Einen anderen Blick üben

Pädagogik und Kino vertragen sich nicht. Oder? Über die Unterrichts-DVD Geschichte:Holocaust.

Geschichte Holocaust DVD

Damals in der Schule: Vielleicht war es eine Videokassette mit Fassbinders Effi Briest (1974), die in der Deutschstunde als bebilderter Fontane-Einstieg diente, vielleicht auch der Kinobesuch von Schindlers Liste (1993), als es im Geschichtskurs um die Nazizeit ging. Filme lockern den Unterricht auf – und machen sie nicht schön niedrigschwellige Bildungsangebote? Dass Filme nicht per se Wissen vermitteln, dafür aber Einstellungen, legte 2005 eine psychologische Studie der Universität Koblenz-Landau nahe. Dort wurden Schülerinnen und Schüler befragt, die Der Untergang (2004) gesehen hatten. Ergebnis: Der Besuch des Films steigerte die Patriotismuswerte und die negative Beurteilung der alliierten Sanktionen gegen die Deutschen, Hitler wurde menschlicher wahrgenommen. Filme im Klassenzimmer einzusetzen kann ein zweischneidiges Schwert sein, wenn nicht auch auf ihre Machart geschaut wird – und Filmkritik geübt.

Nicht schon wieder Nazizeit?

Hannas Reise 1

Für Lehrerinnen und Lehrer, die mit Film arbeiten wollen, gibt es inzwischen reichlich Material von unterschiedlichen Anbietern. Neu erschienen ist die DVD Film verstehen. Geschichte: Holocaust von Vision Kino. Die Sammlung bringt Ausschnitte aus Auf Wiedersehen, Kinder (1987), Der Pianist (2002), Jakob der Lügner (1974), Unbeugsam – Defiance (2009), Fateless – Roman eines Schicksallosen (2005), Rosen für den Staatsanwalt (1959), Im Labyrinth des Schweigens (2014) und Hannas Reise (2014) mit Originaldokumenten wie Fotos und Schriftstücken aus der NS-Zeit zusammen. Auch Beispiele aus anderen Medien wie Hörspiel und Comic werden einbezogen – all das versehen mit historischem Hintergrund und Vorschlägen für die Analyse und für eigene Aufgaben. Wer selbst schon einmal ein Treatment geschrieben, eine Szene inszeniert hat, kriegt einen anderen Blick.

Medienkompetenz – so geht’s

Rosen fuer den Staatsanwalt

Die Filmausschnitte müssen nicht als bloße Bebilderung für den jeweiligen Lehrstoff herhalten – Flucht und Kollaboration sind Themen der Auswahl, das Leben im Ghetto und der bewaffnete Widerstand, die Verdrängungsstrategien der Nachkriegszeit und die heutige Erinnerungskultur –, die Clips werden auch unter gestalterischen Gesichtspunkten analysiert. Spannungsfelder, in denen sich ein NS-Retrokino immer bewegt, werden benannt und zur Diskussion gestellt: etwa die Frage einer Darstellbarkeit des Holocaust, authentisierende Inszenierungsstrategien oder der Rückgriff auf Klischees und Genremuster. Wer in der Schule oder anderswo mit Film arbeitet, findet hier reichlich Material, um die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen und nicht nur eine Doppelstunde lang ein Video reinzuschieben.

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