Fantoche 2015: Sehtagebuch (2)

Mystische Unterwasserwelten, ein Wüstenplanet mit seltsamen Sitten und ein unschuldig Verurteilter, der Rückschau aus dem Totenreich hält: Notizen vom 13. Internationalen Festival für Animationsfilm in Baden.

Le chant de la mer / Song of the Sea (Regie: Tomm Moore)

songofthesea

Zusammen mit ihrem großen Bruder Ben und ihrem Vater lebt Saoirse in einem Leuchtturm direkt an einer Klippe auf einer kleinen Insel. Trauer und Frust regieren das Familienleben, seit die Mutter bei Saoirses Geburt vor sechs Jahren gestorben ist. Die kleine Protagonistin umgibt jedoch ein Geheimnis. Sie ist eine Art Ariel, die sich statt in eine Meerjungfrau in eine Robbe verwandeln kann. Auf eben dieser irisch-schottischen Legende der „Selkies“ basiert der von vier Ländern co-produzierte Song of the Sea. Auch visuell ist der Übergang zwischen Land und Wasser, Menschen- und Fabelwelt fließend. Die Zimmer des Familiendomizils wirken wie die Innenräume eines U-Bootes. Details sind in feinen Strichen mit Wellen-gleichen Schnörkeln animiert, was eher an das technische Handwerk einer Radierung als einer Computeranimation denken lässt. Song of the Sea ist ein modernes Märchen, das keltische Legenden mit der heutigen Zeit verbindet, das Land- und Stadtleben konterkariert. Ben und Saoirse werden von der Großmutter in die Stadt geholt, weil sie die Kinder vor den Gefahren und Naturgewalten auf der Leuchtturminsel beschützen will. Doch beide haben Heimweh. Die heimliche Rückkehr in die geliebte küstennahe Heimat wird zur Odyssee durch eine mystische (Unterwasser-)Welt. Gemeinsam müssen die Geschwister Gefahren überwinden und treffen auf einige skurrile Geschöpfe – genretypisch spielen Tiere eine entscheidende Rolle. Die böse Hexe Macha, die als Eule große Ähnlichkeit zur Gestalt der Großmutter hat, entzieht allen Fabelwesen ihre Emotionen, worauf diese zu Stein erstarren. Ein ungleiches Musiker-Trio von Fabelwesen hofft daher auf die Rettung durch die Selkie, denn nur sie kann die versteinerten Wesen mit ihrem Gesang wieder zum Leben erwecken. Dem weisen Feen-Gott mit den meterlangen Haaren, von denen jedem einzelnen eine bestimmte Erinnerung innewohnt, begegnen sie in einem verwunschenen Brunnen. Mit dem Fokus auf die Kinder ist Song of the Sea sehr emotional und farbenfroh erzählt und trotzdem nicht nur ein Märchen für die Kleinen.

Koo! Kin-dza-dza (Regie: Georgy Daneliya, Tatiana Ilyina)

