. Die Tragikomödie mit Charlotte Roche bleibt zwar eher brav und könnte mit dem letztjährigen Überraschungsfilm Die Quereinsteigerinnen nicht um den Absurditätsfaktor konkurrieren, zeigt aber zugleich, dass die Zeiten der Münchner Schickeria-Komödien lange überwunden sind.

Sterben und Morden ist auch Thema ernsterer Filme der Deutschen Reihe. Von der Krebserkrankung in Emmas Glück über das verzweifelte Leben zweier Junkies in Fliegende Ratten - einer von lediglich zwei Berlin-Filmen des Programms - bis hin zum Dokumentarfilm über den ersten toten Soldaten auf amerikanischer Seite im Irak-Krieg Das Kurze Leben des José Antonio Gutierrez. Der bereits in Cannes ausgezeichnete Pingpong von Matthias Luthardt porträtiert den jungen Paul, dessen Vater Selbstmord begangen hat, und die bürgerliche Familie seines Onkels. Ein einfaches Setting und eine ebenso einfache Geschichte von Ehebruch und Initiation geben dem präzisen Film einen Rahmen, den er für Komik wie Tragik zu nutzen weiß. Einen weiteren Höhepunkt des Programms bot Mein Freund der Mörder, der die bereits an sich spannende Geschichte eines gerissenen Räubers, den Peter Fleischmann über mehrere Jahrzehnte immer wieder filmte, in der eingeschränkten dokumentarischen Form durch Interviews und Nachstellungen lebendig werden lässt.

 

Neue Länder und alte Bekannte

 

Gab es im Vorjahr noch eine lateinamerikanische und asiatische Sektion, wurde der Fokus diesmal auf Québec sowie Mittel- und Osteuropa gelegt. Die beiden frankokanadischen Dramen Familia und The Novena (La Neuvaine) boten etwa konventionelles Erzählkino, dass sich jedoch durch differenzierte Figurenzeichnungen und eine unaufdringliche Sichtweise auszeichnete. In der Reihe „Aus der Mitte“ gab es sehr unterschiedliche Ansätze zu sehen, die von dem bemüht experimentellen Not of Today (Nebyt Dnesni) aus Tschechien bis zu dem durchgestylten und massenwirksameren White Palms (Fehér Tenyér) aus Ungarn reichten.Bei den Retrospektiven konnte man neben Arbeiten von Mike Figgis und Barry Levinson auch eine umfangreiche Werkschau der iranischen Filmemacherfamilie Makhmalbaf sehen. Vater Mohsen dreht schon seit den achtziger Jahren politische und kritische Filme über sein Heimatland. In den letzten Jahren förderte er zudem die Regiekarrieren seiner Frau Marziyeh Meshkini, seiner Töchter Samira und Hana sowie seines Sohnes Maysam.

 

Es geht auch ohne Stars

 

Bekannte Namen hört man in München nicht nur bei den Retrospektiven. Dank der offenen Auswahlpolitik, die auch Filme zulässt, die bereits seit einiger Zeit im Festivalzyklus unterwegs sind, konnte das Münchener Publikum Filme wie den makabren englisch-kanadischen Genremix Tideland von Terry Gilliam sehen, der in San Sebastian vor zehn Monaten Premiere feierte, in Deutschland aber bisher keinen Starttermin hat. Dass auch amerikanisches Kino fernab von Großproduktionen Entdeckungen zu bieten hat, die hierzulande meist verborgen bleiben, stellt auf dem Filmfest stets die „American Independents“-Reihe unter Beweis. Die große Bandbreite umfasste in diesem Jahr auch zwei Werke von im Mainstream-Kino beheimateten Filmemachern. Bubble von Stephen Soderbergh, zuletzt auf großer Leinwand mit Ocean's Twelve (2004) vertreten, ist ein intimer Film, der durch grandios inszenierte Laiendarsteller glänzt. Als Bezugspunkt fungiert hier an der Stelle von Julia Roberts eine dickleibige Durchschnittsamerikanerin. Und doch wünscht man sich nach dem Kinobesuch nicht den Star herbei. Bekannte Darsteller konnte wiederum Richard Linklater für seinen Film im Animationslook A Scanner Darkly gewinnen, in dem Schauspieler wie Keanu Reeves, Robert Downey Jr., Winona Ryder und Woody Harrelson zu comicartigen Figuren stilisiert wurden. Dass man bei der Warner Independent Produktion mit einem geschätzten Budget von 20 Millionen US-Dollar streng genommen nicht von einem „Independent“-Film sprechen kann, störte in München das staunende Publikum nicht.

