Dreileben – Filme in Korrespondenz (3)

Inzwischen haben alle drei Filmemacher ihre Arbeit am Set beendet und mit dem Schnitt begonnen. Der dritte Teil der Reportage lässt die Dreharbeiten von Christian Petzold Revue passieren.

TEIL 3: CHRISTIAN PETZOLD DREHT „ETWAS BESSERES ALS DEN TOD“

Petzold und Kameramann Hanns Fromm

Eine Höhle im tiefsten Thüringer Wald. Das Zimmermädchen (Luna Mijovic) des TREFF Hotels steht davor und ruft ins Dunkle hinein: „Was soll das?“ Sie vermutet ihren Freund (Jacob Matschenz) in der Höhle. Tatsächlich sitzt jedoch der Mörder Molesch (Stefan Kurt) darin. Er ist die Hauptfigur aus Christoph Hochhäuslers Film Eine Minute Dunkel. Die Szene, die hier vor der Höhle gedreht wird, ist ein weiterer Überschneidungsmoment der drei Filme von Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. Die Stimme von Luna Mijovic hallt in der felsigen Schlucht nach. Erst nach einer guten halben Minute löst sich die Spannung, und Christian Petzold beendet den Take mit einem kurzen und bestimmten „Danke“.

Zur Vorbereitung der Dreharbeiten ist Petzold mit seinen Schauspielern ein Wochenende lang im Thüringer Wald spazieren gegangen. Er hat ihnen die Geschichten und die Geschichte der Gegend erzählt, damit sie ein Gefühl für die Orte bekommen. Außerdem sieht er sich beinahe täglich mit ihnen einzelne Szenen anderer Filme an, die einen inhaltlichen oder ästhetischen Bezug zu seinem eigenen  haben. Die Filmlisten stellt der Kritiker Bert Rebhandl für ihn zusammen. Das eigentliche Drehbuch, so scheint es, spielt am Set für Petzold gar keine große Rolle mehr. Stattdessen beschreibt er seinen Schauspielern immer wieder die Situation, in der sie sich befinden – ohne dabei Dialoge oder Gesten vorzuschreiben. Die Kameraarbeit hingegen legt er sehr präzise fest. Im Gespräch mit Kameramann Hans Fromm zerlegt Petzold die Szenen in vier bis fünf klar definierte Einstellungen.

Kamerateam Petzold

„Sehr übersichtlich“ nennt Dominik Graf die Arbeit seines Berliner Kollegen und bezieht sich dabei mit verschmitztem Lächeln auf einen Sketch von Loriot, in dem es um die Nouvelle Cuisine und die Größe ihrer Tellergerichte geht. Graf ist dabei jedoch weit davon entfernt, über die Arbeitsweise der Berliner Schule zu spotten. Ganz im Gegenteil: „Man soll sich verdammt noch mal überlegen, wo man seine Kamera aufbaut. Dieser standardisierten Leni-Riefenstahl-Ästhetik mit den Establishing Shots vom Kran hat die Berliner Schule ganz entschieden etwas entgegengesetzt. Deswegen war mir die Wichtigkeit der Bewegung spätestens nach Die innere Sicherheit (2000) klar.“

Auf Establishing Shots soll in Dreileben gänzlich verzichtet werden. Christoph Hochhäusler, der vor seinem Studium der Filmregie Architektur studierte, hatte zu einem der Vorbereitungstreffen der drei Regisseure eine große Zeichnung von einem Thüringer Tal mitgebracht, auf dem die zentralen Spielorte der drei Geschichten aufgezeichnet waren: ein Hotel, ein Krankenhaus, eine Tankstelle, ein Golfclub, das Schießsportzentrum. Petzold erklärt: „Christoph hat das Tal gezeichnet, damit wir dieses Bild nicht in unseren Filmen haben müssen. Das Bild, das Steven Spielberg an den Anfang seiner Filme setzen würde, wollten wir lediglich an den Anfang unserer Überlegungen setzen. Wir wollten keine Totale von dem Ort Dreileben zeigen. Keiner von uns!“

Petzold

Am Nachmittag rast das Polizei-Sonderkommando aus Dominik Grafs Handlungsstrang mit lautem Getöse an dem Liebespaar aus Petzolds Film vorbei – es wird nach Hochhäuslers Hauptfigur gefahndet. Ein Film jagt hier den anderen. Christoph Hochhäusler beschreibt mit dem Begriff der „Erzählglocke“ sehr plastisch, wie sich die drei Handlungsstränge einen fiktionalen Raum teilen. Vor allem an jenen Drehorten, die in allen drei Filmen auftauchen, ist spürbar, dass sie bereits durch die anderen Geschichten aufgeladen oder markiert sind. So entwickelt sich zwischen den drei Filmen von Dreileben beinahe eine werkimmanente Historizität.

Es bleibt zu hoffen, dass sich neben der Fernsehauswertung, die voraussichtlich in drei aufeinanderfolgenden Wochen stattfinden wird, ein Kinoverleih finden lässt, der alle drei Filme gemeinsam herausbringt, sodass sie an einem Abend hintereinander gesehen werden können. Nur so kann die Tiefe des gemeinsamen fiktionalen Raums, den die drei Autoren in ihren Filmen betreten, erfahren werden. Dreileben, so scheint es nach drei Setbesuchen, soll mehr werden als eine filmische Trilogie. Vielleicht könnte man das Projekt am ehesten eine filmische Skulptur nennen, eine Matrix, in der jeder Raum erst durch die Zeit vollständig erfahrbar wird.

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