koo

In der abgedrehten Science-Fiction-Story werden ein russischer Starcellist und ein junger DJ vom winterlichen Moskau auf den Wüstenplaneten Plyuk teleportiert. Dort regiert eine Klassengesellschaft mit strenger Hierarchie den Alltag. Kuh-ähnliche Geschöpfe stehen über mindestens genauso hässlichen Untertanen, die nur durch ein (Kuh-)Glöckchen an einem Nasenring voneinander zu unterscheiden sind. Von der Sonne vergilbt ist ihre Kleidung gleichermaßen heruntergekommen und genauso wie ihre Haut in ockerfarbene und beige Töne getaucht. In der Wüste treffen die beiden Erdlinge auf ein solches Herren-Sklaven-Duo, das noch durch einen Cyborg ergänzt wird und in einer Art fliegender verrosteter Dose unterwegs ist. Absurde Gewohnheiten prägen den Alltag auf Plyuk. Zur Begrüßung schlägt man sich mit beiden Handflächen auf die Backen, streckt dann die Arme zum Boden aus, geht in die Knie und schreit „Koo“, was nicht nur „Hallo“, sondern auch so gut wie alles andere bedeuten kann. Die wertvollste Währung sind Streichhölzer. Und überhaupt steht hier alles kopf. Während der Starcellist mit seiner Musik gar nicht gut ankommt, findet ein improvisiertes Stück größten Anklang, das sich aus schlechtem Cello-Spiel, dem banalen Text eines Handyklingeltons und, natürlich, einem Kanon aus „Koos“ zusammensetzt. Das alles wirkt zu Beginn ziemlich grotesk und ist durchaus amüsant. Doch ähnliche Momente wiederholen sich, weshalb auch der Überraschungseffekt nach kurzer Zeit verfliegt. Zwar ist die Animation ein Remake eines georgischen Kultfilms aus dem Jahre 1980 von Georgi Danelia, die Darstellung von sinnloser Obrigkeitshörigkeit und einer solidaritätslosen Klassengesellschaft trägt aber durchaus dystopische Züge mit Blick auf das heutige Russland.

Crulic The Path to Beyond (Regie: Anca Damian)

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Im Wesen des Animationsfilms liegt bereits seine Affinität zu fantastischen Welten und übernatürlichen Phänomenen begründet. In Crulic erkundet Anca Damian hingegen die Gefilde des dokumentarischen Genres. Es geht um die wahre Geschichte des 33-jährigen Rumänen Claudiu Crulic, der in Krakau zu Unrecht des Diebstahls einer Brieftasche beschuldigt wurde. Im Gefängnis starb er 2008 an den Folgen seines Hungerstreiks, mit dem er gegen seine ungerechte Verurteilung und die schlechten Haftbedingungen protestierte. Wie in Billy Wilders Boulevard der Dämmerung (Sunset Boulevard, 1950) erzählt der Verstorbene chronologisch selbst seine Lebens- und Leidensgeschichte sozusagen in Retrospektive aus dem Totenreich. Lakonisch berichtet er von seiner Geburt bis zu seinem Tod, was den Geschehnissen eine zusätzliche Portion Sarkasmus verleiht. Im Gefängnis wird er lediglich von einem nüchternen Kommentar auf Englisch unterbrochen, der Befunde der Ärzte und ignorante Absagen der Justiz und Diplomatie wiedergibt. Schweres Atmen des Todgeweihten und Stiefelschritte der Wärter auf den Gängen bilden dort die bedrückende auditive Atmosphäre. Der Anschein, es hätte jeden treffen können, wird durch die Betonung der gewöhnlichen (Arbeiter-)Biografie von Crulic evoziert. Ein Scheidungskind, das kein richtiges Zuhause hatte und die Schule abgebrochen hat, um die Familie als Mechaniker ernähren zu können, und schließlich auf der Suche nach einem besseren Leben von Rumänien nach Polen auswanderte. Besonders vielfältig ist hier die Form der Cutout- und Collagetechniken, bei der die Regisseurin alte Kinder- und Familienfotos zusammen mit Handzeichnungen animiert. Die vitale Erzählung kommt nach Crulics Inhaftierung ins Stocken. Die durchweg graue Grundfärbung, die lediglich mit braunen, blauen oder schwarzen Farben akzentuiert wird, lässt zudem das individuelle menschliche Schicksal vor den Mühlen der Bürokratie unsichtbar und nichtig werden.

Crulic ist der erste Film von Anca Damians „Helden-Trilogie“. The Magic Mountain, das zweite Doku-Drama dieser Reihe, das ebenfalls auf dem diesjährigen Fantoche zu sehen ist, animiert mit ähnlich vielfältiger Technik eine weitere Emigrationsgeschichte: nämlich das Leben des polnischen Flüchtlings Adam Jacek Winkler in Paris, der nach Afghanistan geht, um dort gegen die Sowjetarmee zu kämpfen.

Fantoche 2015: Sehtagebuch (2)

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