 

Vorstadthölle und Identitätsverlust

 

Im Vergleich zu den letzten Jahren kamen erstaunlich viele Filme aus den Genrebereichen Horror und Thriller, weshalb es mit dem wegen der Verschiebung parallel laufenden Fantasy Filmfest sogar zu einigen Überschneidungen in der Filmauswahl kam. Gleich zwei Filme, ein israelischer und ein französischer Beitrag, waren eine Reminiszenz an den film noir, die sich nicht nur über den Einsatz schwarzweißer Bilder definiert.

Frozen Days (Yamim Kfuim) spielt mit seiner Protagonistin, stellvertretend für den Zuschauer, ein Verwirrspiel inmitten des hedonistischen Partylebens von Tel Aviv. Das Ungewöhnliche daran ist, dass die Annahme einer fremden Identität hier geschlechterübergreifend geschieht, allerdings zielt der Film gegen Ende zu sehr auf seine pseudophilosophische Auflösung. 13 Tzameti funktioniert weitaus schnörkelloser und schafft es durch seine mitreißende Inszenierung der Reise eines jungen Mannes ins Ungewisse, dass die anfänglichen noir-Elemente immer weiter in den Hintergrund treten und nicht als Zitat den gesamten Film überschatten.

Der spanische The Absent (Ausentes) über das Grauen in einer Vorstadtsiedlung bedient sich im Gegensatz dazu bei aktuelleren Genres wie dem Geisterfilm oder dem Verschwörungsthriller und gerät am Ende mit einer mäßig originellen Schlusspointe ganz woanders hin. Immerhin gelingt es ihm eine stringente Ästhetik und spannende Atmosphäre zu kreieren.

 

Zwischen Systemkritik und popkultureller Referenz

 

Aus China werden zur Zeit vor allem Martial Arts und opulente Ausstattungsfilme exportiert. Dabei florieren dank der technischen und finanziellen Flexibilität des Mediums Video auch unabhängige Produktionen, die abseits der nationalen Zensurbehörde entstehen und teilweise nur im Ausland gezeigt werden können.

Ning Yings Perpetual Motion (Wu Qiong Dong), eine bemerkenswerte Satire über vier ältere Frauen aus der Oberschicht, die gemeinsam das chinesische Frühjahrsfest feiern, schaffte es trotz seines systemkritischen Ansatzes auf chinesische Leinwände.

Der Filmemacher Lou Ye steht dagegen für ein junges und stark popkulturell geprägtes Kino. Summer Palace (Yihe Yuan) erzählt bewegend und stilsicher die leidenschaftliche Liebesgeschichte zweier Studenten über den Zeitraum von über fünfzehn Jahren. Obwohl sich im Hintergrund immer wieder historische Ereignisse wie das Tianmen-Massaker abspielen, handelt der Film vor allem von den Sehnsüchten und Enttäuschungen der Protagonisten.

 

Die Selbstinszenierung einer großwüchsigen Domina

 

Wahrlich Experimentelles ist in München eher die Ausnahme. Da freut es einen natürlich umsomehr, wenn man ein kleines „Special“ zur australischen Ausnahmeerscheinung Janet Merewether alias Jabe Babe am Rande der internationalen Reihe zu sehen bekommt. Das Filmfest präsentierte zwei kurze Experimental- bzw. Konzeptfilme und eine Selbstinszenierungs-Doku der unter dem Marfan-Syndrom, einem tödlichen Gendefekt, leidenden 1,88 m großen Domina. Zwar führt ihr erster längerer Film die nachvollziehbare Narration ihrer Lebensgeschichte ein, beharrt aber auf bruchstückhafter Handlung. Dass Filme wie diese im Programm des zweitgrößten deutschen Filmfestivals ihren Platz haben, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, erst recht bei der großen Bandbreite, die die Auswahl von Genre- über Arthouse- bis zu Mainstream-Produktionen bietet. Eine eigene Sektion für Kunstfilme und Experimentelles hatte das Filmfest 2002 und 2003. Im undurchsichtigen Karussell-Wechselspiel der Filmreihen - derzeit hat das Festival ganze 14 Programme, wovon lediglich 6 beständig sind - wurde sie allerdings kurzerhand wieder aufgegeben.

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