Dreileben – Filme in Korrespondenz

Ist es ein „Aufbruch der Filmemacher“ im TV? Oder ein „Deutschland im Herbst“ ohne RAF? Die drei Filmemacher Christoph Hochhäusler, Christian Petzold und Dominik Graf haben sich zusammengetan, um „Filme in Korrespondenz“ zu realisieren. Produziert wird das außergewöhnliche Projekt Dreileben in einer Koproduktion von WDR, BR und ARD degeto. Die ersten Drehtage haben just begonnen.

TEIL 1: CHRISTOPH HOCHHÄUSLER DREHT „EINE MINUTE DUNKEL“

Auflö6sungsgespräch mit Kameramann Reinhold Vorschneider

Eigentlich ist es einer der letzten Tage dieses Sommers, aber die Spitzen des dunklen Nadelwalds sind nebelverhangen. Unten im Tal liegt die Stadt Suhl, das „Tor zum Thüringer Wald“, die „Waffenstadt“, in der schon zu Kaiserzeiten Schussbüchsen hergestellt wurden. Ein paar Motive wollen sich die drei Filmemacher Christoph Hochhäusler, Christian Petzold und Dominik Graf von dieser Stadt leihen, um den titelgebenden fiktiven Schauplatz ihres Projekts, Dreileben, erzählen zu können. Dreileben, irgendwo in Deutschland, irgendwann im Spätsommer. Das soll das gemeinsame Setting sein.

Schauspieler Stefan Kurt als Mörder Frank Molesch

Inspiriert sind die drei Drehbücher von jenen Sommerlochsfällen, die immer wieder für Aufregung sorgen: Riesenpythons, Raubtiere oder Sexualstraftäter brechen aus ihrem Gehege aus und werden über Wochen vergeblich gesucht – der „Summer of Sam“ im New York des Jahres 1977 oder der Fall Zurwehme in der BRD im Jahr 1999 sind die vielleicht bekanntesten Beispiele für jene „ungeraden Sommer“ ohne Olympiade und Fußballweltmeisterschaft. Von einem solchen „ungeraden Sommer“ wollen die drei Regisseure erzählen, allerdings ohne dabei faktische Einzelheiten wiederzugeben. Petzold sagt hierzu: „Es sollen drei eigenständige Filme entstehen, die sich wie drei Zeugen auf sehr unterschiedliche Weise an einen Sommer erinnern. Jeder der Filme erzählt eine eigene Wahrheit.“

Die Wahrheit, der sich Christoph Hochhäusler widmen will, ist die Geschichte des Täters. Sein Film wird dessen Spuren folgen, während Dominik Grafs Geschichte um die Polizeipsychologin kreist und Christian Petzold einen Zivildienstleistenden in den Fokus rückt, dem der Täter entkommen ist.

Hochhäuslermit Luna Mijovic

Es ist der dritte Drehtag von Hochhäusler, der erste am Motiv der in den siebziger Jahren erbauten Sportschussanlage, die ebenfalls in allen drei Filmen auftauchen wird. Entlang der sich durch den Wald schlängelnden Auffahrt zum Schussgelände stehen vier Digitalkameras auf meterhohen Stativen, durch Seile gegen den Wind geschützt. Es nieselt leise, Hochhäusler gibt ein Handzeichen. Am Ende des langen Wegs taucht eine junge Frau im roten Kleid auf, ein Jackett hat sie über die nackten Schultern geworfen, Lehmspuren sind an ihren Armen. Sie rennt, stolpert immer wieder und versucht schließlich in der Schießsportanlage Zuflucht zu finden. Verfolgt wird sie von einem blutverschmierten, stoisch trottenden Mann, der in seiner rechten Hand ein Messer hält.

EineÜberwachungs Kamerawirdmontiert

Was Hochhäusler hier über seinen Monitor beobachtet, ist eine kurze Szene, die in seinem Film als automatisch aufgezeichnete Überwachungssequenz zu sehen sein wird. Verfremdet, geometrisch kadriert, sich jeglichem Eingriff verweigernd. Selbst diese Überwachungsbilder, die später im Film über einen Kontrollbildschirm zu sehen sein werden, zeichnen sich durch jene ästhetische Klarheit aus, um die sich der studierte Architekt Hochhäusler in seinen Filmen immer wieder bemüht - dieses Mal in einer ersten Zusammenarbeit mit dem überaus erfahrenen Kameramann Reinhold Vorschneider, der durch seine zahlreichen und sehr unterschiedlichen Arbeiten mit Angela Schanelec, Thomas Arslan und Benjamin Heisenberg schon fast als Auge der Berliner Schule bezeichnet werden kann (drei aktuelle Beispiele sind Orly, Der Räuber und Im Schatten).

