Durch die Leinwand stechen

Die portugiesische Multimedia-Künstlerin Helena Almeida lotet in ihren Arbeiten die Grenzen des zweidimensionalen Bildes aus. Das Brüsseler Kunstzentrum Wiels widmet ihr eine sehenswerte Ausstellung, in der unter anderem ein Video zum digitalen Skizzenblock wird.

Helena Almeida Ausstellungsansicht 1  c  Bea Borgers

Wie hört sich eigentlich ein Bild an? Diese zunächst etwas seltsam anmutende Frage beantwortet die portugiesische Künstlerin Helena Almeida. In einer Tonaufnahme hält sie die Geräusche fest, die sie während des Zeichnens produziert. Weil es kein fertiges Bild gibt, mit dem wir diese Sounds abgleichen können, bleiben wir mit dem Kratzen, Schaben und Quietschen ganz allein. Dass diese Arbeit ausgerechnet See Me (1979) heißt, ist dabei nicht als spöttischer Witz über unser Unvermögen zu verstehen, sondern eine konkrete Aufforderung. Denn Almeida geht es um mehr, als einfach nur zu zeigen, wie sich eine Zeichnung anhört: Sie will, dass durch die Geräusche ein neues Bild entsteht.

Helena Almeida Ausstellungsansicht 2  c  Bea Borgers

Seit den 1960er Jahren arbeitet Helena Almeida mit unterschiedlichen Medien wie Malerei, Fotografie, Performance und Video. Dabei kristallisiert sich vor allem ein Leitmotiv in ihrem Werk heraus: ihr Versuch, die Grenzen des zweidimensionalen Bildes auszuloten. Nicht selten führt das dazu, dass sie die Bildoberfläche buchstäblich durchdringt. In ihrem Video Hear Me (1979) drückt sie sich etwa gegen eine weiße, halbtransparente Leinwand und reißt dabei immer wieder den Mund auf, als würde sie durch diese räumliche Beschränkung ersticken. Am Ende schreibt sie den Titel des Films auf die Leinwand und durchsticht sie mit ihrem Stift.

Künstlerische Penetrationen

Helena Almeida Ausstellungsansicht 3  c  Bea Borgers

Es finden sich bei Almeida immer wieder Momente, in denen der Bildraum geöffnet wird oder sich unterschiedliche Ebenen und Medien miteinander vermischen – ob in ihren lustigen, blau übermalten fotografischen Selbstporträts oder in ihren hübschen minimalistischen Papierarbeiten, in die sie Pferdehaare eingenäht hat. Man fühlt sich bei diesen künstlerischen Penetrationen ein bisschen an die aufgeschlitzten Leinwände ihres männlichen Kollegen Lucio Fontana erinnert – aber während seine Bilder von einem martialischen Gestus durchdrungen sind, hat ihre Arbeit trotz progressiven Ansätzen und feministischem Subtext häufig etwas Unbeschwertes, Neugieriges und Suchendes. Passenderweise handelt es sich bei einem von Almeidas jüngeren Werken um ein Video, das als Vorlage für eine Fotoserie diente. Der Körper der Künstlerin wird dabei zum fast abstrakten Formmaterial. Zu einer Arie aus Glucks Orpheus und Eurydike stützt sie sich auf einen Barhocker und vollzieht in Stöckelschuhen mühsame Körperverrenkungen. Mehr noch als bei anderen Arbeiten von Almeida haben wir es hier mit einer Studie, einem Experiment zu tun. Das Video übernimmt dabei die Funktion eines digitalen Skizzenblocks.

Helena Almeida Ausstellungsansicht 4  c  Bea Borgers

Noch bis zum 11. Dezember ist im Brüsseler Kunstzentrum Wiels eine ziemlich tolle Ausstellung von Almeida zu sehen, in der Werke aus all ihren Schaffensphasen versammelt sind. In dem ehemaligen Brauereigebäude mit seinen monumentalen hohen Wänden haben ihre Arbeiten nicht nur ausreichend Platz zum Atmen, sondern funktionieren – großzügig gehängt und durch die einheitlichen Holzrahmen harmonisch aufeinander abgestimmt – wie eine einzige Installation, in der man lustvoll über den Bildrand blicken kann.

Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es hier

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