Fernsehen. Im Kino. Auf dem Filmfest München

Die Reihe Neues Deutsches Fernsehen stellt vieles beim Münchner Filmfest in den Schatten. Man kann das als Siegeszug des Fernsehens feiern oder damit den Einsturz der vermeintlich überholten Differenz zwischen Kino und TV propagieren.

Polizeiruf 110- Wo  lfe 02

Im Rahmen einer immer wieder verzweifelt an der Oberfläche kratzenden Podiumsdiskussion, der irgendjemand zum offensichtlichen Bedauern aller Beteiligten etwas mit „Entfesselung des Fernsehens“ auf die Fahnen geschrieben hatte, deuteten die Regisseure Dominik Graf und Jan Bonny Ähnliches an. Nachvollziehbar, geht es aus ihrer Perspektive (und der aller am Set) doch natürlich zuallererst darum, ein Buch umzusetzen, einen Film (den Umständen entsprechend ideal) zu realisieren. Vermutlich würde auch Christian Petzold den beiden bedingt folgen. Von ihnen stammen die Fernsehproduktionen Zielfahnder, Über Barbarossaplatz und Polizeiruf 110: Wölfe, denen aktuell ein Großteil der Aufmerksamkeit in München zuteilwird. In allen drei Fällen handelt es sich um Bestandteile von Reihen. Wölfe als Mittelteil einer Trilogie innerhalb des Polizeiruf-Formats, die anderen beiden als mögliche „Piloten“ neuer Reihen mit festen Sendeterminen – entsprechende Quote vorausgesetzt.

Fernsehproduktionen als qualitative Speerspitze des deutschen Films?

Wild 02

Es ist großartig, dass derlei Filme im Senderkontext entstehen können. Wenn Graf aber mit Blick auf Bonnys wahrlich herausragende Über Barbarossaplatz und Polizeiruf 110: Der Tod macht Engel aus uns allen (2013) konstatiert, dass es regelmäßig Jahrgänge gibt, in denen sich die qualitative Spitze des deutschen Films vornehmlich aus Fernsehproduktionen speist, dann plädiert er indirekt für separate TV-Produktionen als Substitut einer im Kino klaffenden Leerstelle. Was dem hiesigen Potenzial nicht ganz gerecht würde, eine Marginalisierung der medialen Differenz bedeutete und zudem ein Dilemma freilegt. Zwar ist der Jahrgang 2013 sicherlich nicht prall gefüllt mit Sternstunden der deutschen Kinogeschichte, dennoch ist Katrin Gebbes Tore tanzt, ausgerechnet mit dem Label „Kleines Fernsehspiel“ etikettiert, ein exzellentes Beispiel für affektives Kino, das auf der Leinwand seine ganze Kraft entfaltet. Selbstredend ist es zudem von unschätzbarem Wert, wenn ein solcher Film in Cannes im Kontext der Spitze des internationalen Autorenkinos diskutiert wird. Im selben Jahr mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde übrigens Jan Ole Gersters Oh Boy, der von der Plattform Filmfest München aus mit einem platform release als dezidierter Berlin- und Kinofilm in jeder Hinsicht Erfolge feierte.

Für 2016 greift die Annahme noch weniger, denn nicht nur Petzold, auch Nicolette Krebitz hat den Wolf losgelassen (Wild), und darüber hinaus gibt es mit Toni Erdmann, Vor der Morgenröte und Looping weitere Regisseurinnen-Kinofilme, die individuell, explorativ und innovativ die Leinwände schmücken. Mit dem episch kraftvollen Herbert und dem eigenwilligen Experiment Der Nachtmahr wären weitere Kinoerlebnisse zu nennen. Letztlich liegt auch der etwas untergegangene, also (wieder) zu entdeckende Von hier an kein Zurück noch nicht lange zurück.

