Ein Tagebuch zum Tagebuch eines Tagebuchfilms – BIFest 2015

Über kleine Festivals in großen Sälen. Fritz Lang im falschen Format oder Que importa quel supporto? Die internationale Kritikervereinigung FIPRESCI feiert ihr 90-jähriges Bestehen.

Bari Teatro Petruzzelli official-1

Selbstdarstellungen haben ihre Tücken. Nanni Moretti hat für seine Masterclass, den Abschluss einer achttägigen Diskussionsreihe zur Feier der FIPRESCI, offenbar eine Carte blanche erhalten. 40 lange Minuten liest er aus einem Drehtagebuch. Passend zum vorher gezeigten Film Liebes Tagebuch … (Caro Diario) von 1993, ja, aber zumindest in der englischen Simultanübersetzung macht mich das ziemlich ratlos. Ist das nicht fad? Was auf reiner Textebene ironisch selbstkritisch angelegt zu sein scheint, erhält spätestens in der dramatisch bedeutsamen Inszenierung einen selbstherrlichen Gestus. Da steht Moretti also auf der Bühne dieses riesigen Opernsaals, dem 2009 nach Brand und Rekonstruktion mit schönem Prunk wiedereröffneten Teatro Petruzzelli, laut Wikipedia dem zahlenmäßig viertgrößten Theater in Italien und dem größten in Privatbesitz. Die gut 1500 Plätze sind bis auf den obersten Balkon und die Galerie alle besetzt. Ich kriege einen Sitzplatz erst, als ein paar Leute vorzeitig gehen, und nur, weil sich ein freundlicher Betreuer für mich einsetzt. Nach einer dramatischen Pause werden die Lichter gedimmt, und nun leuchtet auf der Bühne nur noch Moretti selbst. Die Texte, die er liest, handeln von Ängsten und Sorgen eines Filmemachers, der nicht weiß, ob sein Projekt zustande kommen wird oder wann, und, als es im Entstehen ist, wie es denn werden wird und überhaupt. Nur: Wie etabliert Moretti 1992/93 bereits war, zeigen Randbemerkungen, etwa wenn er sich ärgert, dass der Film nicht rechtzeitig für den Wettbewerb von Venedig fertig werden kann. Caro Diario wurde schließlich nach Cannes eingeladen und verschaffte Moretti den Preis als bester Regisseur. Nun mag er sich noch so sehr anstrengen, dem großgewachsenen Italiener, der wie eh und je seinen lakonischen Charme spielen lässt, nehme ich den Underdog nicht ab. Aber auch nicht den weisen älteren Mann, der mit Anfang 60 auf frühere Verfehlungen zurückblickt. Denn obwohl er sich mit diesen Texten als zweifelnder und unsicherer Mensch zeigt, eröffnet das als Prolog für den Erfolg keine überraschenden Dimensionen. Entscheidungen und zufällige Ereignisse werden retrospektiv als Glücksgriffe und Glücksfälle bestätigt.

„Es gibt nicht zu wenig Geld, sondern vermutlich zu viel.“

Bari Edgar-Reitz-FIPRESCI

Neben Moretti hat die FIPRESCI noch sieben weitere Regisseure eingeladen, darunter Costa-Gavras, Ettore Scola, Andrzej Wajda und Alan Parker. Dass die FIPRESCI nun – zur Feier des eigenen 90. Geburtstags – auch Filmemacher wie Jean-Jacques Annaud ehrt, der bislang noch keinen FIPRESCI-Preis erhalten hat, ist ein interessanter Schachzug. Denn die Fédération Internationale de la Presse Cinématographique vergibt aktuell mehr als 70 Preise im Jahr, vornehmlich mit Jurys auf vielen Festivals rund um den Globus, aber auch mit Jahrespreisen und dem Discovery Award bei den Europäischen Filmpreisen. Ich finde es gut, dass die Bandbreite noch größer wird und sich nicht sklavisch nur am Festivalautorenkino orientiert. Verschiedene Konzeptionen werden hier schnell sichtbar. Während der Event-Filmer Annaud immer wieder aufsteht, um vorzuspielen, wie Sean Connery beim Dreh von Der Name der Rose (The Name of the Rose, 1986) an fehlender Spontaneität scheiterte, um daraufhin minutenlange Liebesbekundungen an die anwesenden Filmemacher zu richten, ruht Edgar Reitz in sich selbst. Er muss sich über niemanden erheben und scheint doch über den Dingen zu schweben. Er erzählt in Anekdoten und Metaphern. Zum Beispiel der hier: „Wenn ich die Tür zusperre, kommen die Einbrecher.“ Das hatte er sich sagen lassen und daraus gefolgert: „Wir müssen die Tür auflassen.“ Ich weiß nicht, was das heißen kann, vermutlich alles. Aber offene Türen find’ ich schon mal gut. Und als er zur Filmförderung in Deutschland befragt wird, wimmelt er ab, denn da sei er kein Experte, nur einen Eindruck wolle er teilen: „Es gibt nicht zu wenig Geld, sondern vermutlich zu viel.“ Das wird die aufgescheuchte Filmbranche nicht gerne hören. Und in Bezug auf das Digitale: „Man kann alles, soll aber auf keinen Fall alles tun.“

