Filmfest München 2005: Die Sektionen im Überblick

Neue Deutsche Kinofilme

 

Es ist nichts Neues, dass Deutsche Kinofilme vom Fernsehen abhängig sind. Eine Unterscheidung zwischen Fernseh- und Kinofilmen wird aber durch den fortschreitenden Einzug von digitalem Video in das Spielfilmformat, immer schwieriger. Man könnte meinen, Kinofilme hätten im Idealfall als erste „Auswertungsstelle“ das Kino. Where Silence Sings, ko-produziert vom Bayrischen Rundfunk, wurde bereits einen Tag nach dem Filmfest ausgestrahlt. Andere vom Fernsehen mitproduzierte Filme werden vielleicht auch nie ins Kino kommen, doch wird man in den Fernsehredaktionen zumindest auf die Resonanz bei Verleihern und Kinobetreibern warten. Eine Kinofilm-Reihe ohne durchs Fernsehen finanzierte Filme wäre in jedem Fall in München nicht denkbar: 9 der 15 ausgewählten Filme entstanden in Koproduktion mit öffentlich-rechtlichen Sendern.

Leicht wäre man versucht, nun die Nachteile der Filmförderung auf die Qualität der Filme oder die Konventionalität der Stoffe zu übertragen. Doch so einfach ist eine solche Feststellung nicht zu machen, im Gegenteil: Gerade bei einem Film wie Die Höhle des Gelben Hundes, der erwartungsgemäß die Exotik der Mongolei, kleiner Kinder und eines Hundes in eine fast komplett von der Realität abgeschnittenen Welt inszeniert, hätte man im Abspann einen Fernsehpartner erwartet, der hier ein sehr kalkulierbares Risiko eingegangen wäre. Andererseits gibt es natürlich auch die Filme, bei der eine Unterstützung zu Recht ausblieb, wie bei dem visuell einfallslosen Rendezvous, ein Kammerspiel in dem die Schauspieler durch ihr Overacting den Zuschauer fast zur Weisglut treiben, oder dem nichts Neues bringenden Selbstfindungstrip Hastig werden wir leiser.

So verärgert man im einen Augenblick aus dem Kino kam, so positiv überrascht war man nach Filmen wie Die Quereinsteigerinnen (seit 3.7. in München im Werkstattkino zu sehen), der einen wunderbar abstrusen Humor einzusetzen vermag und ihn mit Nina Proll, Claudia Basrawi und Rainer Knepperges grandios verkörpert sieht. Endlich ein Film, der sich einem wirklichen deutschen Problem angenommen hat: Die gelben Telefonzellen müssen wieder her!

Für das Verlangen nach ernsthafter Beschäftigung mit der deutschen Wirklichkeit zeigte das Filmfest zwei bemerkenswert eigenständige Werke: Christoph Hochhäusler, der bereits erfolgreich seinen Erstling Milchwald (2003) in Frankreich zeigte, war mit seinem Zeitdokument eines Erwachsenwerdenden, Falscher Bekenner, in München vertreten, ein Film der als einer von nur zwei Deutschen in der Reihe Un Certain Regard in Cannes zu sehen war. Ebenfalls in Cannes und in München wurde Benjamin Heisenbergs Schläfer gezeigt, der die Unsicherheit einfängt, mit der ein junger Wissenschaftler mit seinem algerischen Kollegen umgeht, nachdem ihm vom Verfassungsschutz aufgetragen wurde ihn zu beschatten.


Nouveau Cinéma Français

 

Die überzeugendsten Filme im Nouveau Cinéma Français waren ohne Zweifel die beiden Regiedebüts von Antony Cordier und Safy Nebbou. Cordiers Douches Froides (Cold Showers), der von einem erstklassigen Ensemble Jungschauspieler getragen wird, besingt die erste große Liebe und den Verlust der Unschuld. Cordier inszeniert eine subtile Dreiecksbeziehung à la Ken Park (2002), jedoch verzichtet er auf die Utopie eines Arrangements zu Dritt am Ende.