Der Reiz liegt in der Abweichung

U  ber Barbarossaplatz 01

Momentan ist allerdings nicht abzusehen, ob dies nur ein Aufflackern ist – werden Krebitz und die anderen demnächst auch Fernsehfilme, Reihen, Sonntagskrimis drehen? Denn hierin verbirgt sich das Dilemma hinter Grafs Hypothese: Können unsere Talente ihre Visionen hierzulande nur noch im Fernsehen umsetzen, als „Schmuggelware“, wie es in der Diskussion genannt wurde? Versteckt also innerhalb von festen Formaten, Terminen und Reihen – auf die offensichtlich selbst Graf, Petzold und Bonny weitestgehend angewiesen sind. Dort inszenieren sie „Experimentalfilme“, wie es präzise hieß. Sie arbeiten sich entsprechend häufiger am Format ab, als es zu bedienen. Der Reiz liegt gerade in der Abweichung, die, das wurde ebenfalls richtig festgestellt, nur funktioniert, wenn sich der absolute Großteil anderer Produktionen auf diesem Sendeplatz in Konformismus ergeht. Besonders der Polizeiruf sowie die Tatorte München und Wiesbaden dienen als Spielwiese, die in diesem Jahr etwa auch von Hermine Huntgeburth und Marco Kreuzpaintner erfolgreich betobt wurde. Aber gerade die Aufmerksamkeit erregenden Tatorte mit Ulrich Tukur, von denen vor allem der erste, Wie einst Lilly, heraussticht, dienen keinesfalls als Beispiel einer Annäherung des Fernsehens ans Kino. Sie kokettieren mit vielen Formen, dem Cabaret, dem Zirkus, dem Theater und der Oper, aber sie bleiben doch immer Fernsehspiele.

Insofern wächst gerade angesichts dieser durchaus eventhaften Auswüchse und Ausbrüche im vertrauten Format der Wunsch nach einem unregelmäßigen, unformatierten Kino. Zumal die genannten Paradebeispiele ja die absolute Spitze des unter ihnen wegschmelzenden Eisbergs darstellen. Es gab es auch schon ganze Jahrgänge „Neues Deutsches Fernsehen“ mit geradezu erschreckend konventionellen TV-Schmonzetten und verpuffenden Eventleuchtraketen.

Kulinarisches Kino und Fernsehproduktionen im Zelt als Festivalevent

U  ber Barbarossaplatz 02

Eigene, breit bestückte Festivalsektionen für Fernsehen und Serien können nicht nur ebenso falsche Zeichen setzen wie „Kulinarisches Kino“. Sie erschweren es womöglich auch den Produktionen, die auf eine Festivalauswertung – sei es eben wie im Idealfall Oh Boy als Sprungbrett – angewiesen sind. Es spricht irgendwann nicht nur für die Fernsehsendungen, sondern auch gegen die Kinoproduktionen, wenn Ersteren alle Aufmerksamkeit zukommt. Zumal gerade die Highlights der Sektion Neues Deutsches Kino ja auch ohnehin regelmäßig das Etikett „Kleines Fernsehspiel“ tragen und vor einigen Jahren noch, auch in den Augen der Jury, kaum auszeichnungswürdig waren.

Das Filmfest in Ludwigshafen hat gerade gezeigt, welche Gefahr darin liegt, wenn man, mit wirtschaftlicher Kraft und entsprechenden Interessen im Hintergrund, auf Starquantität und Zuschauerrekorde zielt. Dem Publikum wurden größtenteils Fernsehproduktionen im Zelt vorgespielt. Nun ist überhaupt nichts illegitim daran, ein Fernsehfilmfestival zu veranstalten. Aber vielleicht sollte man es auch so benennen. Oder die Filme womöglich von einer Hundertschaft Fernseher ausstrahlen, in einem nachgebauten Eigenheim als Installation – spontan fielen einem gleich mehrere Fußballer ein, die sich mit ihren Sponsoren bestimmt beteiligen würden.

Vermeintliche Kinofestivals großen- oder gar größtenteils mit Fernsehproduktionen, egal welchen Formats, zu bestücken, hieße und heißt jedoch, die durchaus gern gesehene Ausnahme zur Regel zu machen. Ähnlich verhält sich eben auch das Problem mit den Ausnahmewerken von Bonny, Graf und Petzold. Sie repräsentieren schlichtweg nicht die Norm eines weitestgehend vor die Hunde gekommenen TV-Apparates, sondern die Abweichung, die sich gerade darüber definiert. Und dabei sind auch diese Filme in all ihrer Großartigkeit immer Fernsehfilme. Natürlich weicht diese Differenz auf, wenn ich das Werk im Kino sehe, da bleiben zunächst Format und Materialität als vordergründigste, aber nicht konstitutive Unterscheidungsmerkmale.

