Eine wichtige Stimme im Weltkino – Die Filme von Darezhan Omirbayev

Mit Texten zu den sechs Spielfilmen des kasachischen Regisseurs Darezhan Omirbayev widmet sich critic.de in den nächsten Tagen einem großen Unbekannten der Filmgeschichte.

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Erst vor kurzem konnte man sich auf der Berlinale bei dem beeindruckenden Debütfilm Harmony Lessons (2013) davon überzeugen, dass es sich lohnt, einen Blick auf das Filmland Kasachstan zu werfen. Viel wird in dem Binnenstaat freilich nicht gedreht, erst recht nicht, wenn man die Großproduktionen von ausländischen Regisseuren wie Volker Schlöndorff (Ulzhan, 2007) und Sergei Bodrow (Der Mongole, 2007) einmal beiseite lässt. Kasachstan ist jedoch auch die Heimat eines bedeutenden, hierzulande freilich kaum bekannten Filmautors. Seit 1982 ist Darezhan Omirbayev als Regisseur tätig, hat seitdem drei Kurzfilme und sechs Langfilme realisiert, von denen einige auch in Cannes präsentiert wurden. In Deutschland war dagegen noch kein einziger Film von ihm im Kino zu sehen.

Shuga 01

Das mag unter anderem daran liegen, dass sich Omirbayev, anders als sein ebenfalls entdeckenswerter Landsmann Sergei Dvortsevoy (Tulpan, 2008), schwierig vermarkten lässt, eben nicht als World Cinema mit schönen Landschaften und herzerwärmender Geschichte. Omirbayevs Filme wirken durch ihren aufs Wesentliche konzentrierten Minimalismus und ihren Hang zur Stilisierung auf den ersten Blick spröde. Hat man sich jedoch erst einmal auf das eigenwillige ästhetische Konzept eingelassen, sind die Filme alles andere als zäh, nicht zuletzt, weil Omirbayev die unter Regisseuren seltene Begabung besitzt, sich ohne Einbußen kurz zu fassen. Kaum ein Film überschreitet bei ihm die 90-Minuten-Grenze. Mit analytischem Blick und trockenem Humor erzählt Omirbayev von Protagonisten aus prekären Verhältnissen. Dabei spielen die sozialen und ökonomischen Zwänge, unter denen sie stehen, zwar durchaus eine wichtige Rolle, um einen kasachischen Neorealismus handelt es sich dabei aber nicht. Die Wirklichkeit kippt nicht selten ins Surreale, geht fließend in rätselhafte Traumsequenzen über und lässt sich trotz klarer Erzählweise nie ganz entschlüsseln. Seinen Formwillen lässt Omirbayev auch nicht von kanonischen Werken der Weltliteratur erschüttern. Mit den letzten beiden Filmen Shuga und Student hat er zwar Werke von Tolstoi und Dostojewski adaptiert, sie sich aber auf fesselnde Weise angeeignet und ins Kasachstan der Gegenwart verpflanzt.

Jol 10

Es wird also höchste Zeit, Omirbayev die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Mit Texten von Tobias Radlinger, Nino Klingler, Lukas Foerster und Michael Kienzl wollen wir uns über die nächsten Tage einem großen Unbekannten der Filmgeschichte annehmen. In einigen gut sortierten Videotheken wie dem Berliner Videodrom sind übrigens auch Filme Omirbayevs auf DVD erhältlich.

Zu den Texten:

Kairat

Kardiogramma

Killer

The Road

Shuga

Student

Kommentare zu „Eine wichtige Stimme im Weltkino – Die Filme von Darezhan Omirbayev“


Bobby

Harmony Lessons war tatsächlich ein sehr spannender Film, der zum Ende hin immer weiter die Fährten des Realismus verlässt. Ein Film, in dem keine Figur unschuldig zu sein scheint. Definitiv zu hoffen, dass der Film einen deutschen Verleih findet.






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