Filmfest Hamburg 2014: Sehtagebuch (1)

Spinner, Helden, Humanisten: Notizen zum Festival.

OZ

Der Zug, der mich zum Filmfest Hamburg bringt, kommt aus Pinneberg. Die Strecke war schon früher, als das noch Heimat – oder sag' ich besser: Wohnort – war, der Weg zum Film, in mein Lieblingskino Metropolis, zum Kurzfilmfestival oder in die Öffentlichen Bücherhallen, um mit einem Stapel Videos wieder zurück aufs Land zu fahren – und in der nächsten Woche neue zu holen. Der in den verlässlichen Hamburger Nieselregen einfahrende Vorortzug ist vertraut und immer noch merkwürdig. Und dann die erste Nachricht aus der Stadt: OZ ist tot. Von einer S-Bahn beim Sprayen erfasst und getötet, mit 64 Jahren. OZ, dessen Kürzel und Smileys zum Hamburgbild gehören, ein ehemaliges Heimkind, das auch später Gefängnisstrafen nie davon abhielten, jeden Tag loszuziehen und neue Zeichen zu hinterlassen. Früher war es ein Spiel, die OZze auf einem beliebigen Weg durch die Stadt zu zählen. Merkwürdige Geheimsignale, vertraut, Heimatsignale. Da tut einer, manisch und gegen die Regeln der öffentlichen Ordnung, was ihm etwas bedeutet: Kritzelwiderstand, Smiley-Botschaften, bis zum Tod. Das ist doch ein Film.

 

Born to die

Mommy 02

Extreme Menschen haben es im Leben schwer, für den Film sind sie wunderbar. Spinner, Helden, Verhaltensauffällige, solche, die sich nicht in ein herrschendes System einfügen wollen oder können. Sie machen, was sie wollen und müssen und was wir vielleicht auch wollen würden, wären da nicht Vernunft, Angst oder fehlende Leidenschaft. Wir alle sind born to die, aber die Verhaltensauffälligen sind immer ein Stück näher dran. Deshalb ist Steve, der jugendliche Held von Mommy, großartig rebellisch, verbrennend vor Energie und im Leben nicht zu ertragen. Das Schöne ist, dass Xavier Dolan seinen so kindischen wie charmanten, anfallartig gewalttätigen, großmäuligen und großherzigen Protagonisten in kein Sozialdrama steckt. Auch wenn es in Mommy viel zu leiden und zu beweinen gibt, feiert der Film die überbordende Energie, die irgendwann zum Tode führt, er dreht die Musik laut, er reißt das Bild auf und spielt unsere Träume einmal durch. Wenn er das tut, zeigt er uns gleichzeitig die Inszenierung – unser Blick, das Gelenkte daran, spielen mit, das Kino selbst spielt mit. Am Ende lässt Dolan den Figuren ihre Würde, so wie das freeze frame in Thelma & Louise (1991) die Geste der Befreiung festhält, obwohl wir wissen, wie es danach ausschaut. Aber Thelma und Louise im Tal zerschmettert will wirklich niemand sehen. Und von OZ behalten wir die schönen Bilder, zehntausende davon.

 

Victory

Girlhood 05

Auch die Heldin in Céline Sciammas Girlhood (Bande des filles) nimmt immer wieder Anlauf, ihre Würde in der einen Hand, die Verletzlichkeit in der anderen. Victory soll sie heißen, den nom de guerre braucht sie auch, um in der Pariser Vorstadt mit ihren Zwängen, Gewalttätigkeiten und Shoppingmall-Träumen herauszufinden, wie sie eigentlich leben will und überhaupt kann. Victory wird in ihrer Umgebung der durch Klasse, Hautfarbe und Geschlecht begrenzten Möglichkeiten allein dadurch radikal, dass sie nach einem eigenen Weg sucht. Durch Sciammas Fähigkeit, ihre Figuren – gespielt von Laiendarstellerinnen – wie direkt aus dem Leben gegriffen zu inszenieren, wirkt Girlhood sehr realistisch. Doch auch hier trifft der Film seine künstlerischen Entscheidungen offen. Bei einem Glücksmoment mit Rihanna feiert die Mädchenclique sich selbst, ihre Lebenslust, Schönheit und Freiheit. Der Film feiert sie mit. Es ist klar, dass nach den Fluchten ins edle Hotelzimmer mit lauter Musik und den geklauten Designerkleidern die Machtverhältnisse draußen immer noch die gleichen sind. Die Flucht zählt trotzdem, sehr viel sogar. Und wenn Victory am Ende aus dem Bildkader heraustritt – und bewusst wieder hinein – dann erzählt das etwas. Über die Haltung der Figur und des Films zu ihr.

