Ein Gesicht, in dem jeder etwas findet

Normalität als Täuschungsmanöver. In Silent Night, Deadly Night ging Sonnyboy Robert Brian Wilson als Weihnachtsmann auf Menschenjagd. Nach dem Skandal, den der Film verursachte, war Wilsons Karriere schon fast wieder vorbei. Zeit für eine Würdigung.

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Manchmal verschwinden Schauspieler einfach von der Bildoberfläche. Bei prominenten Schwergewichten ist das zwar schwer vorstellbar, weil ihnen die Paparazzi gleich nachspüren würden. Doch bei Darstellern, die zwar einprägsam, aber nie wirklich berühmt waren, ist das schnell passiert. Die Gründe dafür können unterschiedlicher Natur sein. Manchmal hat die Abkehr vom Showbusiness schlichtweg damit zu tun, dass den Leuten ihr Ruhm peinlich geworden ist. So war es auch bei Robert Brian Wilson, dem blonden All American Boy aus Charles E. Selliers Weihnachts-Slasher Silent Night, Deadly Night (1984). Nach seiner ersten und einzigen Hauptrolle tauchte er nur noch sporadisch in verschiedenen Fernsehserien auf, bevor sich seine Spur in den 1990er Jahren ganz verlor. Zugegeben: Ein großer Schauspieler wäre Wilson auch mit mehr Ehrgeiz und Durchhaltevermögen nicht geworden. Selliers Film zeigt aber sehr schön, wie gut das Kino auch ohne große Schauspieler auskommt.

„Sick, sleazy, and evil spirited“

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Obwohl Silent Night, Deadly Night nicht zu den Höhepunkten des Genres zählt, geht von dem Film eine dunkle Faszination aus. Einer der Gründe dafür ist, dass sich zwischen unverhohlenem Sensationalismus und hinlänglich bekannter Slasher-Routine eine herzzerreißende – vielleicht nicht aufrichtig gemeinte, aber doch so interpretierbare – Geschichte über die leeren Glücksversprechen des Weihnachtsfests verbirgt: Der kleine Billy muss am Heiligen Abend mitansehen, wie seine Eltern von einem Kriminellen im Santa-Clause-Kostüm hingerichtet werden. Der Schaden, den er davonträgt, wird anschließend in einem klerikalfaschistischen Waisenhaus zu besorgniserregender Größe herangezüchtet. Eine sadistische Mutter Oberin prügelt ihm dort den Katholizismus in all seiner Lustfeindlichkeit ein. Als der Jugendliche Billy (Wilson) zehn Jahre später in einem Spielzeugladen arbeitet und sich durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen betrunken in einem Weihnachtsmann-Kostüm wiederfindet, nimmt das Unheil seinen Lauf: Wer nicht artig war, muss sterben.

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Dass Wilsons Karriere im Sand verlief, dürfte durchaus etwas mit den heftigen Reaktionen zu tun haben, die der Film damals hervorrief. Dank eines prominent platzierten Fernsehspots protestierten wütende Eltern vor den Kinos des Landes, obwohl ihre Kinder den Film aufgrund seines Jugendverbots ohnehin nicht hätten sehen dürfen. Letztlich sprach dieser Aufruhr weniger für die Geschmacklosigkeit von Silent Night, Deadly Night als für den tief sitzenden christlichen Konservatismus der USA. Selbst vermeintlich aufgeklärte Kritiker wie Gene Siskel und Roger Ebert ließen sich in ihrer Fernsehsendung At the Movies dazu hinreißen, den Film als „sick, sleazy and evil spirited“ zu brandmarken. Demonstrativ wurden die Verantwortlichen der Produktion aufgezählt und mit einem vernichtenden „Shame on You!“ bedacht.

