Filmfest Hamburg 2007
Nach acht Tagen endete das 15. Hamburger Filmfest mit der Deutschlandpremiere der israelischen Tragikomödie Jellyfish (Meduzot, 2007) in Anwesenheit einer der beiden Regisseure, Etgar Keret.
Auf dem Festival, das dieses Jahr unter dem Motto „Tor zu Tausend Welten“ stand, liefen insgesamt 141 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus 43 Ländern. Der Festivalleiter Albert Wiederspiel freute sich über einen 30-prozentigen Besucherzuwachs.
Mit dem Preis der Hamburger Filmkritik wurde dieses Jahr Control (2007) von Anton Corbyn ausgezeichnet. Das Kinodebüt des niederländischen Fotografen porträtiert den legendären Joy-Division-Sänger Ian Curtis, der mit 23 Jahren Selbstmord beging. Corbyn hat sich bislang vor allem mit Musikvideos für Bands wie „Depeche Mode“, „U2“ oder „The Red Hot Chili Peppers“ einen Namen gemacht. Control startet am 10. Januar 2008 in Deutschland.
Der kanadische Regisseur David Cronenberg wurde bereits am 28. September mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt, anlässlich der deutschen Erstaufführung seines aktuellen Mafia-Streifens Tödliche Versprechungen – Eastern Promises (Eastern Promises, 2007), der am 27. Dezember bei uns in die Kinos kommt.
Der erstmals vergebene Montblanc-Drehbuchpreis ging an die NDR-Produktion Underdogs (2007). Jan Hinrik Drevs Knast-Komödie gewann bereits auf dem Filmfest Oldenburg den Publikumspreis. Der Autor und Regisseur lässt in seinem Spielfilmdebüt einen hartgesottenen Gefängnisinsassen durch die Beschäftigung mit einem kuscheligen Golden Retriever seine weiche Seite entdecken. Drevs Film verbreitet mit reichlich trockenem Humor einen entwaffnenden Charme, dem man sich als Zuschauer trotz starker Vorhersehbarkeit der Geschichte und weniger gelungenen ernsten Tönen über eine weite Strecke schwer entziehen kann.
Eine zweite ausgezeichnete NDR-Produktion ist der in Zusammenarbeit mit Arte entstandene Fernsehfilm Kuckuckszeit (2007) von Johannes Fabrick über den finanziellen und emotionalen Kampf einer Kleinstadt-Familie. Die Hamburger „magnolia Filmproduction“ erhielt hierfür den TV-Produzentenpreis.
Der tschechische Film Empties (Vratné lahve, 2007) des Oscar-Preisträgers Jan Sverák (Kolya, Kolja, 1996) gewann den Publikumspreis der Programmzeitschrift „TV Movie“.
Florian Siegrist wurde mit dem Zuschauerpreis „Das Vierte micromovie-Award“ für seine Idee zu dem Film Unser Kind (2007) versehen.
Der „Michel“ für den besten Kinderfilm ging an den italienischen Film Rot wie der Himmel (Rosso come il cielo, 2005) von Cristiano Bortone.
Der deutsche Animationsfilm Die drei Räuber (2007) des Regisseurs Hayo Freitag erhielt den erstmals verliehenen Publikumspreis des Kinderfilmfestes.
Eines der Hamburger Highlights war die Comicverfilmung Persepolis von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud nach Satrapis gezeichneter Vorlage. Der Film nimmt den scherenschnittartigen Schwarzweiß-Stil der autobiographischen Comics in wunderbaren handgezeichneten – nicht computeranimierten – Bildern auf und erzählt die Geschichte der rebellischen Marjane, die ihre Kindheit und Jugend im Iran zwischen Heavy Metal, Kommunismus, Mullahs und Kopftuch verlebt und schließlich ins französische Exil geht. Persepolis ist getragen von einer Mischung aus Humor und Trauer um ein ehemals weltoffenes, hoffnungsfrohes Land und damit auch um die Wärme und Nähe der zurückgelassenen eigenen Familie. Es ist sicherlich einer der schönsten Zeichentrickfilme seit langem, bei dem man ganz nebenbei eine Kurzfassung der persischen Geschichte erhält. Dabei sind die Themen des Films – der Glaube an den Humanismus und der Kampf um die persönliche Integrität – universell.
Eine haarige und unfreiwillig komische Schauspielleistung rangen sich Nicole Kidman und Robert Downey Jr. in Steven Shainbergs Fell – Ein imaginäres Porträt von Diane Arbus ab. Wer glaubte, in diesem Film Autobiographisches über die berühmte US-Fotografin zu erfahren, saß fassungslos vor einer Mixtur aus Die Schöne und das Biest, Freaks und Frauenselbstfindungs-Kolportage, in der Kidman versucht, an ihr tiefgründiges Künstlerinnenporträt aus The Hours (2002) anzuknüpfen. Kidman als Arbus wird von einem neuen Nachbarn mit genetischem Defekt – Downey Jr. in wolliger Ganzkörperbehaarung – aus der Rolle der perfekten Ehefrau gerissen. Sie beginnt, sich von ihrer Familie zu emanzipieren und sich heftig für missgestaltete Menschen jeder Couleur zu interessieren. Fell wartet mit einer schmerzhaft peinlichen Sexszene zwischen Diane und dem mühsam rasierten und zu allem Übel noch sterbenskranken Nachbarn auf und schließt mit einem nicht minder grotesken Zusammenbruch in der Meeresbrandung, der den Film mit Zeitlupe und pathetischer Musik endgültig im Trash absaufen lässt.
Einer der tabubrechendsten, allerdings auch unterhaltsamsten Dokumentarfilme des diesjährigen Festivals war das Langfilmdebüt des Schweizer Journalisten Thomas Haemmerli. In Sieben Mulden und eine Leiche (2007) räumt der Regisseur zusammen mit seinem Bruder die vollkommen vermüllte Wohnung seiner verstorbenen „Messy-Mutter“ aus und scheut sich hierbei nicht, die Intimsphäre einer Toten vor der Kamera auszuschlachten. Die dokumentarische Grenzüberschreitung ist eine ebenso sarkastische wie schamlose, gänzlich unreflektierte und exhibitionistische, mitunter urkomische Form der persönlichen Verlustverarbeitung, während der einem als Zuschauer das Lachen wiederholt im Halse stecken bleibt, und die einen mit der Frage zurücklässt: Darf man das?
Zu den Höhepunkten der Sektion „Nordlichter“ zählte unter anderem Martin Gypkens Nichts als Gespenster (2007). Angelehnt an Judith Hermanns gleichnamigen Episodenroman erzählt der Regisseur nach seinem erfolgreichen Debüt Wir (2004) fünf unterschiedlich starke Geschichten von Liebe, Sehnsucht und Fernweh, angesiedelt in fünf verschiedenen Ländern. Unterstützt von einem erstklassigen Darsteller-Ensemble, darunter August Diehl und Fritzi Haberlandt, ist Gypkens mit Nichts als Gespenster ein atmosphärisch dichter Film gelungen, der mittels feiner Nuancen zwischenmenschliche Befindlichkeiten und Momentaufnahmen lediglich andeutet, viel in der Schwebe lässt und der von seiner Unvorhersehbarkeit lebt.
Das 16. Hamburger Filmfest findet vom 25.09. – 02.10.2008 statt.
Birte Lüdeking, Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 07.10.2007
Fotos: © Filmfest Hamburg, Prokino, Senator
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