Das Drehbuchvon CHochhäusler

Das Projekt Dreileben, soviel steht fest, wird vor allem formal und ästhetisch spannungsreich werden, prallen hier doch drei sehr unterschiedliche Handschriften aufeinander. Und drei sehr unterschiedliche Gemüter, wie vor allem einem vor drei Jahren von Revolver herausgegebenen Mailwechsel der drei Filmemacher über die Berliner Schule zu entnehmen ist: Dominik Graf schimpft hier über die „Schneewittchenfilme“ der Berliner Schule, in denen die Schauspieler manchmal ganz schön wertvoll „dreinschauen“, als wollten sie sagen: „Achtung, ich spiele jetzt eine wertvolle Emotion, denn ich spiele in einem wertvollen Film!" und fragt, ob es bald ein „Berliner Schule Zertifikat“ oder einen „Revolver e.V.“ geben würde. Dafür muss er sich von Hochhäusler anhören, dass die von ihm befolgten Genre-Regeln „doch eher die einfachen Ausflüchte sind“. Es geht hier sehr ehrlich, aber immer sachlich zwischen Hochhäusler, Petzold und Graf hin und her und an ihrer hitzigen Debatte wird eine Art Status Quo der deutschen Filmlandschaft ablesbar: Die auf Autorenschaft bedachten Protagonisten der Berliner Schule auf der einen Seite, und auf der anderen der dem Genre zugeneigte Dominik Graf, dessen Filme – auch wenn sie nicht auf seinen eigenen Büchern basieren – eine unverkennbare Handschrift tragen. Im besten Falle wird das Projekt Dreileben diese beiden, stilistisch voneinander weit entfernten, aber intellektuell und geistig sicherlich verwandten Pole des zeitgenössischen deutschen Films widerspiegeln.

Hochhäusler und Vorschneider

Dreileben ist aus einer Lust an der Auseinandersetzung entstanden und vielleicht auch aus einem Bedürfnis heraus, in einem gemeinsamen Projekt die eigene Position abzustecken. Es handelt sich bei diesem Projekt insofern keineswegs um einen der vielen ausgedachten Kompilationsfilme wie Paris, je t’aime (2006), New York, I love you (2009) oder Ten Minutes Older (2002), für die große Namen eingekauft wurden, um kleine Filme zu drehen, die später in einer kanonisierten DVD-Box vermarktet werden können, in der dann schon für jeden etwas dabei sein wird. Dreileben ist keine Produzentenidee, sondern eine Filmemacheridee! In Deutschland 09 (2009) wurde vor einem Jahr die unglaubliche Heterogenität der deutschen Kinolandschaft sichtbar, die von Chirstoph Hochhäusler und Angela Schanelec, über Wolfgang Becker, Fatih Akin und Dani Levy bis hin zu Dominik Graf reicht. Kurzfilme durften sie damals alle drehen. Jetzt entstehen drei Spielfilme von drei Filmemachern, ein Konzentrat des deutschen Films, sozusagen – produziert vom deutschen Fernsehen, dessen Redakteure an den unerwartetsten Stelle immer wieder durch ihren Mut überraschen (wie auch schon im Fall von Dominik Grafs Mehrteiler Im Angesicht des Verbrechens oder Klaus Lemkes Schmutziger Süden, beide 2010).

Petzoldund Hochhäusler

In welcher Beziehung werden diese drei Filme nun zueinander stehen? Auch wenn sich Motive und sogar Darsteller teilweise überschneiden, werden doch drei völlig eigenständige Filmhandlungen entstehen, die man allenfalls als ungleiche „Geschwisterfilme“ bezeichnen könnte, wie Christoph Hochhäusler erzählt: „Die Filme bauen nicht aufeinander auf oder funktionieren wie Puzzlesteine. Die Beziehungen zwischen den Filmen sind eher periphär. Es wird nicht so sein, dass ein Film die Lösung des Rätsels von einem anderen bringt.“ In einem Exposee von Christian Petzold heißt es zu diesem Punkt: „Drei Geschichten. Drei Filme. Jeder der Filme wird 90 Minuten lang sein. Sie werden sich begegnen. Kreuzen. Nebeneinander sein. Für sich sein.“

Heute ist Christian Petzold als Gast bei den Dreharbeiten seines Regie-Kollegen, eine für ihn vollkommen neuartige Erfahrung, denn zum ersten Mal ist es nicht er, der am Set spontan Antworten auf alle erdenklichen Fragen bereithalten muss. Gerne beobachtet er den etwas jüngeren Hochhäusler bei der Arbeit und nimmt seine Arbeitsweise und sein Set als überraschend ruhig wahr. Gekommen ist er vor allem, um die Dreharbeiten jener Szene zu beobachten, die zu dem Mord einer der Figuren führen wird, die in seinem eigenen Film dann als Hauptfigur agiert. Er steht in etwas Distanz zum Set vor der „Schützenklause“ und scherzt mit der Darstellerin. In wenigen Tagen beginnen seine Dreharbeiten.

Am 14. September besuchen wir ihn an seinem Drehort.

– Fortsetzung folgt –

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