Safy Nebbous Debütfilm mit dem kuriosen Titel Le Cou de la girafe (The Giraffe’s Neck, 2003) gelingt es, die schwierige Balance zwischen Drama und Komödie zu halten. Die neunjährige Mathilde reißt von zu Hause aus, um mit ihrem Opa (Claude Rich) ihre Großmutter zu suchen, die diesen vor über 30 Jahren verlassen hat. Ihre Mutter Hélène (Sandrine Bonnaire) reist den beiden bis an die spanische Grenze hinterher. Die Schauspieler brillieren in ihren Rollen, unterstützt von witzigen, pointenreichen Dialogen und vielen schönen, intensiven Momenten.

Etwas unglaubwürdig dagegen wirkt Serge Frydmans Mon Ange, der sich um die ungewöhnliche Beziehung zwischen der Prostituierten Colette (Vanessa Paradis) und dem Jugendlichen Billy (Vincent Rottiers) rankt. Bereits in Patrice Lecontes La fille sur le pont (Das Mädchen auf der Brücke, 1999), zu dem Frydman das Drehbuch lieferte, verführte Paradis mit naiver Lust die Männer scharenweise, blieb in ihrem Innern aber ein hilfloses Kind. Die Figur der Colette geht ganz in Sehnsucht nach einem Zuhause, nach einem Kind auf. Sexuelle Verführung dient ihr nur noch als Mittel zum Zweck, endlich schwanger zu werden. Frydman überfrachtet seinen ästhetisch stilisierten Film mit bedeutungsschwangeren Dialogen, unter denen die durchaus überzeugenden Schauspieler fast zu ersticken scheinen.

Der unerfüllte Kinderwunsch ist auch das Motiv, mit dem Bertrand Taverniers Holy Lola (2004) seine Protagonisten Pierre (Jacques Gamblin und Isabelle Carré) auf eine nervenaufreibende Reise durch Kambodscha schickt, wo sie ein Kind adoptieren möchten. Man mag dem Film die didaktische Geste vorwerfen, mit der er das kambodschanische Elend vorführt, genauso wie die Langatmigkeit, mit der sich das emotionale Auf und Ab der Figuren bis zum Happy End hinzieht. Den Figuren, denen sich Tavernier mit Handkamera in den Straßen Phnom Penhs an die Fersen heftet, nimmt man trotzdem ihre Authentizität und ihre Geschichte ab.

 

 

Vento d'Italia

 

Das aktuelle italienische Kino überrascht mit seinem sozial engagierten Gehalt. Vento di Terra (Land Wind, 2004) von Vincenzo Marra und Certi Bambini (Stolen Childhood, 2004) der Brüder Frazzi klagen die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen aus der trostlosen napoletanischen Vorstadt an. Beide Filme erschrecken durch ihre wenig zuversichtlichen Enden. Marras Protagonist Vincenzo (Vincenzo Pacilli) bringt seine Tage stupide damit zu, für einen kleinen Handwerksbetrieb Löcher in Metallleisten zu bohren. Alles ändert sich, als sein Vater unerwartet stirbt und sich Vincenzo plötzlich gezwungen sieht, für seine psychisch kranke Mutter zu sorgen. Schmucklos, geradezu nüchtern ist Marras Regiestil, genauso wie die wortkargen Dialoge seiner Protagonisten. Der ruhige, sehr langsam inszenierte Film fällt selbst an einem Kriegsschauplatz wie dem Kosovo nicht aus seinem lethargischen Rhythmus und spiegelt die Passivität, ja fast Devotion Vicenzos gegenüber dem Fatalismus seines Lebens.

Stilistisch komplexer gibt sich hingegen Certi Bambini. Der Protagonist Rosario (Arturo Paglia) ist jünger als Vincenzo, aber auch für ihn scheint ein hoffnungsloses Leben vorgezeichnet. Dem Zuhause bei seiner senilen Großmutter entflüchtet er so oft es geht und treibt sich tagsüber mit Jungs aus der Nachbarschaft herum. Wo Vincenzo auf seine Kondition mit stoischer Mine antwortete, reagiert der zwölfjährige Rosario mit Mutproben und Gewaltdemonstrationen. Agressiver italienischer Rap und eine schnelle Schnitttechnik mit vielen Flashbacks transportieren die Wut, die sich zum Schluss des Films in einer Eskalation der Gewalt entlädt.