Von jedem gemocht – oder zumindest beneidet

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Der Hauptdarsteller war zwar nicht unter den Genannten, schämte sich aber trotzdem. Seinen Freunden und Verwandten riet er davon ab, sich sein Leinwanddebüt anzusehen. Erst vor einem Jahr akzeptierte der aus der Versenkung aufgetauchte Wilson – der sich mittlerweile dem Christentum zugewandt hatte und heute irgendwas mit Messen macht – seinen Ruhm. Zurecht, ist er doch nicht unbeteiligt daran, dass in Silent Night, Deadly Night zwischen aufgetürmten Leichen ein Film über Teenage Angst und totalitäre Glaubenskonzepte schlummert. Die hervorstechendste Qualität des jungen Darstellers ist ausgerechnet seine Unscheinbarkeit. Im Amerikanischen würde man Wilson einen jock nennen – also einen jener Jungs, die im besten Fall ganz oben in der Hackordnung der High School stehen, Captain des Football-Vereins sind, mit den hübschesten Cheerleaderinnen ausgehen und von jedem gemocht oder zumindest beneidet werden. Schon bei Wilsons Äußerem kann jeder etwas finden, das ihn anspricht. Er hat ein kantiges Gesicht, aber sehr weiche Züge. Er hat ein charismatisches Lächeln, aber auch traurig wirkende braune Knopfaugen, die vielleicht von Abgründen erzählen, die man aber auch einfach nur niedlich finden kann.

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Dass sich Silent Night, Deadly Night von anderen Slasher-Filmen abgrenzt, hat viel damit zu tun, dass dieser jock zugleich Protagonist und Antagonist ist. Selten wird das Trauma, das Mörder in diesem Genre zum Töten antreibt, derart plastisch vor Augen geführt; und noch seltener sehen die Killer so gut aus. Der Film weiß um die Attraktivität seines Protagonisten, sie soll uns auch für Billy einnehmen. Eine Sexszene mit der naiv lieblichen Kollegin Pamela (die er später wie einen toten Fisch aufschneiden wird) ist von Kameraschwenks durchsetzt, die sich – für ein Jungsgenre wie dem Horrorfilm – ungewöhnlich stark für den nackten Männerkörper interessieren. Langsam tasten sie sich vor, von den kräftigen Beinen über den dunklen Flaum, der sich zwischen den Arschbacken erhebt, bis zu den sinnlich geöffneten Lippen, die immer wieder auf Pamelas Gesicht gepresst werden. Dass der sexuell traumatisierte Billy ausgerechnet in diesem Moment so selbstbewusst ist, liegt nur daran, dass es sich hier um einen Traum handelt.

Etwas Neues, Ungesehenes

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Die Wirklichkeit sieht schon anders aus. Sellnier macht sich einen Spaß daraus, den Lack von der Fassade der amerikanischen Vorstadtidylle zu kratzen. So wie er Weihnachten als Hort der Besinnlichkeit sabotiert, schändet er auch die Reinheit seines Hauptdarstellers. Es wimmelt nur so vor Irritationen, die sich in die Auftritte des Sonnyboys einschleichen. Der Film setzt einerseits den athletischen Körper eines ausgewachsenen Mannes ins Bild, zeigt Billy aber andererseits auch dabei, wie er in seiner Mittagspause kindlich unbeholfen am Boden herumlümmelt und an seiner Milchtüte nuckelt. Seine Erscheinung weckt Erwartungen an eine Perfektion, die durch die leeren Blicke sowie die ungelenken und zögerlichen Bewegungen nicht erfüllt werden.

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Der Soziologe Erving Goffman glaubte nicht daran, dass der Mensch so etwas wie einen authentischen Ausdruck hat. Stattdessen spiele jeder eine Reihe verschiedener Rollen, die an das jeweilige gesellschaftliche Umfeld angepasst sind. Billy spielt die Normalität demnach nicht mehr als der durchschnittliche jock. Er ist aber von seiner Rolle weniger überzeugt. Seine Andersartigkeit versucht er zu verdrängen, in dem er das totalitäre System, das ihn unterdrückt, selbst zu verkörpern beginnt. Das berühmte „Naughty“, das er seinen Opfern wie ferngesteuert zuraunt, verdichtet das Scheitern seines Dazugehören-Wollens. Nicht naughty sein, das heißt eben auch, sich an die Regeln einer Gesellschaft zu halten, die einen ausgrenzt.

