Durchdringen bis zur Oberfläche: Die Kurzfilmtage Oberhausen 2017

Meta, meta, meta: Waren wir nicht schon mal weiter? Kurzfilme als größte Bastion der Postmoderne. 

Was hoffen die Regisseurinnen und Regisseure, die heute Kurzfilme machen, weil sie Kurzfilme machen wollen und nicht nur, um zu zeigen, dass sie bald auch einen Langfilm schaffen werden – ja, worauf hoffen sie eigentlich, wenn sie überhaupt hoffen? Darauf, mit ihren Kurzfilmen mehr als einen künstlerischen Ausdruck zu finden? Oder ist das vielleicht auch schon genug? Was sie wollen, nicht persönlich gesprochen, denn welche individuellen Absichten sie haben, ist mir nicht so wichtig, sondern welche Wollenskraft aus den Werken spricht, das interessiert mich.

Ein Spalt Unsicherheit

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Eine Szene, 34 Minuten lang. Eine schlechte Video-Aufzeichnung zeigt Joseph Beuys, Douglas Davis und Nam June Paik, wie sie zusammensitzen und über das Potenzial von Fernsehen sprechen. Sie träumen von einem globalen Parlament, direkter Demokratie über einen Rückkanal der zu Unrecht einseitigen Geräte. Es mag ein bisschen albern anmuten, und sie sind gerne albern, die drei. Albernheit ist nicht selten eine Vorstufe von Erkenntnis. Bill Viola hat die drei Künstler gefilmt, aber es gibt keinen Zweifel, dieses Video, es ist eines der Protagonisten, sie gestalten es. Weil sie etwas wollen und es performativ ermöglichen, in ihr Wollen hineinzugleiten und wieder rauszufinden. Sie buchstabieren ein Programm aus, nicht als Dekret, sondern als etwas, das performativ nachvollzogen werden muss, denn ihre Hoffnung auf ein soziales Fernsehen, auf eine Verständigung der (damaligen) Empfänger, die damit nicht mehr nur Empfänger sind, bedarf Offenheit, bedarf eines Spalts Unsicherheit, eines großen Spalts. In den kann die Wirklichkeit rein, aus ihm tritt die Wahrheit.

Ein Kollege wollte mich mal belehren und erklärte mir auf meine unbedachte Frage, wie die Ära nach der Postmoderne heißt, es könne nach der Postmoderne nichts mehr kommen. Wenn man sich das Programm der diesjährigen Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen ansieht, mag man meinen, dass da was dran ist. Wobei es natürlich gute Gegenargumente und -beispiele gibt, die, nun ja, inmitten der Postmoderne eine neue Sachlichkeit, eine Ernsthaftigkeit, eine Hoffnung auf Vermittlung erkennen lassen, die sich nicht als reine Spielart einer grenzenlosen Collage verstehen.

Programm im Schatten

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Das Thema, es ist fast immer das Spannendste am Programm der Kurzfilmtage. In diesem Jahr hat Tilman Baumgärtel, Medientheorie-Professor in Mainz und Autor unter anderem für die taz, ein besonders anregendes kuratiert. „Soziale Medien vor dem Internet“ heißt es und erforscht das, was im Titel steht, mit Filmen wie dem oben Beschriebenen, zwei von Farocki (aus seinem Studium), einem von Cristina Perincioli und vielem aus dem Fernsehen (oft ohne eindeutige Autoren wie in Kunst und Kino). Sie werfen Schatten auf das aktuelle Programm, weil in ihnen das Hoffen so deutlich ist.