Wie radikal kann es um 20 Uhr 15 im Öffentlich-Rechtlichen werden?

Polizeiruf 110- Wo  lfe 04

Dennoch wäre es ignorant, die kolossalen medialen Abweichungen zu ignorieren. Die Dispositive von Kino und TV könnten doch unterschiedlicher nicht sein. So wie mein Verhältnis zu 2D oder 3D. Im Fernsehen ist der Film immer aufgehoben, im Programm, im Vorher, im Nachher, im avisierten Flow. Das Fernsehen denkt in Intervallen, die mich jederzeit entlassen und wiederaufnehmen. Egal wann ich einschalte, alles ist immer schnell klar. Fernsehen feiert das Bekannte. Nun bemühen sich die bekannten und benannten Vertreter durchaus um eine Brechung dieser Ruhe. Grafs Filme sind zuweilen Boten der völligen Ruhelosigkeit, und wenn ich kurz ab- oder wegschalte, bin ich selber schuld, weil mir womöglich hundert Schnitte, ein Dutzend Zooms und etliche Funksprüche entgangen sind. Was aber nichts daran ändert, dass mir Medium und Format doch am Ende wieder Sicherheit vermitteln: Wie schlimm und radikal kann es kommen, um 20 Uhr 15 im Ersten? Vor allem, wenn es doch weitergeht! So ändert sich automatisch die Perspektive auf Über Barbarossaplatz, wenn ich ihn als Pilotfilm einer möglichen Reihe und seine Figuren durch diese Brille sehe.

Zum Finale von Wölfe gibt es eine klassische Parallelmontage. Doch in welch existenzieller Gefahr befindet sich die Figur im Mittelteil einer Trilogie wirklich? Generell: Kann es um alles gehen, wenn die nächste Folge schon längst im Kasten ist? Ausgerechnet hier nun nähern sich Kino und Fernsehen abermals an. War James Bond über Jahrzehnte die vielzitierte Ausnahme, nehmen die Reihen, nennen wir sie Franchises, im Kino Überhand. Aber wie ernst kann es mit dem ultimativen Kampf Batman vs Superman bestellt sein, wenn beide gleich für ein halbes Dutzend weiterer Franchise-Sequels und Spinoffs eingeplant sind? Steht beim Star Trek wirklich jedes Mal aufs Neue das Heil und Wehe von Menschheit, Erde, Welt und Universum auf dem Spiel?

Stadion vs. Konferenz

The Assassin 02

Klar, auch hier ist das Quality TV mit seinen Serien weit voraus, in Game of Thrones oder Banshee sterben regelmäßig Protagonisten zur Überraschung oder Belustigung des Publikums. Aber es geht ja nicht nur um die ultimative Fallhöhe des Todes. Bei aller Vorliebe für die großen narrativen Schleifen der Serien und aller Freude am Experiment im Fernsehen liefert das Kino mir vielfach doch vor allem in seinen ästhetischen Optionen etwas anderes:

Vorgestern startete mit Hou Hsiao Hsiens The Assassin eine Wuxia-Variation, die getrost als Manifest für die Kraft des Kinos gelesen werden darf. Der Film verführt und überwältigt mit Tönen und Farben, er kreiert Tableaus. Was im europäischen Autorenkino genauso auf Paolo Sorrentino zutrifft und im neuen amerikanischen Kino auf A Most Violent Year. Sie nutzen paradigmatisch die nicht nur im Fußball entscheidende Tiefe des Raumes. Sie ermöglichen den allumfassenden spektakulären und detailreichen Kitzel des Stadions, um den Vergleich weiter zu bemühen, wo TV das Ausschnitthafte, die Konferenzschaltung liefert.