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Wilson ist vermutlich mehr Material des Films als Autor seiner Darbietung. In jedem Fall ist er aber genau der Richtige für diese Rolle. Die Unzulänglichkeiten des Spiels passen ausgezeichnet zum Unvermögen Billys. Und dann sind da auch kleine Schönheitsfehler wie der leichte Silberblick oder der schon etwas lichte Haaransatz unter der 80s-Föhnwelle, durch die die Brüchigkeit schon in den Körper eingeschrieben ist. Wilson steht durchaus exemplarisch für die Heerscharen von un- bis semi-professionellen Schauspielern in Exploitationfilmen, deren Leistungen gerne belächelt oder heruntergespielt werden. Dabei kann man in der weniger ausgefeilten Herangehensweise an diesen Beruf auch eine Spielart der Outsider Art sehen: eine autodidaktische Kunst, die zwischen Klischees und handwerklichen Mängeln auch Neues, Ungesehenes und schwer Kategorisierbares schaffen kann (in dieser Hinsicht ist auch die exaltierte Darbietung von Wilsons Nachfolger Eric Freeman interessant.

Ein queerer Geist über der Langzeit-Soap

Thirtysomethings

Wilsons Balance zwischen Zerbrechlichkeit und Brutalität hat dazu geführt, dass ich mir seine überschaubare Filmografie einmal genauer ansehen wollte. Das Ergebnis war ernüchternd. In den meisten Fällen handelt es sich lediglich um bessere Statistenrollen. In der Serie Thirtysomething (1987–91) hat er beispielsweise einen Zwei-Sekunden-Auftritt als sportlicher Jedermann, der bei den Ladys punkten kann. In einer Folge von Houston Knights (1987-88) darf er als Barbesitzer mit Trucker-Cap sogar nur den Boden wischen. Serien wie diese wollen von ihm das Offensichtlichste. Er soll das Allerweltsgesicht sein: charismatisch und fesch, aber eben auch glatt und austauschbar.

Die interessanteren Auftritte absolvierte Wilson in campigen Seifenopern. Seine Normalität wird hier nicht bloß zur Schau gestellt, sondern auch angezweifelt. In einer Episode des Denver-Clans (Dynasty, 1981-89) darf er etwa als ungehobelter Rodwy Linda Evans bedrängen. Noch besser sind aber seine Flashback-Auftritte im California Clan (Santa Barbara, 1984-92), bei denen die schon in der Figur des Billy angelegte Queerness stärker in den Vordergrund rückt. Er spielt darin den Vorzeige-Spross der wohlhabenden Familie Capwell, der aber bereits fünf Jahre, bevor die Serienhandlung einsetzt, einem Mord zum Opfer fällt. Wie ein Geist schwebt er über der Langzeit-Soap. Wenn er überhaupt zu sehen ist, dann nur in kurzen Rückblenden, die vom Nebel der Vergangenheit getrübt sind.

California Clan

Sein properes Auftreten ist hier wie in Silent Night, Deadly Night ein Täuschungsmanöver. Irgendwann wird sich herausstellen, dass der vermeintliche Frauenschwarm eigentlich schwul und sein Leben nur eine Lüge war (was von der Serie, die zur Hochzeit der Aids-Ära entstand, auf  erwartbar verdruckste Weise thematisiert wird). Wieder haben wir es mit einem – diesmal eher gefühltem als tatsächlichem – amerikanischen Alptraum zu tun, der seinen Ursprung in der Andersartigkeit eines Einzelnen hat. Eine Mordserie zieht diese Enthüllung zwar nicht nach sich, aber Opfer gibt es auch in California Clan: Als Channings Vater Jahre später von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, muss er vor lauter Schreck gleich ins Krankenhaus eingeliefert werden.

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