Großes emotionales Kino bietet Gianni Amelios Le chiavi di casa (Die Hausschlüssel, 2004), der von der vorsichtigen Annäherung eines Vaters an seinen lange vernachlässigten 15-jährigen behinderten Sohn erzählt. Obwohl er auch die hässlichen Seiten der Behinderung nicht scheut, ist Amelios Blick auf seine Protagonisten immer respektvoll und zärtlich.

An Amelios früheren Erfolg Lamerica (1994) erinnert thematisch ein bisschen der wohl schönste Film der Reihe, Quando sei nato non puoi più nasconderti (Once you are born, 2005) von Marco Tullio Giordana. Sandro (Matteo Gadola), ein wohlbehüteter Sohn aus bürgerlicher Familie, wird durch einen schlimmen Unfall mit der erbarmungslosen Welt illegaler Einwanderer konfrontiert: bei einem Segeltörn stürzt er über die Reeling und wird von einem Schlepperboot vor dem Ertrinken aus dem Meer gerettet. Es ist ein starker, nachdenklich stimmender Film über das Erwachsenwerden und die Bewusstwerdung der Kontingenz unseres sozialen Status.

 

 

American Independents

 

Zum Münchner Filmfest gehört sie einfach dazu, die subjektive Filmauswahl von Sektionsleiterin Ulla Rapp. Die American Independents bieten die in Deutschland seltene Möglichkeit amerikanische Filme zu sehen, die fernab von Studioproduktionen von einem kreativen Land sondergleichen zeugen. Wie Ulla Rapp immer wieder zu sagen pflegt: „die wahren Indies“. Denn die Filme die hier gezeigt werden gehören eher zu den ganz kleinen. Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie Me and You and Everyone We Know von Miranda July (siehe Semaine de la Critique), der gerade in den USA gestartet ist und von dem anzunehmen ist, dass er einen Verleih auch hierzulande finden dürfte.

Anders gestaltet es sich da schon bei dem Festivalhighlight The Girl from Monday, der in München das Publikum spaltete. Hal Hartley ist in seiner Low-Budget-Zukunftsvision formal mit Horizontverschiebungen, dem Spiel mit Unschärfen und einer durchkomponierten Tonebene samt überstilisierter Geräusche ein kleines Meisterwerk gelungen. Wegen seiner einfach gestrickten Geschichte und durchaus auch anstrengender Optik wird ihm aber wohl ein Schattendasein beschieden sein.

Einen Erfolg wünschte man auch Following Sean, einem der vielen Dokumentarfilme der Reihe. Regisseur Ralph Arlyck trifft darin wieder auf Sean, über den er 1969 einen Kurzfilm für die Schule drehte. Der damals Vierjährige redete ganz frei in dem erfolgreichen 15-Minüter übers eigene Kiffen und das Leben mit Drogenabhängigen und wurde zum Symbol für ein degeneriertes Leben in Amerika. Mit Following Sean gelingt es Ralph Arlyck einen sehr subjektiven Blick auf die Entwicklung von Sean, 30 Jahre später, seine Vergangenheit und die seiner eigenen Familie zu werfen, ohne dabei der Gefahr einer Selbstinszenierung zu verfallen.

Caveh Zahedi inszeniert in I Am a Sex Addict sein eigenes Leben nach. Die geringen Produktionsmittel nutzt er in einer raffinierten Kollage aus Archivmaterial, nachgestellten Szenen, in die er Apartes einbaut, Animationen und direkt an die Kamera adressierte Szenen. Dabei erzählt er humorvoll von seiner Sexsucht und seinen vielen Versuchen sie zu überwinden und verbindet Darstellungs- und Erlebnisebene gekonnt bis zur vollkommenen Verwirrung des Zuschauers.

 

Visiones Latinoamericanas

 

In der Reihe Visiones Latinoamericanas gab es zehn sehr unterschiedliche Filme aus Argentinien, Brasilien und Mexiko zu sehen. Viele der Beiträge demonstrierten, wie facettenreich und qualitativ hochwertig das im deutschsprachigen Raum noch immer unterrepräsentierte lateinamerikanische Kino sein kann. Brasilien war fast ausschließlich mit Dokumentationen vertreten, die sich entweder wie Everything Blue (Tudo Azul) mit der eigenen Musikgeschichte befassen oder wie Entreatos und Heroes and Time mit politischen Entwicklungen aus der jüngeren Vergangenheit. Die Spielfilme aus Mexiko und Argentinien glänzten dagegen besonders durch ihre inhaltliche und formale Vielfalt.