Ein De-Palma-Plot in Chabrol-Fahrwasser

Bari Masterclass Von-Trotta

Margarethe von Trotta hat sichtlichen Spaß daran, den Moderator, FIPRESCI-Generalsekretär Klaus Eder, zu sticheln. Den Film, zu dem er sie befrage, den habe er doch gar nicht gesehen. Und seine These, das Schauspiel sei der Schlüssel zu ihren Werken, das habe sie ihm gestern doch schon gesagt, von der halte sie überhaupt nichts. Nun sei sie zwar auch Schauspielerin gewesen, aber das heiße ja noch nicht … Immer wieder geht es um Frauen als Filmemacherinnen, wobei mir nicht klar wird, ob das vom Moderator, den Zuschauern und ihr selbst als Thema aufgeworfen wird, um die Regisseurin herauszustellen oder um ihre Arbeit zu kontextualisieren. Am Abend läuft ihr neuester Film, Die abhandene Welt, er spricht für Letzteres. Er ist ein Kuriosum. Kollegin P.B. sagt nach der Vorführung, von Trotta sei eine gute Regisseurin von Filmen, mit denen sie nichts anfangen könne. Ich will ihr zustimmen, das klappt aber nicht so leicht. Hört man die Geschichte, klingt das schon sehr abgefahren: Ohne zu viel zu verraten, geht es um mögliche Doppelgänger und komplizierte Familienverzweigungen, vor allem um Geheimnisse und Schachteln mit in Briefen verbürgten Wahrheiten. Leider, oh, leider nimmt sich der Film unheimlich ernst dabei. Und was wie ein De-Palma-Plot wirkt, führt eher in späte Chabrol-Fahrwasser. Weiß eigentlich jemand, wieso in solchen Bürgerliche-Fassaden-Bröckel-Filmen alle, auch die gerade so über die Runden kommenden Protagonisten, also wirklich alle in minutiös eingerichteten, großzügigen Lofts oder unwirklichen Glas-Holz-Landhäusern weilen?

Eine Chance für die Retro

Die-Nibelungen

Vielleicht muss man nach Süditalien fahren, um das Kino besser zu verstehen. Nach zwei schlechten Erfahrungen mit niedrig aufgelösten digitalen Fassungen – noch dazu im falschen Seitenverhältnis – in der Retrospektive von Fritz Lang wende ich mich an einen der vielen jungen Helfer und werde an eine vielbeschäftigte Frau im Kopienlager verwiesen; sie könne mir sagen, welcher Film in welcher Fassung und von welchem Medium gezeigt werde. Nun spreche ich kein Italienisch und sie kein Englisch. Aber so viel kann ich mir zusammenreimen: „Que importa quel supporto?“ heißt vermutlich so etwas wie: „Who the fuck cares?“ Sie zückt einen Zettel, um meine Antwort zu Protokoll zu nehmen. Nahm sie die Frage doch ernst? Also nenne ich ihr die Titel, und sie nimmt meine Unzufriedenheit mit dem Seitenverhältnis der gequetschten Gesichter zur Kenntnis und verspricht, mit dem Vorführer zu reden. Vielleicht Zufall, aber wenige Stunden später gebe ich der Retro noch eine Chance und bin hin und weg von den leuchtenden Farben der restaurierten Fassung von Die Nibelungen (1924). Wie anmutig der Drache stirbt! Wie beglückend das Bad des Helden im sprudelnden Drachenblut wirkt! Das braucht bei der Aufnahme weder Ton noch Farbfilm. Ich glaube, auf beides verlassen sich heute zu viele. Es lebe die Viragierung.

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