Ein Meister geht von Bord

Zum Tod des französischen Filmemachers Claude Chabrol

Kommissar Bellamy

Wenige Künstler sind mit so vielen Attributen versehen worden wie der französische Filmautor Claude Chabrol. Provokant und ironisch sei er, lebensfroh und schelmisch, ein Genießer leiblicher Genüsse. In jedem Film dieses cineastischen Feinschmeckers, der seine Drehorte nach dem Vorhandensein exquisiter Restaurants auswählte, findet sich mindestens eine Szene am Esstisch. „Ich ernähre meine Figuren, sonst sterben sie.“ Jedoch ist das Abendessen für Chabrol auch der Moment in jeder Familie, in der die Dinge gesagt werden, in der schwelende Konflikte plötzlich aufbrechen und mühsam versteckte Wahrheiten ans Tageslicht kommen.

Als „Balzac des Films“ hat Chabrol wie kein anderer die französische Gesellschaft portraitiert und gutbürgerliche Familiengeheimnisse seziert. Dabei galt sein Interesse nie dem Spektakulären, sondern den diskreten sozialen Mechanismen, die gesellschaftliche Monster wie die Frauenmörder in Der Schlachter (Le Boucher, 1970) oder in Die Fantome des Hutmachers (Les fantômes du chapelier, 1982) fabrizieren. Bei seiner ironischen Gesellschafts- und Geschlechteranalyse hatte Chabrol als Verbündete insbesondere zwei Frauen. Seine frühere Ehefrau Stéphane Audran hat ihn von seinem zweiten Spielfilm Schrei, wenn du kannst (Les cousins, 1959) an als Schauspielerin sein gesamtes Werk lang begleitet. Und zusammen mit der Aktrice Isabelle Huppert, mit der Chabrol in einer einzigartigen fast väterlichen Symbiose stand, zog er zwischen Violette Nozière (1978) und Geheime Staatsaffären (L’Ivresse du pouvoir, 2006) mit sieben Filmen gegen die patriarchalischen Verhältnisse in die Schlacht.

Geheime Staatsaffären

Bereits in seinem Debütfilm Die Enttäuschten (Le beau Serge, 1958), dessen Erfolg ganz wesentlich zum Aufbruch der Nouvelle Vague beitrug, zeigte Chabrol seine Affinität zur süffisanten Provokation sowie sein Credo, sich selbst in seinen Aussagen zu widersprechen oder gar lächerlich zu machen. Doch hinter der Clownmaske, die er sich und seinem Werk gerne bei Presseinterviews aufsetzte, versteckt sich eine nachdenkliche Traurigkeit, ein zutiefst humanistischer Blick auf die Welt und die menschlichen Beziehungen.

Vor vielen Jahren verglich Chabrol das Kino mit einem Meer, auf dem alte und neue Filme verkehrten, von den Filmemachern gesteuert. Claude Chabrol hat in einem halben Jahrhundert mehr als fünfzig Schiffe in das Meer der Kinogeschichte gesetzt. Am vergangenen Sonntag ist der große Filmkapitän mit achtzig Jahren von Bord gegangen.

Fotos: Setbilder von Kommissar Bellamy (Bellamy, 2009) und Geheime Staatsaffären (L’ivresse du pouvoir, 2006), beide bei Concorde Home Entertainment auf DVD erschienen.

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