Einladung zu einem anderen Sehen

Das Berliner Arsenal zeigt im September die zwölf Langfilme von Tsai Ming-Liang. Der malaysisch-taiwanesische Regisseur arbeitet mit Einstellungen, denen wir als Zuschauer oft hilflos ausgeliefert sind – und die uns gerade deshalb den Blick für das öffnen, was uns sonst entgeht.  

Vive l amour

Auch wenn der malaysisch-taiwanesische Regisseur Tsai Ming-Liang schon seit Jahren auf den großen Festivals dieser Welt vertreten ist, werden seine Filme noch häufig überraschend kontrovers aufgenommen. Immer wieder lässt sich bei Aufführungen beobachten, wie mit der Zeit ein regelrechter Exodus einsetzt. Dabei sind Tsais Filme durchaus unterhaltsam, witzig, absurd, bewegend, sinnlich und im besten Sinne pervers. Oft geht es darin um Liebe, sexuelle Obsessionen, um Einsamkeit und Armut, aber auch um die Hoffnung, die sich in den menschenfeindlichen urbanen Settings ihren Weg bahnt. Dass das Publikum durch diese Filme gespalten wird, hat wohl weniger mit ihrem Inhalt zu tun als damit, dass sie nicht auf uns zukommen. Es wäre zwar falsch, zu behaupten, sie würden es dem Zuschauer schwermachen oder sich ihm gar verweigern. Sie erwarten jedoch, dass man sich mit derselben Ruhe und Konzentration auf sie einlässt, mit der sie sich ihren Darstellern und Schauplätzen widmen. Wenn die Figuren geheimnisvoll bleiben und die Narration stillgelegt wird, dann ist das keine gezielte Provokation, sondern die Einladung zu einem anderen Sehen.

Wenn narrative Ziele verschwimmen

Goodbye Dragon Inn

Dass diese Einladung manchmal ausgeschlagen wird, hat auch damit zu tun, dass das, was der jeweilige Film uns sagen will, unscharf bleibt. Ein Blick ins Lexikon des Internationalen Films zeigt, dass diese Vorliebe für das Ungreifbare mitunter selbst die Fachpresse überfordert. Ausgerechnet Vive l'amour (1994), einer von Tsais schönsten Filmen über die Isolation in der Großstadt, wird als „in die Länge gezogene Studie“ abgewatscht, als „formal allenfalls mittelmäßig“. Tatsächlich sieht sich Tsai immer wieder mit dem Vorwurf der Scharlatanerie konfrontiert. Dass die zunächst noch eher sozialrealistischen, dann zunehmend stilisierten Filme für soviel Aufregung sorgen, hat wohl vor allem mit ihrem Verhältnis zur Zeit zu tun. Oft sind die Figuren ausgiebig bei alltäglichen Handlungen zu sehen, die zwar vordergründig nichts erzählen, dafür aber gerade im Detail eine interessante Textur entwickeln, was zum einen mit den komplexen, fast malerischen Bildkompositionen zu tun hat und zum anderen mit den immer sehr speziellen und auch sehr tollen Schauspielern – allen voran Tsais Muse Lee Kang-Sheng. Dass solche Momente mitunter verstörend wirken, hat vielleicht damit zu tun, dass das narrative Ziel vor unseren Augen verschwimmt. Man fühlt sich als Zuschauer hilflos und ausgeliefert, wenn man nicht mehr weiß, ob eine Einstellung nur noch ein paar Sekunden oder doch noch mehrere Minuten dauert. Haben unsere Augen erst einmal das Bild nach neuen Informationen abgesucht, wissen wir plötzlich nicht mehr, worauf wir schauen sollen, müssen ein neues System finden, mit dem Bild umzugehen.

Journey to the West

Tsai versucht uns für einen anderen Rhythmus zu sensibilisieren. In Goodbye, Dragon Inn (2003) etwa, der sich um die letzte Nacht eines alten Programmkinos dreht, ist immer wieder eine Kassiererin zu sehen, die wegen ihres Klumpfußes sehr lange Zeit für eigentlich sehr kurze Strecken benötigt. Jede dieser Szenen wirkt wie eine Erinnerung daran, nicht so hastig mit der Wahrnehmung zu sein, sondern den Blick auch für Dinge zu öffnen, die uns sonst entgehen. In späteren Jahren experimentiert Tsai immer radikaler mit solchen Ritualen der Entschleunigung. Mit Lee Kang-Sheng entsteht etwa die Walker-Serie, in der sich der Schauspieler als Mönch verkleidet und derart langsam durch Städte wie Marseille und Tokio schreitet, dass es kaum noch als Bewegung wahrnehmbar ist. In seinem bisher letzten Spielfilm Stray Dogs (2013), der fragmentarisch von einigen prekären Existenzen in Taipei erzählt, gibt es eine minutenlange starre Einstellung, in der wir lediglich sehen, wie die Figuren auf etwas schauen – und erst deutlich später, worauf sich ihr Blick eigentlich richtet. Wenn Tsai in einigen Filmen mit Elementen aus Musicals und Komödien arbeitet, zeigt sich, wie klassisch sein Verständnis von Kino sein kann. Zugleich greift er aber auch die erzählerischen Grundprinzipien des Mediums an, baut plötzlich nicht mehr auf das bewährte Spiel zwischen Aktion und Reaktion, sondern widmet sich dem Schuss solange, bis der Gegenschuss an Bedeutung verliert. Dieses spannende, mal poetische und transzendente, dann wieder herausfordernde Werk gibt es nun den gesamten September über im Berliner Arsenal zu entdecken.


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