 

Over the top

The Cut 04

Bei Fatih Akin gibt es sowas nicht – die Momente, in denen ein Film meta wird, in denen wir uns selbst beim Gucken zusehen, beim Bemerken einer Schärfeverlagerung, einer Verengung oder Erweiterung des Blicks. In Akins Werk sollen wir komplett eintauchen, bedingungslos mitfühlen und von der Wucht dieser Gefühle hin- und hergeschleudert werden. Wenn dann aber kein Gefühl aufkommt – wie etwa zwischen mir und The Cut –, wird es anstrengend. Ich habe das noch nicht zu Ende gedacht: Einerseits ist mir das absolut sympathisch, weil bei Akin die Emotion immer heiß und ehrlich aussieht, er macht nie Exploitation, er will wirklich an den Kern. Bei The Cut ist das der Kern von Völkermord, menschlicher Grausamkeit, Familienbindung und der Kraft der Hoffnung. Der Film ist humanistisch und völkerverbindend gedacht, nicht anklagend, obwohl das Gemetzel der Türken an den Armeniern deutlich gezeigt wird. Wenn in einer viel kritisierten Szene in einem dem Tod geweihten Wüstenlager Hunderte verdursten, verhungern, verwesen und dabei wie geschminkte Zombies aussehen, finde ich das nicht schmerzlich misslungen. Gut, dass es nicht wie gewohnt so ausschaut, wie das, was wir innerhalb eines Filmes als realistisch bezeichnen würden. Gern noch mehr Schminke – over the top und gegen die Wand. Auch wenn es mich emotional keinen Deut berührt hat, was auch an meiner Dauerbeschäftigung mit Holocaust-Nachbildungen zu tun haben könnte. Aber die anschließende epische Suche eines rehäugigen Mannes nach seinen Töchtern – durch die Länder und durch die Zeit – ist erschöpfend, führt weg von der türkisch-armenischen Geschichte, die dieser Film zum ersten Mal erzählt. Führt ins Familienmelodram, ins Mitfühlen zu Sehnsuchtsmusik, ins sichere Genre. The Cut möchte dann doch in den Sonnenuntergang reiten.

 

We can be heroes

Children 404

Zurück zu den Helden. In feindlicher Umgebung in Würde leben, sich und andere stark und mutig machen – darum geht es Children 404 (Diezi 404). Der Dokumentarfilm von Askold Kurov und Pavel Loparev stellt das gleichnamige russische Projekt vor. 2013 von der jungen Journalistin Elena Klimova ins Leben gerufen, entstand eine Online-Community für schwule, lesbische und trans* Jugendliche. Die Seite bietet eine unterstützende Gemeinschaft an, die es in der russischen Öffentlichkeit nicht gibt. Seit 2013 ist Putins Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ in Kraft, tödliche Homophobie hat seither zugenommen und ist vom Staat in Recht gesetzt. Was es heißt, queer in Russland zu leben, schildern fast fünfzig der „Children 404“, die meisten von ihnen anonym. Alle berichten von der Schule als einem Raum der Gewalt. Ausgrenzen, Anspucken, Verprügeln und Beschimpfen sind gängige und gesellschaftlich geduldete Verhaltensweisen gegenüber der „non-traditional sexual orientation“, wie es im staatlichen Text heißt, gegenüber „Schwuchteln“, wie es auf der Straße heißt. Elternhäuser sind Orte der Angst. Viele Mütter und Väter wünschen ihren Kindern, sie wären nie geboren worden. Orthodoxe bringen Satan ins Spiel. Mutig – weil dafür stark genug – sind diejenigen, die auch in dieser bedrohlichen Situation ihr Gesicht zeigen. Auch davon gibt es einige im Film. Unter ihnen Elena Klimova, die trotz der Angst selbstbewusst bleibt und mit dem Aufbau eines Netzes der Sichtbarkeit und gegenseitigen Hilfe – ganz schlicht – Leben rettet. Children 404, bestehend aus wackeligen, gar nicht kunstvollen Videoaufnahmen, ist durch Spenden finanziert. Wie das gleichnamige Projekt sendet der Film wichtige Signale gegen die Unterdrückung im System. Und Klimova wünscht sich, wie sich kommende russische Generationen vielleicht einmal an die jetzige Zeit erinnern werden: Was? Homosexuelle sind bei euch verfolgt worden? In welcher Steinzeit habt ihr denn gelebt? In welcher Putin-Zeit.

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