Drei Kritiker laufen miteinander durch die Stadt, so könnte ein Witz beginnen. Vielleicht ist es auch einer: Die ausländische Kollegin fragt in die Runde, was es mit Bjørn Melhus auf sich hat, ob das ein deutscher Insider(-Joke) sei, warum der immer wieder in Oberhausen läuft und in diesem Jahr mit drei eigenständigen Programmen und einer Lecture-Performance gewürdigt wird? Ein netter Kritiker antwortet, man liebe oder hasse ihn – und er hasse ihn. Ich finde das viel zu freundlich, die Wirkung von Melhus auf Affekt-Reaktionen zu reduzieren. Sein neuer Film spielt in Vietnam, es geht um den Mond, eine Bucht, die nicht China-Bucht genannt werden soll, und um Tourismus. Es ist ein Versatzstückchen-Stück, Melhus wie immer sich selbst treu, grell, hässlich, verfremdend, in diesem Fall mit viel dokumentarischem Material und nur kurzen Intermezzi, in denen er mit anderer Stimme spricht. Einerseits ist offensichtlich, worum es geht, nämlich um so etwas wie Kapitalismuskritik und Propagandakritik und um die Absurdität von beidem. Andererseits ist mir wirklich schleierhaft, was da jenseits der Oberfläche einer an Oberflächen interessierten Oberflächenkritik drin steckt. Es müsste ja nicht unbedingt Substanz sein. Aber der Mut zur hässlichen (oder, eher: lieblosen) Oberfläche bricht sich nicht, sondern genügt sich im Witz, zu sein, was es ist, nein, sein zu können, was es ist.

Was zwischen Ernst und Spaß bleibt

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Etwas zu können, was andere sich nicht erlauben, oder sich nicht trauen, oder nicht beherrschen. Ja, so ein Könnenwollen, das ist ein Antrieb, der aus vielen Werken spricht. Gar nicht mal einfach, festzumachen, warum das manchmal, selten, von einem Können- zu einem Hoffenwollen eine Brücke schlägt. Wenn etwas durchdringt, durch die dicken Schichten an Sedimenten, die die vielen Gepflogenheiten des Kurzfilms über die Jahre abgelegt haben. Wenn etwas plötzlich ist und nicht nur sein will – klingt falsch, weil romantisch und klar wahrheitsgläubig, aber manchmal wirkt es so: Me Montage heißt der Höllenritt, den Dawood Hilmandi, ein aus Afghanistan in die Niederlande emigrierter Künstler, im internationalen Wettbewerb von Oberhausen zeigt. Es ist eine Geschichte über Migration, Existenzen Pre-, Post- und trotz Migration, und bahnt sich einen Weg an die unwahrscheinlichsten Orte, um Leben miteinander kurzzuschließen. Alles ist Medium in diesem wilden Mashup, und der Film weiß von der Vermitteltheit des Lebens – gerade wenn es darum geht, an das Leben zu glauben, mit kleinen Kindern, die sich zu einer Kamera verhalten. Wobei glauben vielleicht zu stark ist, denn nichts ist sicher, und diese Unsicherheit zu erfahren, macht sich der Film zur Aufgabe, aber er tut das nicht zur Verklärung, Verängstigung oder Verblendung, sondern weil er hofft.

Es gibt nicht viel zwischen großem Ernst und albernem Spaß, wenn man einmal von den auf die Dauer ermattenden (manchmal aber auch verführerischen) Formenspielen absieht. Es gibt da so etwas wie den Meta-Film par excellence, Narration von Thomas Taube (ein Meisterschüler bei Clemens von Wedemeyer), der ist weder das eine noch das andere und auch kein Formenspiel. Ein smarter Film, der smart sein will, über das Smartsein im Verhältnis zum Kino. Mir gefällt dagegen ein Film, erst mal etwas widerwillig, weil er so aufdringlich ist, und dann immer mehr, weil er sich aufdringlich verliert: pretty boyz don’t die von Jovana Reisinger ist ein waschechter Pop-Beitrag, mit Menschen in Perücken und ohnehin viel Bedacht auf Körper und Kostüm, der einiges Referenzielles auf heutige Hipsterkultur vorträgt und im Märchenonkel-Off-Kommentar dem Protagonisten Angst macht: Er sei so schön, dass ein Serienkiller ihn sich als nächstes Opfer suchen könnte. Junge Menschen in den Straßen von München, im Bahnhofsviertel, weil nur die Straßen vom Leben erzählen können, wenn es gesellschaftlich sein soll, oder weil es gesellschaftlich auf eine Weise sein soll, wie es Straßen erinnern, aus Zeiten, als Klaus Lemke lieber München als Berlin unsicher machte. Und so hoffen plötzlich in all der bunten Pracht eines Plots, der viel von der Albernheit von Plots weiß, die Oberflächen, dass Oberflächen wieder anders glänzen.

Kommentare zu „Durchdringen bis zur Oberfläche: Die Kurzfilmtage Oberhausen 2017“

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