All dies und noch viel mehr trifft auch auf die noch radikaleren, in sich abgeschlossenen und doch in Verbindung stehenden Filme von und mit Ryan Gosling wie Lost River, The Place beyond the Pines und Only God Forgives (nicht der makellose Drive), aber natürlich auch auf Under the Skin zu; dazu die extremen Franzosen, Alleluia und Malgré la Nuit; The Lobster aus der neuen griechischen Welle, meinetwegen selbst der in mancher Hinsicht vergleichsweise brave Feelgood-Tearjerker-Zwitter Demolition und, zurückdenkend, paradigmatisch Inland Empire von David Lynch – die eine Unvorhersehbarkeit und Individualität atmen, welche bei Fernsehfilmproduktionen undenkbar wäre. Sie mäandern, lösen sich von ihren Handlungen ihren Figuren, vom Dialogischen, vom Plotzentrierten; inszenieren nicht nur Räume und die Interaktion der Menschen in ihnen, sie schaffen eigene mythische Orte. Und erzeugen etwas Wunderbares: Irritation.

Binge Watching nicht eingeplant

Macbeth 01

Dem deutschen Kino gelingen derlei Würfe verhältnismäßig selten – trotz des überbordenden Talents allein der hier im Text genannten Künstlerinnen und Künstler. Im Land der Literatur und Literaturverfilmungen ist eine Adaption wie Justin Kurzels Macbeth nicht in Sicht. Was neben ganz vielem anderen vielleicht auch daran liegt, dass diese Filmemacher zunehmend Fernsehreihen inszenieren – und dass unsere Festivals auch den weniger versierten TV-Produktionen auf unterschiedlichen Wegen immer mehr Raum gönnen, letztlich zu Ungunsten des Kinos. Vor allem, wenn dem parallel, wie immer deutlicher zu vernehmen, die eigene Relevanz abgesprochen wird.

Wenn jemand wie Graf im Fernsehen eine Nische findet, die er, ursprünglich von Arte ausgehend, über verschiedene Sender bedienen kann, birgt dies zahlreiche Chancen. Nur so war (neben Meilensteinen wie Hotte im Paradies und Das unsichtbare Mädchen) eine epische Erzählung wie Im Angesicht des Verbrechens, die sich in einem Atemzug mit der französischen Policier-Serie Braquo nennen lässt, möglich. Im Seriellen liegt schließlich eine inhärente Stärke des Fernsehens. Dennoch wurde die letzte Folge bei der öffentlich-rechtlichen Erstausstrahlung durch die ARD ins Nachtprogramm verbannt – ein Indiz für die restriktive Politik von Sendern und ein Hinweis auf die Schwierigkeit bestimmter „abweichender“ Formate besonders im Sendealltag (in der Home-Entertainment-Auswertung und als Stream in der Mediathek war IADV auch rein quantitativ ein Erfolg, genauso wie, anders eingebettet, auf Arte – und auf Festivals). Eine Nachfolgeserie ist nicht in Sicht. Zielfahnder in Serie bleibt momentan noch ein Wunsch und wird Fall für Fall verhandelt – eine Hürde, an der selbst so ein Ausnahmewerk wie Kommissar Süden und der Luftgitarrist scheiterte. Binge Watching also nicht eingeplant.

Vor allem aber ist ein „deutscher Policier“ im Kino, so, wie es Olivier Marchal und anderen regelmäßig glückt, undenkbar. In diesem Kontext sind die herrlichen Polizeirufe Grafs, Petzolds und Bonnys auch Miniaturen von etwas, das im Kino eine andere Dimension entwickeln könnte. So wie ja selbst der lupenrein brillante, perfekte Im Schatten Thomas Arslans – als Kinofilm – eine Miniatur ist. Dennoch liefert er eine Idee von dem, was möglich wäre, genauso wie Benjamin Heisenbergs Der Räuber. Oder, aus einem anderen Blickwinkel formuliert: Müssten nicht nur personell, sondern auch strukturell regelmäßig konzentrierte Genrekinoauskopplungen äquivalent zu Werken wie Blue Ruin oder Cold in July möglich sein?

Es ist wichtig, ja elementar, Barbara und Phoenix im Kino zu sehen. Und natürlich wäre es wichtig, dass Dominik Graf wieder mehr als zwei Kinofilme pro Dekade realisiert. Und es wird Zeit, dass Jan Bonny, fast zehn Jahre nach Gegenüber, wieder einen Film ins Kino bringt!

Dann hätten nicht nur deutsche, sondern auch internationale Festivals eine größere Auswahl für ihre Kernkompetenz.

Kommentare zu „Fernsehen. Im Kino. Auf dem Filmfest München“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.