Geminis von der argentinischen Regisseurin Albertina Carri nimmt sich neben Filmen wie News From Afar (Noticias Lejanas), Nordeste oder Sangre familiären Problemen an. Mit distanziertem Blick und auffällig schönen und gestylten Darstellern zeigt Carri wie die Fassade einer bürgerlichen Familie durch eine inzestuöse Beziehung zu bröckeln beginnt. Traumwandlerisch bewegt sich der Film langsam auf seinen Höhepunkt vom Ausmaß einer griechischen Tragödie zu.

Während Geminis eine universale Geschichte erzählt, schöpft Carris Landesgenosse Carlos Sorin in seinem demnächst auch in Deutschland anlaufenden Film Bombón aus dem Lokalkolorit Patagoniens. Wie auch in vielen anderen Beiträgen spielen hier Themen wie Arbeitslosigkeit und das Leben in der Provinz eine wesentliche Rolle. Leider verlässt sich die Geschichte über die Freundschaft zwischen einem arbeitslosen Mechaniker und einem Hund allzu sehr auf die Schrulligkeit und Liebenswürdigkeit seiner Figuren sowie auf die Exotik des argentinischen Hinterlands.

Ein gefühlskaltes und degeneriertes Mexiko City jenseits gängiger Mariachi-Klischees porträtiert Carlos Reygadas in seinem in Cannes unraufgeführten Battle in Heaven (Batalla en el Cielo). Mit Mut zur Hässlichkeit und einer unkonventionellen Bildsprache erzählt der Film von einem Chauffeur, der sich nach dem tragischen Ende einer Kindesentführung durch ein vor religiöser Symbolik strotzendes Martyrium von seiner Schuld reinwaschen möchte.

 

Kiyoshi Kurosawa – Retrospektive

 

Im Rahmen des diesjährigen Japan-Schwerpunktes wurde der Regisseur Kiyoshi Kurosawa mit einer umfangreichen, wenn auch nicht ganz vollständigen Retrospektive geehrt. Das ist besonders erfreulich, weil seine Filme, der düstere Thriller Cure (Kyua, 1997) ausgenommen, in Deutschland bisher nur auf diversen Festivals zu sehen waren.

Kurosawa selbst bezeichnet sich zwar als Genreregisseur, jedoch gehen seine Bearbeitungen von Dramen-, Yakuza- oder Horrormotiven immer weit über das jeweilige Genre hinaus. Seance (Korei, 2000) etwa, der von einer Hellseherin und ihrem Mann erzählt, beginnt wie ein subtiler Horrorfilm, entpuppt sich mit der Zeit aber als Ehedrama. Ähnlich verläuft es mit House of Bugs (Mushi Tachi No Ie, 2005), dem in München uraufgeführten ersten Teil einer Horrorminiserie für das japanische Fernsehen.

Die meisten von Kurosawas Filmen sind durchdrungen von einer düsteren und unwirklichen Atmosphäre, die dargestellten Figuren entfremdete Ehepaare, zerrüttete Familien oder desillusionierte Jugendliche wie in Pulse (Kairo, 2001), der von einer geheimnisvollen Internetseite handelt, die ihre jungen Besucher in den Selbstmord treibt. Ähnlich wie in dem unklassifizierbaren und äußerst vielschichtigen Selbstfindungsdrama Charisma (Karisuma, 1999) finden hier übernatürliche Phänomene ihren Ursprung in der menschlichen Psyche. Dass Kurosawa am Individuum und seinen zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert ist, zeigt sich auch besonders an den beiden sehr unterschiedlichen Dramen Bright Future (Akarui Mirai, 2003) und License to Live (Ningen Gokaku, 1998).

Allein der eher komödiantisch gehaltene Doppelgänger (Dopperugenga, 2003) übertreibt es etwas mit Genrewechseln und technischer Virtuosität, ansonsten bestechen alle gezeigten Filme durch ihre ungewöhnliche und feinfühlige Sichtweise und lassen nach dieser Retrospektive auf einen längst überfälligen Durchbruch von Kiyoshi Kurosawa bei uns hoffen.

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