Edition Jacques Rivette

Der Vertrieb flaxfilm hat damit begonnen, eine der größten Lücken im hiesigen DVD-Sortiment zu schließen. Seit dem 3.11.2006 ist die „Edition Jacques Rivette“, die drei der bekanntesten Filme der französischen Kinolegende vereint, erhältlich. Sowohl Die schöne Querulantin, als auch Die Viererbande und Die Geschichte von Marie und Julien erscheinen erstmals hierzulande auf DVD. Die insgesamt sechs Scheiben umfassende Box bietet einen perfekten Einstieg in das Werk des Regisseurs, dessen komplexe, zauberhafte Filme das französische Kino seit Jahrzehnten maßgeblich prägen und hierzulande bisher wenig rezipiert werden.

Die Filme Jacques Rivettes zu empfehlen fällt nicht schwer. Der Franzose hat die Kinolandschaft im letzten halben Jahrhundert geprägt. Zunächst als Chefredakteur der Cahiers du Cinéma, dann als Teil der Nouvelle Vague, in welcher er allerdings stets ein wenig im Schatten seiner Kollegen zu stehen schien. Weder boten seine Werke Anlass zu politischen Auseinandersetzungen wie die Arbeiten des Enfant terrible des Französischen Kinos, Jean-Luc Godard, noch gelangen ihm Publikumserfolge wie den weniger streitbaren François Truffaut und Claude Chabrol. Rivettes Position ist höchstens mit derjenigen Eric Rohmers zu vergleichen, dessen Werke eine ähnlich unverwechselbare Handschrift aufweisen. Allerdings waren Rivettes Filme stets ein wenig sperriger, schwerer zugänglich als die seines Kollegen. Und vor allem länger: Das vielleicht hervorstechendste Merkmal der Arbeiten des inzwischen fast Achtzigjährigen ist ihre oft extrem lange Laufzeit. Nie endet ein Werk vor der Zweistundenmarke, die längste Version seines vierten Spielfilms Out 1 (1971) dauert über 12 Stunden. Diese in mancher Hinsicht epische Konzeption, verbunden mit einer im französischen Kino seiner Generation selten anzutreffenden Vorliebe für fantasmatische Konstruktionen, stellt gleichzeitig den Grund für seine vergleichsweise marginale kommerzielle Position wie für den Kultstatus, den er bei vielen Kollegen und seiner eingeschworenen Anhängerschaft besitzt, dar.

Die Edition Jacques Rivette wird der Filmkunst des Regisseurs absolut gerecht. Die schöne Querulantin (La Belle Noiseuse, 1991), der auch einzeln erhältlich ist, erscheint sowohl in ganzer Länge, als auch in der als Divertimento bekannten und vor allem für das TV konzipierten zweistündigen, also beinahe halbierten Fassung. Dasselbe Prinzip wandte Rivette noch einmal bei seiner grandiosen Kriminalvariation Geheimsache (Secret défense, 1998) an. Leider verfügt das Divertimento über keinerlei Untertitelungen. Was allerdings gleichzeitig das einzige Manko dieser Edition, die schon optisch mit den faltbaren Papphüllen zu überzeugen weiß. Ein besonderes Highlight ist der Nachdruck einer erstmals 1994 erschienenen Ausgabe der Zeitschrift du mit dem Titel „Der Widerspenstige – Cinéaste Jacques Rivette“. Dieser bietet die Möglichkeit, wenigstens ansatzweise einen Einblick in die Diskurse der französischen Cinephilie, in welchen Rivette vor allem in den siebziger Jahren eine wichtige Rolle spielte, zu gewinnen.

Herz- und Kernstück der Box stellt Die Schöne Querulantin dar, der neben Céline und Julie fahren Boot (Céline et Julie vont en bateau, 1974) bekannteste und beim Publikum erfolgreichste Film des Regisseurs. Das lose an Motiven aus einer Erzählung Balzacs orientierte Werk ist der grandiose und bis heute einzigartige Versuch einer Neukonzeption des Verhältnisses zwischen Kino und Malerei. Thema ist die Entstehung eines einzigen Aktbildes von der ersten Skizze bis zum vollendeten Kunstwerk. Rivette ordnet die Kamera in vielen Sequenzen konsequent dem Pinsel unter, minutenlang verharrt erstere auf der Leinwand, die Michel Piccoli in seiner vielleicht eindrücklichsten Rolle als Maler Frenhofer bearbeitet. Auch das Verhältnis Frenhofers zu seinem Model Marianne (Emmanuelle Béart) spielt eine wichtige Rolle und wird mit derselben spielerischen Präzision beschrieben, die einen Teil des Zaubers der Filme Rivettes ausmacht.

Die schöne Querulantin, eines der letzten großen Meisterwerke des europäischen Autorenkinos, warf innerhalb Rivettes Werk seinen Schatten voraus. Im Vorgänger Die Viererbande (La bande des quatre), auf der Berlinale 1988 mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet, finden sich mehrere Verweise auf das spätere Opus. Die Viererbande, der in mancher Hinsicht für den Regisseur eine Rückkehr zu Themen und Milieu seiner ersten Arbeiten darstellte, verfolgt das Leben einer Gruppe junger Schauspielschülerinnen, die durch einen geheimnisvollen Mann in eine Verschwörung verwickelt werden, die in typisch rivettescher Manier bis zuletzt nicht vollständig aufgeklärt wird. Der Reiz, den Die Viererbande entwickelt, entsteht durch die zunehmende Verschmelzung theatralischer Zeichen mit der Lebenswirklichkeit der Frauen. Dies trägt zum extrem artifiziellen Eindruck des Werks bei, ebenso wie die Tatsache, dass der Film keinen direkten Zugang zum Ort seiner Handlung vermittelt. Paris, die Stadt, der Rivette stets neue Facetten abzugewinnen vermag, wird fast nur in extrem stilisierten Aufnahmen von Bahnfahrten sichtbar, die von verschwommenen Leuchtreklamen und verspiegelten Oberflächen geprägt sind. In dieser Hinsicht nimmt Die Viererbande den 10 Jahre späteren Geheimsache vorweg, in welchem das Motiv der hinter Glasscheiben eingefrorenen Stadt in den Mittelpunkt rückt.

Die Viererbande verbindet so manches mit Rivettes bislang letztem Film, Die Geschichte von Marie und Julien (Histoire de Marie et Julien, 2003). In beiden Werken finden sich für den französischen Regisseur typische Verquickungen: jene von Traum und Realität, sowie jene von Liebes- und Kriminalgeschichte. Während Die Viererbande jedoch gleichzeitig des Meisters geliebtes Bühnenmotiv aufgreift und die Handlung somit in einer, wenn auch theatralen, Realität verankert, gewinnt Die Geschichte von Marie und Julien zunehmend morbide Züge. Dies geschieht so subtil und meisterhaft, dass es ausgerechnet an Truffauts Der grüne Raum (La chambre verte, 1978) erinnert und gleichzeitig ein spannendes Kontrastprogramm zu Jonathan Glazers Birth bildet. Zudem spannt Rivette einen Bogen bis zu Hitchcock, einer Schlüsselfigur für die Autoren der Nouvelle Vague. Das zweite Mal nach Die schöne Querulantin agiert hier Emanuelle Béart vor der Kamera Rivettes für einen Ausnahmefilm.

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