Europäer schießen aufeinander

Der Wilde Westen mitten in Europa: Wie das Elfmeterschießen zum Shootout à la Sergio Leone wird und dabei doch gerade die Gemüter beruhigt. Eine Kolumne von Nino Klingler.

Tor-Ecke-Igor-Spasic

Wie gut, dass es den Fußball gibt. Unser aller liebster Sport durfte schon so manche vom zivilisatorischen Verweichlichungsprozess gerissene Lücken mit spielerisch umgedeuteter Gewalt stopfen. Wo, wenn nicht beim Fußball, kann man noch öffentlich so richtig hemmungslos chauvinistisch sein und in wild wuchernder Kriegsmetaphorik nationalen Erzfeinden genüsslich den Untergang wünschen?

Mit dem Elfmeterschießen hat der Fußball dafür auch die zeitgemäße Form des Duells parat. Das konnte man beim nicht enden wollenden 7:6-Viertelfinalmatch zwischen Deutschland und Italien schön nachvollziehen. Die britische Presse titelte am Folgetag mit „Epic Shootout“. Das klingt nicht zufällig wie ein gelungenes Finale im Western. Denn Elfmeterschießen funktioniert im Fernsehen wunderbar. Totale, Halbnahe, Großaufnahme, Schuss: Die zeitgemäße Fußballübertragung bedient sich im Shot-Reverse-Shot großzügig bei Leone und Konsorten.

Nervig, aber unterhaltsam

Unschuldig ist das nicht. Duellieren, zumal im Western, ist maximales Kondensat eines unlösbaren Konflikts, eines Streits, der nur mit Niederlage und Sieg, Leben oder Sterben enden kann. Fußball bietet ja eigentlich die wunderbar unbefriedigende antiklimatische Option des Unentschiedens – außer eben in den K.-o.-Runden des Turnier-Settings. Und so ist das Elfmeterschießen auch ein Grenzfall des Fußballs. Mannschaften können ein Match lustvoll zerspielen, ein Elfer aber ist drin oder nicht. Elfmeterschießen ist ein bisschen wie das Ramsch beim Skat: total nervig, aber leider auch ziemlich unterhaltsam.

Denn seien wir ehrlich: Wir wollen es ja so. Aus Fan- und Opportunisten-Perspektive betrachtet, ist eher das Unentschieden grenzwertig als das Elfer-Kicken. Unentschieden, dieses frustrierende Moment des selbstgenügsamen Spiels. Da hilft keine intellektuelle Kommentatoren-Nachlese zu „taktisch hervorragenden Spielen“; Fußball darf kein l’art pour l’art haben. Das massenmediale Sportspektakel ist uns Zuschauenden nämlich Mittel für anderes (Agressionsabbau, Stellvertreterkonflikte, Triebbefriedigung etc.), kein Selbstzweck – und verlangt deshalb klare Siege. „Fußball ermöglicht einen einfachen, heftigen Ausdruck einer bipolaren Weltsicht. In der unübersichtlich scheinenden Welt schafft er Kategorien“, schreibt Klaus Zeyringer. Und Elfer sind nun mal der Ernstfall dieses „Wir gegen die“.

Personalisierung des Grundkonflikts

leone-gun

Das Fernsehen hilft mit den Western-Schnittwechseln dabei, die bipolaren Grundkonflikte des Fußballs ganz konkret und persönlich zu machen: Nicht mehr nur Deutschland gegen Italien, sondern Buffon gegen Schweinsteiger! Neuer gegen Bonucci! Buffon gegen Hector ...

Vielleicht passt das Elfmeterschießen mit seinen tumben, aber mitreißenden One-on-Ones deswegen ziemlich gut in die EM 2016. Es ist der naheliegende Ausweg. Man sprach ja bereits vom tor- und spannungsarmen Turnier. Und dann ist da noch diese nervige Politik.  Brexit, Terror, Streiks: Irgendwie scheinen 2016 andere Dinge wichtiger zu sein als Fußball. Dazu schreibt Holger Gertz in der SZ: „Man kann sagen, dass der Fußball, mit einer gewissen Verzögerung, gerade in seine Zeit eingeordnet wird und dass seine Strahlkraft nicht ausreicht, die Brüche dieser Zeit zu übertünchen.“

Die Weltlage ist so verworren, nicht mal der Fußball schafft uns noch Orientierung. Und vielleicht merken es die Spieler, vielleicht drückt sich in ihrem zaghaften Spiel auch eine gewisse Demut aus, nicht ins Zentrum der Welt gejubelt zu werden. Aber aus Sicht der Zuschauer, aus Sicht der UEFA, sieht es anders aus: Die Teams versagen dabei, klare Verhältnisse herzustellen. Und dafür werden sie bestraft. Im Englischen, der Heimstatt des Fußballs, sagt man ja auch „penalty“, Strafstoß. Das „penalty shootout“ nimmt die Teams quasi für ihr Unentschieden in Sippenhaft. Elferschießen ist die Orgie des Regelwerks, der Ausnahmezustand des Spielerischen. Und es ist nicht zuletzt TV-Ereignis mit der Brechstange. Good guy, bad guy, dead guy. Damit sich für einen Moment wieder alles um Bälle, Tore und Waden dreht und nicht um die zerfallende Welt drum herum. Wie treffend, dass Europäer dafür aufeinander schießen müssen.

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